StartseiteJungfrau Maria - GottesgebärerinDas Magnificat – ein Selbstporträt Mariens

Das Magnificat – ein Selbstporträt Mariens

(Das Magnificat ist eine) großartige Dichtung, die aus dem Munde, ja aus dem Herzen Mariens kam und vom Heiligen Geist inspiriert war. In diesem wundervollen Lied spiegelt sich die ganze Seele Mariens wider, ihre ganze Persönlichkeit. Wir können sagen, dass dieser Gesang ein Porträt, eine wahre Ikone Marias ist, in der wir sie so sehen können, wie sie ist.

[Papst Benedikt XVI In Castel Gandolfo, 15.8.2005] Betrachtungen zu einzelnen Versen des Magnificat

Meine Seele preist die Größe des Herrn

Dieser großartige Gesang … beginnt mit dem Wort „Magnificat“: Meine Seele „macht den Herrn groß“, das heißt sie „preist die Größe des Herrn“. Maria möchte, dass der Herr in der Welt, in ihrem Leben groß ist, dass er unter uns allen gegenwärtig ist.


Sie hat keine Angst, dass der Herr ein „Konkurrent“ in unserem Leben sein könnte, dass er uns durch seine Größe etwas von unserer Freiheit, unserem Lebensraum nehmen könnte. Sie weiß, dass wenn Gott groß ist, auch wir groß sind. Unser Leben wird nicht unterdrückt, sondern es wird erhöht und weitet sich: gerade dann wird es groß im Glanz Gottes.

Die Tatsache, dass unsere Stammeltern das Gegenteil dachten, war der Kern der Erbsünde. Sie fürchteten, dass wenn Gott zu groß wäre, er ihnen etwas von ihrem Leben nehmen würde. Sie dachten, sie müssten Gott zurücksetzen, um Freiraum für sich selbst zu haben. Das war auch die große Versuchung der Moderne, der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Immer häufiger hat man gedacht und auch gesagt: „Aber dieser Gott lässt uns nicht unsere Freiheit, mit all seinen Geboten engt er unseren Lebensraum ein. Gott muss also verschwinden; wir wollen autonom sein, unabhängig. Ohne diesen Gott werden wir selbst Götter sein und das tun, was wir wollen.“

Dies waren auch die Gedanken des verlorenen Sohnes, der nicht verstanden hat, dass er gerade dadurch, dass er im Haus des Vaters war, „frei“ war. Er ging weit weg in fremde Länder und verschleuderte sein Vermögen. Letztendlich sah er sein, dass er – gerade weil er sich vom Vater entfernt hatte – anstatt frei zu sein, ein Sklave geworden war. Er erkannte, dass er nur durch die Rückkehr in das Haus des Vaters wirklich frei sein würde, in der ganzen Schönheit des Lebens. So ist es auch in der Moderne.

Zuerst dachten und glaubten wir, wir würden, wenn wir Gott beiseite ließen und autonom würden und nur unseren Ideen, unserem Willen folgten, wirklich frei, weil wir alles tun könnten, was wir wollten, ohne dass uns jemand irgendwelche Befehle geben könne. Aber wo Gott verschwindet, wird der Mensch nicht größer. Im Gegenteil: Er verliert seine göttliche Würde, er verliert den göttlichen Glanz auf seinem Angesicht.

Schließlich erweist er sich nur als Produkt einer blinden Evolution und als solches kann er gebraucht und missbraucht werden. Gerade das hat die Erfahrung dieser unserer Zeit bestätigt. Nur wenn Gott groß ist, ist auch der Mensch groß. Mit Maria sollen wir beginnen zu verstehen, dass dies so ist.

Wir dürfen uns nicht von Gott entfernen, sondern wir müssen Gott gegenwärtig sein lassen. Wir sollen Ihn in unserem Leben groß sein lassen, dann werden auch wir göttlich werden, und all der Glanz der göttlichen Würde wird dann auch uns zuteil. Es ist wichtig, dass Gott unter uns groß ist, dass Gott zum Beispiel durch das Zeichen des Kreuzes in den öffentlichen Gebäuden gegenwärtig ist und dass er in unserem gemeinschaftlichen Leben gegenwärtig ist, denn nur wenn Gott gegenwärtig ist, haben wir eine Orientierung, einen gemeinsamen Weg. Andernfalls werden die Gegensätze unversöhnlich, weil die Anerkennung einer gemeinsamen Würde fehlt. Lassen wir Gott groß sein im öffentlichen und privaten Leben.

Das bedeutet auch, dass wir Gott jeden Tag im persönlichen Leben Raum geben, angefangen beim morgendlichen Gebet, und dass wir Gott Zeit geben, indem wir den Sonntag Gott schenken. Wir verlieren unsere freie Zeit nicht, wenn wir sie Gott schenken. Wenn Gott in unsere Zeit eintritt, wird die ganze Zeit größer, weiter, reicher. [In Castel Gandolfo, 15.8.05]

Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter

Im Magnificat … trefen wir auf überraschende Worte. Maria sagt: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ Die Mutter des Herrn prophezeit das für alle Zeit bestehende Marienlob der Kirche, die Marienverehrung des Gottesvolkes bis an das Ende der Zeiten. Mit dem Lobpreis Marias hat die Kirche nichts erfunden, was „neben“ der Schrift steht, sondern vielmehr jene Prophezeiung erfüllt, die Maria in jenem Augenblick der Gnade ausgesprochen hat.

Diese Worte Marias waren nicht nur persönliche, vielleicht eigenmächtige Worte. Wie Lukas berichtet, hatte Elisabet, vom Heiligen Geist erfüllt, ausgerufen: „Selig ist die, die geglaubt hat“. Und Maria setzt, ebenfalls vom Heiligen Geist erfüllt, die Worte Elisabets fort und vervollständigt sie, indem sie sagt: „Von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“.

Das ist eine wahre vom Heiligen Geist inspirierte Prophezeiung, in der Verehrung Maris entspricht die Kirche einem Gebot des Heiligen Gottes und tut, was sie tun muss. Wir loben Gott nicht genug, wenn wir über seine Heiligen schweigen, insbesondere über „die Heilige“, Maria, die seine Wohnung auf Erden geworden ist.

Das einfache und facettenreiche Licht Gottes erscheint uns in seiner Vielfalt und in seinem Reichtum allein auf dem Antlitz der Heiligen, die der wahre Spiegel seines Lichtes sind. Und vor allem im Antlitz Marias können wir die Schönheit Gottes, seine Güte und Barmherzigkeit mehr erkennen als auf andere Art und Weise. Auf ihrem Antlitz können wir das göttliche Licht wirklich wahrnehmen.

„Von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ Wir können Maria preisen, sie verehren, weil sie „selig“ ist, selig für immer. … Sie ist selig, weil sie mit Gott verbunden ist, mit ihm und in ihm lebt.

Am Vorabend seines Leidens sagte der Herr, von den Seinen Abschied nehmend: „Ich gehe, um im großen Haus des Vaters einen Platz für euch vorzubereiten. Im Haus des Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Und indem sie sagt: „Ich bin deine Magd, dein Wille geschehe“, hat Maria die Wohnung Gottes hier auf Erden vorbereitet; mit Leib und Seele ist sie seine Wohnstatt geworden und hat so die Erde dem Himmel geöffnet …

Hören wir nochmals die Worte Elisabets, die im Magnifikat Marias ergänzt werden: „Selig, ist die, die geglaubt hat.“ Der erste und grundlegende Schritt, um Wohnstätte Gottes zu werden und so die endgültige Glückseligkeit zu finden, ist zu glauben, ist der Glaube, der Glaube an Gott, an jenen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat und sich im göttlichen Wort der Heiligen Schrift an uns wendet. … Glauben bedeutet, dem vom Wort Gottes vorgegebenen Weg folgen.
[In Castel Gandolfo, 15.8.06]

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten

Diesem fundamentalen Akt des Glaubens, der ein existentieller Akt, seine Stellungnahme für das ganze Leben ist, fügt Maria ein weiteres Wort hinzu: „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.“ Mit der ganzen Heiligen Schrift spricht sie von „Gottesfurcht“, ein Wort, das wir vielleicht nicht so recht kennen oder lieben. Aber „Gottesfurcht“ ist keine Angst, sondern etwas ganz anderes.

Als Kinder haben wir keine Angst vor dem Vater, wohl aber Ehrfurcht vor Gott, die Sorge, jene Liebe zu zerstören, auf die unser Leben gegründet ist. Gottesfurcht ist jenes Bewusstsein für die Verantwortung, das wir haben müssen, Verantwortung für den Teil der Welt, der uns im Leben anvertraut ist. Verantwortung, diesen Teil der Welt und der Geschichte, der wir sind, gut zu verwalten und so dem rechten Aufbau der Welt, dem Sieg des Guten und des Friedens zu dienen.

„Von nun an preisen mich selig alle Geschlechter“: Das bedeutet, dass die Zukunft das, was vor uns liegt, Gott gehört, in seinen Händen liegt, dass Gott siegen wird. … Bitten wir Maria, Königin des Friedens, um ihre Hilfe, damit der Frieden siegt, heute: „Königin des Friedens, bitte für uns.“ Amen! [In Castel Gandolfo, 15.8.06]

Zum Nachdenken und Beten: Maria, zuhause im Wort Gottes

Dieses Gedicht Marias – das Mgnificat – ist vollkommen neuartig: dennoch ist es zugleich ein „Gewebe“, das ganz aus „Fäden“ des Alten Testaments besteht, aus dem Wort Gottes. Und so sehen wir, dass Maria sozusagen im Wort Gottes „zu Hause“ war, vom Wort Gottes lebte und vom Wort Gottes durchdrungen war. In dem Maß, in dem sie mit den Worten Gottes sprach, mit ihnen dachte, waren ihre Gedanken die Gedanken Gottes, waren ihre Worte die Worte Gottes. Sie ar vom göttlichen Licht durchdrungen und deshalb war sie so leuchtend, so gütig, so strahlend vor Liebe und Güte. Maria lebt vom Wort Gottes, sie ist vom Wort Gottes durchdrungen.

Und dieses Eingetaucht-Sein in das Wort Gottes, diese vollständige Vertrautheit mit ihm schenkt ihr auch das innere Licht der Weisheit. Wer mit Gott denkt, denkt gut, und wer mit Gott spricht, spricht gut. Er hat Urteilskriterien, die für alle Dinge dieser Welt gelten. Er wird klug, weise und gleichzeitig gut; er wird auch stark und mutig mit der Kraft Gottes, die dem Bösen widersteht und das Gute in der Welt fördert.

Und so spricht Maria mit uns, sie spricht zu uns und lädt uns ein, das Wort Gottes kennenzulernen, das Wort Gottes zu lieben, mit dem Wort Gottes zu leben, mit dem Wort Gottes zu denken.

Dies können wir auf ganz verschiedene Weise tun: indem wir die Heilige Schrift lesen, und vor allem indem wir an der Liturgie teilnehmen, in der die heilige Kirche im Lauf des Jahres vor uns das Buch der Heiligen Schrift öffnet. [In Castel Gandolfo, 15.8.05]

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