Ist es selbstverständlich, dass Gott ist?

Ist es selbstverständlich, dass Gott ist?

1) Argumente:
a) "Selbstverständlich" ist das, dessen Erkenntnis uns von Natur aus gegeben ist. Der heilige Kirchenvater Johannes von Damaskus aber sagt: "Die Erkenntnis Gottes ist allen Menschen von Natur eingepflanzt". Es ist also selbstverständlich, dass Gott ist.

b) "Selbstverständlich" oder "selbst einleuchtend" sind jene Sätze, bei denen mit dem Bekanntsein der Wortbedeutung auch die Richtigkeit des Satzes sofort einleuchtet [nach: Aristoteles]

Beispiel: Wer die Bedeutung der Worte "das Ganze" und "der Teil" kennt, weiß sofort, dass jedes Ganze größer ist als einer seiner Teile.

Sobald man die Bedeutung des Begriffs "Gott" kennt, weiß man auch, dass es Gott gibt, da Gott dasjenige ist, "über das hinaus sich nichts Größeres denken lässt" [nach: Hl. Anselm von Canterbury]. Wenn aber etwas im Denken und in der Wirklichkeit existiert, so ist dieses etwas größer als das, was nur im Denken ist. Dadurch, dass man die Bedeutung des Wortes "Gott" kennt, existiert "Gott" im Denken: "Gott" muss es also auch in der Wirklichkeit geben, weil "Gott" eben das ist, über das hinaus man nichts Größeres denken kann. Es ist also selbstverständlich, dass Gott ist.

c) Es ist selbstverständlich, dass es eine Wahrheit gibt, da selbst die Verleugnung dessen faktisch zu einer Wahrheit führt. Gott ist aber die Wahrheit nach den Worten des Herrn: "Ich bin der Weg, und die Wahrheit, und das Leben" (Johannes 14,6). Es ist also selbstverständlich, dass Gott ist.

2) Andererseits:
Aristoteles zeigt an den obersten Grenzen allen Beweisens, dass keiner das Gegenteil dessen, was selbstverständlich ist, denken kann
.
Das Gegenteil von der Aussage "es gibt einen Gott" lässt sich aber nach der Heiligen Schrift denken:
"Es spricht der Tor in seinem Herzen: es gibt keinen Gott!" (Psalm 52,1)
Also ist es nicht selbstverständlich, dass Gott ist.

3) Antwort:
Etwas kann in zweifacher Weise selbstverständlich sein:

i) so, dass es zwar in sich selbstverständlich ist, aber nicht für uns und
ii) so, dass es auch für uns selbstverständlich ist

Beispiel eines selbst einleuchtenden Satzes: Ein Hund (Subjekt) ist ein Tier (Prädikat).

Wenn alle wissen, was mit dem Subjekt und dem Prädikat gemeint ist, dann ist die Wahrheit des Satzes allen selbstverständlich. Die Selbstverständlichkeit zeigt sich auch, wenn das Subjekt (im Beispielsatz: "Hund") im Prädikat ("Tier") enthalten ist.

Es besteht aber nun das Problem, dass nicht alle Wortbedeutungen allen Menschen bekannt ist.
Die Aussage "Gott ist" (das heißt: Gott existiert) ist in sich selbstverständlich, da Gott sein Sein (/Dasein) ist: in diesem Fall wären Subjekt und Prädikat gleich. Da wir aber nicht wissen, was genau "Gott" ist, ist uns das Dasein Gottes nicht selbstverständlich.

4) Gegenargumente zu 1:
1a) Die Erkenntnis Gottes ist den Menschen von Natur aus nur in einem allgemeinen, unbestimmten Sinne eingepflanzt. Der Mensch als ein durch Gott geschaffenes Wesen kann nur in Gott selig werden; dieses Streben nach Glückseligkeit ist uns Menschen von Natur aus eingepflanzt. Wonach aber der Mensch strebt, muss er auch irgendwie erkennen.
Dennoch lässt sich hieraus keine eigentliche und selbstverständliche Erkenntnis des Daseins Gottes ergeben, denn. So heißt einen Menschen von weitem zu sehen nicht, dass man erkennt, dass es sich um eine bestimmte Person handelt. Des Weiteren sehen nicht wenige Menschen in materiellen Gütern ihr höchstes Gut.

1b) Nicht jeder Mensch versteht unter dem Begriff "Gott" das "über das hinaus, sich nichts Größeres denken lässt".
Setzt man dennoch diese Definition voraus, so ergibt sich aber daraus nicht, dass "Gott" wirklich ein real-existierendes Wesen ist (ein Seiendes), da der Begriff sich nur in unserem Denken befindet: es muss vorher festgestellt werden, dass es tatsächlich etwas gibt, über das hinaus man nichts Größeres denken kann.

1c) Es ist selbstverständlich, dass es überhaupt Wahrheit gibt. Dass es aber eine erste Wahrheit gibt (Gott), ist für uns nicht selbstverständlich.