Jesus von Nazareth der Schlüssel zum christentum

Authentizität und Glaubwürdigkeit

 
Das Sen­dungs­be­wußt­sein Jesu

Im Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Eine ent­schei­dende Frage, die wir an Jesus Chris­tus rich­ten müs­sen, lau­tet: „Was hältst du von dir selbst?“ Das Selbst­be­wußt­sein eines Men­schen ist für die Bewer­tung und die Beur­tei­lung sei­ner Per­son aus­schlag­ge­bend. Denn ent­we­der es stimmt, dann deckt es sich mit dem objek­ti­ven Befund; oder es stimmt nicht, dann ist der Betref­fende einem Irr­tum oder einer Täu­schung erle­gen. Las­sen Sie sich die­ses klare Ent­we­der – Oder nicht ver­ne­beln! Las­sen Sie sich nichts vor­ma­chen! Es kommt alles dar­auf an, ob Jesus der von Gott gesandte Offen­ba­rer ist oder nicht. Wir wol­len nicht eine Reli­gion wie andere haben. Wir wol­len die abso­lute Reli­gion besit­zen, die der Sohn des himm­li­schen Vaters uns gebracht hat.

Daß Jesus ein beson­de­res Sen­dungs­be­wußt­sein in sich trug, unter­liegt kei­nem Zwei­fel. Er hat oft und oft sich als den vom Vater Gesand­ten bezeich­net. 25 mal im Johan­nes­evan­ge­lium spricht Jesus von sich selbst als von dem, den der Vater gesandt hat. Der Vater ist selbst­ver­ständ­lich Gott, der himm­li­sche Vater. Jesus sagt nach dem Zeug­nis des Johan­nes­evan­ge­li­ums: Ich bin nicht von mir selbst gekom­men und von mir selbst aus­ge­gan­gen. Ich bin nicht ein selbst­er­nann­ter Offen­ba­rer (so besagt das), son­dern der Vater im Him­mel hat mich gesandt. Ich bin nicht gekom­men, mei­nen Wil­len zu erfül­len, son­dern den Wil­len des­sen, der mich gesandt hat. Ich habe nicht aus mir selbst gere­det, son­dern ich habe gere­det und ver­kün­det, was der Vater mir zu reden und zu ver­kün­den gebo­ten hat.

Da ver­sucht man, einen Gegen­satz zu kon­stru­ie­ren zwi­schen dem Johan­nes­evan­ge­lium und den drei ande­ren Evan­ge­lien. Ja, sagt man, bei Johan­nes, da ist das Sen­dungs­be­wußt­sein aus­ge­spro­chen, aber das ist eben aus einer spä­te­ren Zeit. Die syn­op­ti­schen Evan­ge­lien (also Matt­häus, Mar­kus und Lukas) spre­chen das nicht aus. O doch! Wenn Jesus pre­di­gend durch die Lande zieht, dann sagt er: Dazu bin ich aus­ge­gan­gen, dazu bin ich gekom­men! Und wenn er seine Auf­gabe beschreibt, deret­we­gen er unter­wegs ist, dann sagt er: Ich bin gekom­men, nicht das Gesetz auf­zu­he­ben, son­dern es zu erfül­len. Ich bin gekom­men, nicht Gerechte zu beru­fen, son­dern Sün­der. In den Men­schen­sohn-Wor­ten hebt er her­vor, daß der Men­schen­sohn gekom­men ist, sein Leben als Löse­geld für die vie­len zu geben. Auch in den syn­op­ti­schen Evan­ge­lien steht also das Leben Jesu unter dem Auf­trag des Vaters. Daher kommt die Ziel­klar­heit sei­nes Wol­lens, daher die Ent­schie­den­heit sei­nes Tuns; daher auch die Fremd­heit auf Erden und die Dis­tanz gegen­über der Welt. Weil er dem Vater ange­hört, des­we­gen hat er eine Hei­mat­s­ehn­sucht. „Wie lange noch soll ich bei euch blei­ben, wie lange noch euch ertra­gen?“, so bricht es ein­mal aus ihm her­vor. Jesus hatte ein über­mensch­li­ches Selbst- und Sen­dungs­be­wußt­sein. Er wußte sich vom Vater im Him­mel gesandt auf diese Erde. „Ein Feuer auf die Erde zu wer­fen, bin ich gekom­men, und was will ich anders, als daß es ent­flammt wäre!“

Aber schließt die­ses Sen­dungs­be­wußt­sein auch ein, daß er der Mes­sias war? Ein evan­ge­li­scher Theo­loge, Wil­liam Wrede, hat ein­mal ein Buch geschrie­ben: „Das Mes­si­as­ge­heim­nis in den Evan­ge­lien“. Darin ver­tritt er die These, Jesus habe sich gar nicht als den Mes­sias ver­stan­den, son­dern die Gemeinde habe ihn nach sei­nem Tode zum Mes­sias erhöht. Sie habe ihm die Mes­si­as­würde über­tra­gen, die er selbst gar nicht in Anspruch genom­men habe. Ich würde den Wil­liam Wrede nicht erwäh­nen, wenn er nicht im katho­li­schen Bereich Nach­spre­cher gefun­den hätte, die ähn­li­ches oder das­selbe sagen. Ist Jesus der Mes­sias gewe­sen oder nicht? Hat er sich als den Mes­sias ver­stan­den oder nicht? Das ist die ent­schei­dende Alter­na­tive.

Das ganze Auf­tre­ten Jesu, die Begeis­te­rung, die er zeit­weise erweckte, das Auf­se­hen, das er her­vor­rief, der Haß, der ihn traf, die Ableh­nung, die er erfuhr, die Span­nung, die über sei­nem gan­zen Leben und Wir­ken lag, läßt sich nur erklä­ren, wenn er in Anspruch genom­men hat, der Mes­sias zu sein. Seine Jün­ger haben ihn als den Mes­sias ver­stan­den, wenn auch mit­un­ter mit einer fal­schen Mes­si­a­s­auf­fas­sung; denn wie könn­ten die bei­den Söhne des Zebe­däus sonst sagen: „Herr, wenn du in dein Reich kommst, sag, daß einer zur Rech­ten und einer zur Lin­ken sit­zen darf“? Das Volk hat ihn als einen Pro­phe­ten ange­se­hen, aber auch als mehr als einen Pro­phe­ten. „Was ist denn das für einer, daß ihm sogar der Wind und die Wel­len gehor­chen?“ So sagen die Men­schen nach der Stil­lung des See­stur­mes. Und bei sei­nen Wun­dern bricht das Volk in die Worte aus: „So etwas haben wir über­haupt noch nicht gese­hen.“ Die Men­schen haben die Ein­zig­ar­tig­keit der Erschei­nung Jesu gespürt. Sein Ein­zug in Jeru­sa­lem war ein mes­sia­ni­sches Ereig­nis. „Hosanna dem Sohne Davids!“ Das war eine Bezeich­nung für den Mes­sias. Der Mes­sias mußte aus dem Stamme Davids kom­men; und wer jetzt gefei­ert wurde als der Sohn Davids, der war der Mes­sias. Jesus hat das nicht abge­lehnt; er hat die Hul­di­gung ange­nom­men. Wenn er nicht der Mes­sias gewe­sen wäre, wenn er sich nicht als der Mes­sias ver­stan­den hätte, dann hätte er sich dage­gen weh­ren müs­sen. Dann hätte er sagen müs­sen: „Ihr habt unrecht.“ Nein, er hat sich die Hul­di­gung gefal­len las­sen. Und er hat auch mit genü­gen­der Bestimmt­heit sich als den Mes­sias bekannt allen denen gegen­über, die ein Recht hat­ten, von ihm Aus­kunft zu ver­lan­gen. Das war zunächst Johan­nes der Täu­fer. Er war im Gefäng­nis, und es scheint – so kann man jeden­falls die Frage deu­ten –, daß er unsi­cher gewor­den war in bezug auf das Auf­tre­ten Jesu. Viel­leicht hatte er es sich anders vor­ge­stellt. Und so fragte er durch seine Jün­ger, die er zu Jesus schickte: „Bist du der Kom­mende, oder sol­len wir auf einen ande­ren war­ten?“ Der Kom­mende, das ist nie­mand ande­res als der Mes­sias; denn der Täu­fer hatte ja davon gespro­chen, daß einer nach ihm kom­men werde, dem die Schuh­rie­men zu lösen er nicht wür­dig sei. Und was ant­wor­tet Jesus? „Blinde sehen, Lahme gehen, Aus­sät­zige wer­den rein, Taube hören, Tote ste­hen auf, Armen wird Heils­bot­schaft ver­kün­det, und Heil dem, der sich an mir nicht ärgert!“ Was ist das für eine Ant­wort? Das ist eine aus dem Weis­sa­gungs­schatz des Alten Tes­ta­men­tes genom­mene Ant­wort. So hatte näm­lich der Pro­phet Isaias den Mes­sias geschil­dert, wenn er kommt, daß er mit sei­ner Wun­der­macht die Kran­ken heilt und die Tau­ben mit dem Gehör ver­sieht. Wer also jetzt sagt, daß das alles in ihm in Erfül­lung gegan­gen ist, der erklärt damit: Ich bin der Mes­sias. In der Ein­sam­keit von Cäsarea Phil­ippi fragt Jesus die Jün­ger, für wen die Leute ihn hal­ten. Und da kom­men die ver­schie­de­nen Ansich­ten zutage: Die einen mei­nen, er wäre Elias, andere hal­ten ihn für Jere­mias oder einen der Pro­phe­ten. Und dann stellt Jesus die Frage: „Für wen aber hal­tet ihr mich?“ Da bekennt Petrus im Namen des Jün­ger­krei­ses: „Du bist der Chris­tus!“ Das ist das grie­chi­sche Wort für das hebräi­sche Maschiach – Mes­sias. „Du bist der Mes­sias!“ So bekennt Petrus. Und der Herr nimmt die­ses Bekennt­nis an. Ja, er zeich­net den Petrus aus. Weil er die­ses Bekennt­nis abge­legt hat, des­we­gen macht er ihn zum Fel­sen­mann, des­we­gen gibt er ihm die Schlüs­sel des Him­mel­rei­ches.

Eine letzte Bezeu­gung sei­ner Mes­si­as­würde hat er geleis­tet im Ange­sichte des Todes. Sein Pro­zeß war ein mes­sia­ni­scher Pro­zeß. Er wurde ange­klagt, weil er in Anspruch nahm, der Mes­sias zu sein. Der Hohe­pries­ter Kai­phas fragte ihn im Pro­zeß: „Bist du Chris­tus, der Sohn des Hoch­ge­lob­ten?“ Die höchste jüdi­sche Auto­ri­tät heischte von ihm Aus­kunft über sein Selbst­be­wußt­sein, über sein Wür­de­be­wußt­sein, über sein Sen­dungs­be­wußt­sein. „Bist du der Chris­tus, der Mes­sias, der Sohn des Hoch­ge­lob­ten?“ Klar und ent­schie­den kommt die Ant­wort: „Ich bin es.“ Im Ange­sichte des Todes hat Jesus sich zum Mes­si­as­be­wußt­sein bekannt, hat er seine Mes­si­as­würde bekun­det. Im Ange­sichte des Todes ist er kei­nen Deut von sei­nem Anspruch, der Mes­sias zu sein, abge­wi­chen.

Nun gibt es aber – und dar­auf weist der pro­tes­tan­ti­sche Autor Wrede hin – eine Reihe von Stel­len in den Evan­ge­lien, wo Jesus den Dämo­nen, die ihn erken­nen, ver­bie­tet, ihn bekannt zu machen, wo er den Jün­gern sagt, sie soll­ten nicht dar­über spre­chen, daß er der Mes­sias sei. Aha, sagt Wrede, da sieht man es. Die Gemeinde hat hier zu erklä­ren ver­sucht, warum die Mes­sia­ni­tät Jesu (die sie bekannte) im Leben Jesu keine Rolle gespielt hat; sie wollte die (angeb­li­che) Tat­sa­che ver­tu­schen, daß Jesus sich nicht als den Mes­sias ver­stan­den hat. Sie hat des­we­gen diese Schwei­ge­ge­bote in das Evan­ge­lium ein­ge­fügt. O nein, meine lie­ben Freunde, die Reserve und die Vor­sicht, die Jesus gegen­über dem Titel des Mes­sias ange­wen­det hat, hat einen ganz ande­ren Grund. Es gab näm­lich damals eine vor­herr­schende, poli­tisch-natio­nale Mes­si­a­s­auf­fas­sung. Das Volk stellte sich den Mes­sias vor als den poli­ti­schen Befreier, und zwar als den Befreier von der römi­schen Besat­zung. Die Men­schen der dama­li­gen Zeit waren der Mei­nung, daß der Mes­sias in einem wun­der­ba­ren Auf­schwung das Volk zum Auf­stand auf­ru­fen werde gegen die Besat­zungs­macht, daß er die Feinde ver­nich­ten und die Welt­herr­schaft Israels begrün­den werde. Eine sol­che Mes­si­a­s­auf­fas­sung hatte Jesus aller­dings nicht. Er wollte nicht ein poli­tisch-natio­na­ler, son­dern ein reli­giö­ser Mes­sias sein. Des­we­gen weist er alles ab, was in die Rich­tung des Poli­tisch-Natio­na­len geht. Bei der Steu­er­frage sagt er: „Gebt dem Kai­ser, was des Kai­sers ist, und Gott, was Got­tes ist!“ Er läßt sich nicht pro­vo­zie­ren. Als die Mas­sen ihn nach der Brot­ver­meh­rung zum König machen wol­len, da ent­zieht er sich ihnen. Er will kein Brot­kö­nig sein, denn er gibt eine unver­gäng­li­che Speise.

Jesus hat die irdi­schen, welt­li­chen Mes­sia­ser­war­tun­gen ent­schie­den abge­lehnt. Da kommt ein Mann zu ihm und bit­tet: „Sage mei­nem Bru­der, er solle das Erbe mit mir tei­len!“ „Mensch“, fährt Jesus ihn an, „Mensch, wer hat mich zum Erb­tei­ler über euch gesetzt?“ Er mischt sich nicht in irdi­sche Geschäfte, in Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­hei­ten ein. Jesus hat die fal­sche Mes­si­as­würde, die fal­sche Mes­si­a­s­auf­fas­sung abge­lehnt, um der rich­ti­gen den Weg zu berei­ten. Und er hat es des­we­gen vor­ge­zo­gen, sich häu­fi­ger mit einem ganz ande­ren Wort zu bezeich­nen als Mes­sias, näm­lich mit dem Wort Men­schen­sohn. 70 mal in den Evan­ge­lien nennt er sich selbst den Men­schen­sohn. Was ist das für eine Bezeich­nung – der Men­schen­sohn? Woher kommt sie? Nicht aus dem Man­däis­mus, wie pro­tes­tan­ti­sche For­scher behaup­ten, son­dern die Bezeich­nung als Men­schen­sohn stammt aus dem Alten Tes­ta­ment, aus dem 7. Kapi­tel des Buches des Pro­phe­ten Daniel. Da hat Daniel eine Vision. Er sieht einen Men­schen­sohn, der vor Gott geführt wird. Gott über­trägt ihm die Herr­schaft, die ewige Herr­schaft, die nie­mals enden wird. Das ist die Vor­stel­lung, die Jesus auf sich bezo­gen hat. Er ist der Men­schen­sohn nach Dan 7. Und das ist eine Hoheits­vor­stel­lung, nicht eine Nied­rig­keits­an­schau­ung, der Men­schen­sohn ist einer, der Herr­schaft und Macht und Gewalt besitzt. Und dazu hat er sich bekannt im Ange­sicht des Todes, in sei­nem Pro­zesse: „Ihr wer­det den Men­schen­sohn sehen mit den Wol­ken des Him­mels kom­men.“

Frei­lich ver­bin­det er die­ses Men­schen­sohn-Ideal mit dem lei­den­den Got­tes­knecht bei Isaias, im Buche der Reden des Isaias. Der Men­schen­sohn ist gekom­men, zu lei­den. Er muß beschimpft, er muß ver­spot­tet, er muß gekreu­zigt wer­den. Der Men­schen­sohn ist gekom­men, sein Leben als Löse­geld für die vie­len hin­zu­ge­ben. Das ist die Mes­si­a­s­auf­fas­sung, die Jesus gehabt hat. Er ist der Mes­sias, aber er ist der Mes­sias nach den Vor­stel­lun­gen Got­tes und nicht nach den Mei­nun­gen der Men­schen. Er ist der Men­schen­sohn, der von Gott gesandte Men­schen­sohn, der einst in Macht und Herr­lich­keit wie­der­kom­men wird. Aber er ist auch der zer­tre­tene Wurm, der die Schuld und die Sünde der Welt auf sich nimmt und am Kreuze ver­blu­tet.

Wir haben also kei­nen Anlaß, meine lie­ben Freunde, am Selbst- und Sen­dungs­be­wußt­sein unse­res Hei­lan­des zu zwei­feln. Er hat sich als den Mes­sias Got­tes ver­stan­den. Er hat das Bekennt­nis des Petrus ange­nom­men: „Du bist der Mes­sias, der Sohn des Hoch­ge­lob­ten!“ Er hat ihm geant­wor­tet: „Wahr­haf­tig, nicht Fleisch und Blut hat dir das geof­fen­bart, son­dern mein Vater, der im Him­mel ist.“

Amen.

Mit freundlicher Genehmigung „Professor Georg May - Das Sen­dungs­be­wußt­sein Jesu . www.Glaubenswahrheit.org“