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Das Leben: eine christliche Perspektive

Wenn man über das Leben spricht, so finde ich, dass zwei zentrale Themen immer behandelt werden müssen, die für das menschliche Dasein von fundamentaler Bedeutung sind: die Sinnfrage und das Problem des Leids.

Ich bin der Meinung, dass wir Menschen als vernunftbegabte Wesen auch in der Pflicht stehen, uns unserer Vernunft zu bedienen und Themen, die uns unbedingt angehen, intellektuell zu beleuchten; wir müssen uns mit ihnen befassen. Die Durchleuchtung irgendeiner Idee als Prozess der Vertiefung des Verständnisses zeigt, dass es letztlich um Wahrheit geht. Der menschliche Geist, der in rechter Weise gebraucht wird, scheint also auf die Wahrheit hin ausgerichtet zu sein. Doch nicht nur der Geist, sondern der Mensch als ganzer Organismus hat sich nach der erkannten Wahrheit zu richten. Denn was wäre ein Mensch, der zwar etwas für wahr erkannt hat, sich aber weigert nach der erkannten Wahrheit zu handeln?

Er wäre ein Mensch, der die Lüge der Wahrheit vorzieht – ein Mensch, der sich selbst im Dunkeln hält und ein echtes Fortschreiten seiner Selbst verhindert. Wenn aber von Fortschritt gesprochen wird, dann setzen wir ein gewisses Ziel voraus. Denn nur, wenn etwas auf ein bestimmtes Ziel hin geordnet ist, kann es auf dem Weg dorthin fortschreiten. Ohne Zielorientierung gäbe es keinen Fortschritt, sondern lediglich eine Veränderung.

Das Fehlen eines Ziels – oder eines Zwecks – bedingt nicht nur das Fehlen eines Fortschritts, sondern auch das Fehlen des Sinns. „Zweck„ scheint begrifflich sowohl die Intention – also das Vorhaben – als auch das Ziel von etwas zusammenzuhalten. Man könnte also nun sagen, dass z.B. eine bestimmte Handlung dann sinnvoll ist, wenn sie eine intentionale, zielgerichtete/zweckmäßige Handlung ist.

Wenn „Zweck„ oder Intention fundamental relevant für das Sinnvollsein irgendeiner Sache ist, dann müssen wir auch einsehen, dass das Bewusstsein ebenso wichtig ist – denn ohne Bewusstsein gibt es keine Intention; es gäbe nur Zufall, der sich dadurch auszeichnet, dass ein bestimmtes Geschehen ungeplant und ungewollt eintritt. Die Frage, ob das Leben einen Sinn hat, impliziert also die Frage nach einem Bewusstsein, welches das Leben an sich intendiert – d.h. gewollt – hat und es auf ein bestimmtes Ziel hin richtete. Kurz gesagt: die Frage nach einem objektiven Sinn des Lebens ist die Frage nach dem Schöpfer, nach Gott.

Ehe ich auf die christliche Perspektive bezüglich des Lebenssinns komme, möchte ich vorher noch eine Sicht ansprechen, die bei Agnostikern und Atheisten sich großer Beliebtheit erfreut. Es geht um die Theorie, dass es ausreicht, wenn man sich selbst den Sinn gibt: wenn man also sein Leben auf Ziele hin ordnet, die man sich selbst ausgesucht hat. Man würde auf diese Weise sinnvoll leben. Dies ist eine Ansicht, die in der westlichen Gesellschaft, die seit der sog. „Erleuchtung„ eine anthropozentrische Wende hinsichtlich der Weltsicht erlebte, weit verbreitet ist; man bräuchte keinen Gott, der einen objektiven Sinn des Lebens garantiert, es reicht vollkommen die subjektive Gestaltung des eigenen Lebens. Die neue Norm für das Leben ist die Subjektivität: das Subjekt setzt für sich alle Maßstäbe.

Das Leben eines friedliebenden Menschenrechtlers wäre genauso sinnvoll wie das Leben eines Adolf Hitlers – denn beide weisen eine bewusst zielorientierte Lebensführung auf. An dieser Stelle bemerkt man vielleicht schon, dass die streng subjektivistische Weltsicht mangelhaft ist. Sie ist aber nicht nur mangelhaft, sondern gar unvernünftig! Gäbe es nämlich keinen objektiven Lebenssinn, so wären alle rein-subjektiven Sinngebungen des Menschen illusorisch. Wir tun als ob das Leben einen Sinn hätte.

Kein Mensch gab sich selbst das eigene Leben, sondern bekommt es aus einer anderen Quelle; wir sind kontingente Wesen – wir erklären uns nicht selbst, sondern verweisen stets auf etwas vor uns. Keiner hat das eigene Leben selbst intendiert und geschaffen; und demnach kann auch kein Mensch das objektive Ziel des Lebens festlegen. Der Mensch kann lediglich gewisse sinnvolle Handlungen im Rahmen des Lebens vollziehen – dem eigenen Leben selbst Sinn verleihen wäre aber nur möglich, wenn es einen Schöpfer gibt, nach dessen Willen man lebt: nur die willentliche Ordnung des menschlichen Lebens auf das von Gott gesetzte objektive Ziel hin gewährleistet dem Menschen ein wahrlich sinnvolles Leben.
Hier zeigt sich auch, dass Sinn mit Wahrheit intrinsisch verbunden ist: nur wenn das Ziel, auf das hin man sich richtet, wahr ist, ist die Ausrichtung der Handlung/des Lebens sinnvoll – ansonsten hätte man nur die Illusion, wonach die Handlung sinnlos wird, weil ein illusorisches Ziel nicht zur Verwirklichung der Intention führen kann.

Wer also sinnvoll leben möchte, muss sich zwangsläufig die Wahrheitsfrage stellen.

Was aber ist der Sinn des Lebens nach christlicher Überzeugung? Wozu sind wir hier? Die christliche Antwort besagt, dass wir hier sind, um Gott zu kennen und Ihm in Treue und Liebe zu dienen und so das ewige Leben mit Ihm zu erlangen. Bedeutet das nun, dass wir nur hier sind, um zu dienen? Was heißt das überhaupt, wenn man davon spricht, Gott zu dienen? Jemandem dienen heißt, sich dem Willen desjenigen, dem man dient, zu fügen: das zu tun, was der Herr will. Das wird freilich zunächst recht abstoßend wirken für moderne Menschen, die in einer Gesellschaft der „Freiheit„ und „Selbstverwirklichung„ aufgewachsen sind. Mit „Dienst„ verbindet man ja eine Beschneidung der eigenen Möglichkeiten – ja des eigenen Willens. Statt also den eigenen Willen zu tun, muss man sich dem eines Anderen fügen. Ob das sinnvoll sein kann? Hierbei ist es unerlässlich zu begreifen, dass Gott selbst die Wahrheit, die Liebe und das Leben ist. Gott dienen hieße also, den Weg der Wahrheit, der Liebe und des Lebens zu gehen: das ist das sinnvolle Leben überhaupt: ein „Leben in Fülle„.

Der trinitarische Gott ist die Liebe selbst und hat den Menschen aus Liebe (das ist die Intention), durch die Liebe (Gott hat sich keines Mittels bedient zur Erschaffung der Welt, sondern erschuf alles „ex nihilo„ – aus dem Nichts) und für die Liebe (das ist das objektive Ziel) geschaffen.

Da Gott aber Wahrheit, Liebe und Leben selbst ist, lässt sich die Formel verkürzen zu: Gott hat uns für sich geschaffen.
Jeder Mensch möchte ein sinnvolles und glückliches Leben führen. Damit das Leben aber sinnvoll und glücklich sein kann, bedarf es des Lebens, der Liebe und der Wahrheit. Ohne Leben gäbe es nämlich weder Sinn noch Glückseligkeit, ohne Liebe gäbe es keine Glückseligkeit, und ohne Wahrheit gäbe es weder Sinn noch Liebe, sondern nur die trügerische Illusion, die sich früher oder später in leidvolle Erkenntnis umwandeln wird.

Der dreieinige Gott, den die Christen anbeten, ist also der Gott des Lebens, der Liebe und der Wahrheit: Er ist der Sinn unseres Daseins.

Wer Gott so sieht, wie Er sich geoffenbart hat, wird merken, dass die katholische Religion keine Tyrannei von unmenschlichen und unrealistischen Geboten und Verboten ist, die Menschen „unfrei„ macht und sie von der Verwirklichung ihrer Selbst abhält, sondern gerade den Menschen hilft, sich von den Illusionen der Welt zu befreien und sich so auf den Weg zu begeben, der zur Vervollkommnung ihres Daseins führt.

Und dann bemerkt man, wie paradox doch die ganze Situation ist: Das, was zunächst als „Dienst„ und „Unterwerfung„ aufgefasst wurde, ist in Wirklichkeit, der Weg, der frei macht und zu einem „Leben in Fülle„ führt.

Soweit scheint alles ganz in Ordnung zu sein. Wie steht es aber mit dem Leid? Kann man ernsthaft daran glauben, dass Gott die Liebe selbst ist, wo es doch so viel Leid auf der Welt gibt? Viele sagen ehrlich, dass sie nicht glauben können, dass ein Gott, der die Liebe selbst ist, das ganze Leid auf dieser Welt zulassen könnte.

Nun, die Hl. Schrift sagt Folgendes im Buch Ezechiel (18,32): „Ich habe ja kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch Gottes, des Herrn. So kehrt um und ihr sollt leben.„
Und weiter heißt es im Buch Jesus Sirach (15,17): „Vor dem Menschen liegen Leben und Tod; was er will, wird ihm gegeben.„

Diese zwei Passagen zeigen deutlich die Haltung Gottes zu unserem Leid: Gott möchte den Tod des Menschen nicht, Er will das Leid nicht. Dennoch lässt Gott das Leid zu, denn Er gibt dem Menschen das, was der Mensch sich wählt. Natürlich wird kein normaler Mensch sagen, dass er für sich Leid und Tod wählt. Hier liegt aber wie bei der oben dargestellten paradoxen Situation eine Schwierigkeit, die in einer stark anthropozentrischen Weltsicht begründet liegt, die nicht wirklich in die Tiefe des Mysteriums des Lebens geht: das Buch Genesis sagt ausdrücklich, dass der Tod – also auch das Leid – die Folge der Sünde ist. Sünde hingegen ist jeglicher wissentliche Willensakt, der sich nicht am Willen Gottes orientiert – also jede Tat (ob durch Tun oder Unterlassung, ob durch äußeres Handeln ausgedrückt oder nur im bewussten Willen), die dem Leben, der Liebe und der Wahrheit entgegengesetzt ist.

Da Gott das Leben ist, führt der Versuch sich von Ihm loszulösen unweigerlich zum Tode. Da Gott die Liebe und die Wahrheit ist, führt die Loslösung von Ihm zum Verlust der Glückseligkeit und des Sinns: zum Leid. Sünde ist Absage an Gott, Absage an Leben, Liebe und Wahrheit. Und da Gott die Liebe ist, zwingt Er niemanden dazu, Ihn anzunehmen: der Mensch hat die Wahl zwischen Gott und Sünde – zwischen Leben und Tod – und das, was der Mensch will, wird ihm gegeben.

Wer verstanden hat, was Gott ist und was die Sünde, wird auch verstehen, dass das Böse nicht etwas von Gott Erschaffenes ist, sondern die Folge des Stolzes und Ungehorsams des menschlichen Willens ist.

Was ist aber mit Naturkatastrophen? Diese möchte ich analog zum Verhältnis zwischen dem menschlichen Geist und seinem Leib nach dem Sündenfall versuchen zu erklären. Der Hl. Augustinus von Hippo lehrte einst, dass als Strafe/Folge für den Ungehorsam des Menschen gegenüber Gott der Mensch nun den Ungehorsam am eigenen Leibe spüren sollte: am Leibe, den Gott dem Menschen gegeben hat für sein Leben. Der Leib, den der Mensch von Gott hat und der sich ursprünglich dem Willen des Menschen gefügt hat, scheint nun eine andere Ausrichtung zu haben als diejenige des menschlichen Willens. Der Leib wiedersetzt sich manchmal dem Geiste und versucht sogar auch Einfluss auf den Geist zu gewinnen.

Wer z.B. fastet und mit sehr leckerem Essen konfrontiert wird, wird merken, dass der Leib regelrecht nach dem Leckerbissen schmachtet, wohingegen der Geist eigentlich fasten möchte. So herrscht im Menschen die Unordnung, die er durch seinen Ungehorsam gegenüber Gott in die Schöpfung gebracht hat. Der ihm gegebene Leib folgt nicht immer dem Befehl des Geistes – die menschliche Natur ist verwundet – aber nicht vollkommen zerstört.

Dasselbe erfahren wir in Naturkatastrophen: die Schöpfung wurde von Gott der Obhut des Menschen anvertraut: der Mensch solle die Welt verwalten, über sie herrschen. Wie der Leib dem Geist des Menschen unterworfen war im Rahmen der objektiven Ordnung auf Gott hin, so war die Welt der menschlichen Rasse unterworfen. Doch wie die Unordnung im Verhältnis zwischen Geist und Leib, gibt es nach dem Sündenfall auch eine Unordnung im Verhältnis zwischen der menschlichen Rasse und der Natur: ab und an scheint sich die Natur regelrecht gegen den Menschen aufzubäumen und bringt ihm Leid und Tod. Die Sünde brachte also nicht nur Unordnung in den Menschen hinein, sondern auch in die Welt: nicht nur menschliche Natur, sondern die Natur/Welt überhaupt ist nun verwundet.

Was soll man davon halten? Aus christlicher Sicht kann man sagen, dass die Frage nach der Rechtfertigung Gottes im Angesicht des Leids in der Welt eine falsch gestellte Frage ist. Sie ist nicht sinnvoll, denn das Leid wird gerade zur Notwendigkeit, wenn man den Sündenfall bedenkt. Nähme man dies nicht an, so ginge man von einer Sicht aus, nach der man sich von Leben, Liebe und Wahrheit – also Gott – entfernen kann ohne negative Konsequenzen zu erleiden.
Leid und Tod sind Symptome eines Zustands von Mangel: es fehlt etwas – nämlich Gott, der Leben, Glückseligkeit und Sinn gibt. So stimmt es, wenn das Böse als „privatio boni„ – Mangel des Guten – erklärt wird.

Leid und Tod sind so gesehen also keine „Argumente„ gegen die Existenz Gottes, sondern sind wie ein Wegweiser, der geradewegs auf Gott zeigt, den man verlassen hat.

Der Mensch reagiert trotzdem negativ gegenüber Naturkatastrophen, die Leid und Tod bringen. Es ist beachtlich, dass der Mensch natürlich auf dieser Weise reagiert, denn die Reaktion zeugt von einem Gerechtigkeitssinn. Man geht also doch – bewusst oder unbewusst – von einer Vorstellung aus, wie die Dinge doch sein müssten, aber eben nicht sind. Diese Reaktion zeigt für mich eine unbewusste Erkenntnis der Tatsache, dass wir in einer gefallenen Welt leben – eben nicht mehr die ursprünglich gute Schöpfung ohne Leid und Tod – und dass es anders – ja besser – sein müsste.

Zum Schluss möchte ich noch auf das Verhältnis zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt eingehen, die beide nach dem christlichen Glauben zum Leben gehören.

Es ist wichtig zu bedenken, dass wir Katholiken an eine „Analogia Entis„ glauben: dass wir also an der geschaffenen Welt die Herrlichkeit Gottes sehen können – wir können also vom Sichtbaren gewisse Rückschlüsse auf das Unsichtbare schließen. Dass es in diesem Leben keine Vollkommenheit gibt, ist wohl jedem Menschen klar: wir sind alle gezeichnet von Erfolgen, aber auch vom Scheitern – von Freuden, aber auch vom Leid. Es scheint als wären wir in diesem leben immer mit beiden Dingen, dem Guten und dem Bösen, konfrontiert: unsere Natur und die Natur als solche sind eben verwundet – weder vollkommen perfekt noch vollends zerstört. Wenn der Sinn des Lebens aber Gott ist, dann muss es zu einer endgültigen Entscheidung kommen: entweder Leben in Fülle mit Gott oder „der zweite Tod„ in der ewigen Ablehnung Gottes.

Das jetzige Leben, das wir haben, ist sehr kurz im Vergleich zur Ewigkeit. Und in diesem kurzen Leben lässt Gott uns schon die Folgen der Sünde spüren als mahnende und lehrende Strafe, auf dass wir umkehren und den Weg des Lebens, der Wahrheit und der Liebe begehen. Nur wer seine Zeit hier nicht in rechter Weise nützt und sich nicht um das Leben, die Wahrheit und die Liebe bemüht und diese in Christus findet, wird alle drei am Ende endgültig verlieren.

So erhält jeder Moment des kurzen und vergänglichen Lebens auf Erden einen immensen Wert, wenn man ihn im Hinblick auf die Ewigkeit betrachtet. Solange wir leben, können wir uns dem sinnvollen Leben zuwenden. Solange wir uns aber der Herrschaft der Sünde in Unordnung unterwerfen, werden wir leiden und dem Tod ausgeliefert sein. Wir müssen uns von der verkehrten Sicht der Anthropozentrik verabschieden und uns einem Leben auf Gott hin zuwenden. Wer die Ausrichtung des Geistes auf die Wahrheit nicht befolgt, stürzt sich selbst ins eigene Verderben. Nicht das Endliche, sondern das Ewige soll unsere höchste Priorität sein.

„Wer im Vertrauen auf sein Fleisch sät, wird von Fleisch verderben ernten; wer aber im Vertrauen auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten.„ Galater 6,8

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