Jesus von Nazareth der Schlüssel zum christentum

Das Selbst­be­wußt­sein Jesu

Im Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Das Selbst­be­wußt­sein Jesu über­schrei­tet mensch­li­che Schran­ken. Man hat ver­sucht, es als unge­schicht­lich zu erwei­sen. Aber diese Ver­su­che sind geschei­tert. Wer Jesus den­noch in die Gren­zen des Natür­lich-Mensch­li­chen ein­schrän­ken will, der muß behaup­ten, die­ses Selbst­be­wußt­sein sei unbe­rech­tigt. Es ist dann unbe­rech­tigt, wenn sich ent­we­der Jesus über sich selbst getäuscht hat, wenn er also im Irr­tum war, oder wenn er die ande­ren über sich getäuscht hat, wenn er ein Betrü­ger war. Das Selbst­be­wußt­sein läßt sich von einem Men­schen nicht tren­nen. Wenn sich Jesus über sich selbst getäuscht hat, dann ist er bemit­lei­dens­wer­ter Psy­cho­path. Wenn er aber andere über sich betro­gen hat, dann ist er ein geris­se­ner Betrü­ger. Ter­tium non datur – eine dritte Mög­lich­keit gibt es nicht.

Die Evan­ge­lien berich­ten uns genü­gend, um über Jesus ein begrün­de­tes Urteil zu fäl­len. Gewiß, der Rah­men ist sche­ma­tisch und erhebt kei­nen Anspruch auf geschicht­li­che Treue. Wir wis­sen nicht, wann bestimmte Worte Jesu gespro­chen sind. Es ist uns nicht ein­mal bekannt, wie lange er gewirkt hat. Aber seine Per­sön­lich­keit steht klar umris­sen aus den Berich­ten der Evan­ge­lien vor uns. Seine Men­ta­li­tät, seine Gott­ver­bun­den­heit, seine Treue zu sich selbst gehen mit untrüg­li­cher Sicher­heit aus den evan­ge­li­schen Berich­ten her­vor.

Wir haben kein leib­li­ches Bild von Jesus und auch kei­nen Bericht über seine leib­li­che Erschei­nung. Man hat ver­sucht, dem Schwei­gen der Evan­ge­lien nach­zu­hel­fen und hat Bil­der von Jesus vor­ge­wie­sen. Es gibt das Abgar-Bild, das Bild des Lukas, das Bild des Niko­de­mus, das Bild der Vero­nika. Aber alle diese Bil­der sind phan­tas­ti­sche Pro­dukte, haben ihren Grund nicht in der Wirk­lich­keit. Es sind legen­däre Bil­der. Was sol­len wir sagen zu dem Turi­ner Lei­chen­tuch? Es gibt ernst­hafte For­scher, die behaup­ten: Das Turi­ner Lei­chen­tuch ist echt. Es gibt aber ebenso ernst­hafte For­scher, die dage­gen­hal­ten: Es kann nicht echt sein. Es taucht zu spät auf; seine Beglau­bi­gung ist zu unsi­cher und – viel­leicht der schwer­wie­gendste Ein­wand – es stimmt nicht mit dem Bericht des Evan­ge­lis­ten Johan­nes über das Begräb­nis Jesu über­ein. Denn nach die­sem Bericht des Johan­nes wurde Jesus min­des­tens in zwei Tücher gewi­ckelt, in eines um sei­nen Leib und in ein ande­res um sein Haupt. Das Turi­ner Lei­chen­tuch aber ist nur eines. Ich will und kann die Frage über die Echt­heit hier nicht ent­schei­den. Ich meine nur, daß wir keine letzte Gewiß­heit haben, ob das Turi­ner Lei­chen­tuch echt ist.

Eben­so­we­nig sind die Berichte wert, die im Mit­tel­al­ter auf­tau­chen über die Gestalt Jesu, z.B. der Len­tu­lus-Brief oder die Beschrei­bung des Nike­pho­rus-Kal­lis­tus. Diese Beschrei­bun­gen der kör­per­li­chen Gestalt Jesu sind aus den Fin­gern geso­gen; sie sind nicht his­to­risch. Es gab Kir­chen­vä­ter, die der Mei­nung waren, Jesu Gestalt sei unan­sehn­lich, ja häß­lich gewe­sen, und zwar glaub­ten sie das schlie­ßen zu kön­nen aus der Weis­sa­gung des Isaias: „An ihm ist nicht Gestalt und Schön­heit, daß wir ihn anschauen möch­ten.“ Aber diese Weis­sa­gung geht doch nur auf den lei­den­den Jesus. Des­we­gen haben andere Kir­chen­vä­ter, wie Hie­rony­mus oder Johan­nes Chrys­ost­o­mus, diese Mei­nung ent­schie­den zurück­ge­wie­sen.

Jesus hat auf seine Zeit­ge­nos­sen einen star­ken Ein­druck gemacht. Die Kin­der sind zu ihm hin­ge­eilt, die Kran­ken haben ihm ver­traut. Die Frau aus dem Volke sagt: „Selig der Leib, der dich getra­gen, und die Brust, die dich genährt hat!“ Jesus muß von kör­per­li­cher Wohl­ge­stalt gewe­sen sein, sonst würde sich diese Anzie­hungs­kraft, die ja auch von sei­ner leib­li­chen Gestalt aus­ging, nicht erklä­ren las­sen. Er macht den Ein­druck des Gesun­den, Kraft­be­schwing­ten, Dis­zi­pli­nier­ten. Er muß ein abge­här­te­ter, gestähl­ter Mann gewe­sen sein. Er hat weite Wege zurück­ge­legt. Er hat oft im Freien über­nach­tet. Er hat den Höhen­un­ter­schied zwi­schen Jeri­cho und Betha­nien, 1200 Meter, ohne Zei­chen der Erschöp­fung über­wun­den. Er hat in sei­ner Pas­sion eine bewun­derns­werte Stärke bewie­sen. Jesus muß ein gesun­der und lei­dens­fä­hi­ger Mensch gewe­sen sein.

Und was sol­len wir erst sagen von sei­ner geis­ti­gen Gestalt? Es fällt vor allem auf seine Natur­ver­bun­den­heit und sein Wohl­wol­len gegen­über den Men­schen. In den Gleich­nis­sen weiß er die Lilien des Fel­des zu prei­sen und die Vögel des Him­mels, aber seine Liebe zu den Men­schen ist noch viel bewun­derns­wer­ter und erha­be­ner. Das Leid der Witwe, die ihren ein­zi­gen Sohn ver­lo­ren hat, die Angst des besorg­ten Vater­her­zens des Jai­rus um seine Toch­ter, die reui­gen Trä­nen der Sün­de­rin rüh­ren an sein Herz. Jesus hat der ertapp­ten Ehe­bre­che­rin in feins­ter Weise ihre Schuld vor­ge­hal­ten und sie gleich­zei­tig zur Bes­se­rung gemahnt; er hat den reui­gen Petrus auf­ge­nom­men; er hat die Sün­de­rin, die ihm die Füße salbte, zur Bekeh­rung geführt; er hat die Ängst­lich­keit des Niko­de­mus in fei­ner Weise ertra­gen. Jesus ist ein Men­schen­ken­ner von hohen Gna­den. Vor allem sein Ver­hält­nis zu Petrus ist von einer sol­chen Zart­heit und Fein­heit, wie es kein Schrift­stel­ler erfin­den könnte. Wie er den zagen­den Petrus beruft, wie er ihn vor sei­nem Vor­witz und sei­ner Ver­trau­ens­se­lig­keit warnt, wie er ihn bei sei­nem Ver­rat mit einem Blick bekehrt und wie er ihm dann die Schlüs­sel des Him­mel­rei­ches über­reicht, das ist von einer sol­chen fei­nen und erha­be­nen Men­schen­liebe und Freun­des­liebe erfüllt, wie man sie sich nicht grö­ßer den­ken kann.

Und erst sein Ver­hält­nis zum Vater. Jesus hat ein inni­ges, dau­ern­des und star­kes Ver­hält­nis zum himm­li­schen Vater. Er ist der größte Beter der Welt­ge­schichte. Auf ein­sa­men Ber­gen, in stil­ler Nacht hält er Zwie­spra­che mit dem Vater. Jesus ist ein reli­giö­ses Genie, wenn man die­sen Aus­druck auf ihn anwen­den darf. Und die­ses Genie bezieht seine Kraft nicht aus mensch­li­chen Quel­len, son­dern aus gött­li­cher Her­kunft.

Jesus ist auch ein intel­lek­tu­el­les und mora­li­sches Wun­der. Seine Geis­tig­keit ist von über­ra­gen­der Gewalt. Seine Got­tes­vor­stel­lung ver­eint die Majes­tät Got­tes mit dem Erbar­men. Seine Men­schen­vor­stel­lung ver­knüpft die Nied­rig­keit des Men­schen mit sei­ner Würde. Jesus weiß, daß Gott der All­mäch­tige ist, aber ebenso, daß er der All­barm­her­zige ist. Sein Wis­sen von Gott hat er nicht aus rab­bi­ni­schen Quel­len bezo­gen; er hat ja nie­mals eine Schule besucht. Es kommt auch nicht aus außer­jü­di­schen Quel­len. Seine Zeit­ge­nos­sen fra­gen des­we­gen ver­wun­dert: Wie ver­steht die­ser die Schrift, da er doch nicht stu­diert hat? Sein Wis­sen kennt kein Tas­ten und Suchen, es kennt kein Schwan­ken und keine Unsi­cher­heit. Jesus hat sich nie­mals kor­ri­gie­ren müs­sen. Er hat kein ein­zi­ges Mal etwas zurück­neh­men müs­sen. Vom ers­ten Atem­zug bis zu sei­nem letz­ten steht er zu sei­ner Lehre, unwan­del­bar und sicher und frei.

Kein Mensch auf die­ser Erde hat bis­her jemals die Frage stel­len dür­fen: Wer von euch kann mich einer Sünde bezich­ti­gen? Jesus konnte diese Frage stel­len. Die Ant­wort dar­auf muß lau­ten: Nie­mand kann ihn einer Sünde bezich­ti­gen. Der Haß der Feinde hatte nichts gegen ihn ein­zu­wen­den, was vor der Ver­nunft und dem Glau­ben stand­hielte. Sein Rich­ter befand ihn für schuld­los. Der Ver­rä­ter mußte beken­nen: Ich habe unschul­di­ges Blut ver­ra­ten. Und seine Jün­ger, die ihm ver­traut waren – und in der Ver­traut­heit sieht man ja man­ches, was andere nicht sehen – haben ihn als den Hei­li­gen und Gerech­ten bekannt, der Sünde nicht getan hat. Seine Tugend ist gefes­tigt. Sie ringt sich nicht erst durch mühe­vol­les Erwer­ben hoch. Er braucht sich nicht durch Brü­che und Kämpfe zur Höhe der freien sitt­li­chen Per­sön­lich­keit zu erhe­ben. Es gibt bei ihm keine Ent­wick­lung der Tugend, sie ist immer da und sie ist immer gleich stark. Er ist stark­mü­tig und doch nicht hart. Er ist gütig und warm­her­zig und doch nicht weich­lich und unmänn­lich. Seine Demut ist von erha­be­ner Hoheit; sein Ver­ständ­nis für andere von gött­li­chem Ernst. Er bejaht alle irdi­schen Werte und ist doch an kei­nen ein­zi­gen gebun­den.

Jesus ist ein intel­lek­tu­el­les und mora­li­sches Wun­der. Seine Lehre ist über­na­tio­nal und über­zeit­lich. Sie bedient sich der ara­mä­i­schen Spra­che, aber sie ist für Men­schen jeder Spra­che, jeder Nation, jedes Alters, jedes Stan­des ver­ständ­lich und anwend­bar. Er spricht ebenso über Gott wie über die Welt, über das Dies­seits wie über das Jen­seits, über den ein­zel­nen und über die Gemein­schaft. Seine Lehre hat, soweit sie von den Men­schen ange­nom­men und ver­wirk­licht wor­den ist, die höchs­ten Leis­tun­gen der abend­län­di­schen Kul­tur her­vor­ge­bracht. Er hält seine Lehre fest bis zum letz­ten Atem­zug am Kreuze.

Wahr­haf­tig, meine lie­ben Freunde, wer ange­sichts die­ser Per­sön­lich­keits­struk­tur Jesu behaup­ten wollte, er habe sich geirrt über sich selbst oder er habe andere getäuscht oder zu täu­schen ver­sucht, der behaup­tet etwas psy­cho­lo­gisch Unmög­li­ches. Er ist in Irr­tum befan­gen und ver­kehrt die Wirk­lich­keit. Die­ses Leben ist von numi­no­ser Tiefe. Um die­ses Leben strahlt ein gött­li­ches Licht. Die­ses Leben ist aus mensch­li­chen, irdi­schen, natür­li­chen Kräf­ten und Quel­len nicht zu erklä­ren. Von die­sem Leben gilt das, was der heid­ni­sche Haupt­mann am Kreuze, der sein Ster­ben beob­ach­tete, sagte: „Wahr­haf­tig, die­ser Mensch war Got­tes Sohn!“

Amen.

Mit freundlicher Genehmigung „Professor Georg May - Das Selbst­be­wußt­sein Jesu www.Glaubenswahrheit.org“