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Am Anfang war das Wort

Wir haben die­ses Evan­ge­lium im Ohr und im Her­zen. „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Die Bezeich­nung „Wort“ ist nicht auf die Sil­ben gemünzt, die aus unse­rem Munde kom­men, son­dern das Wort, von dem hier die Rede ist, ist unser Herr und Hei­land Jesus Chris­tus. Trotz­dem bleibt es merk­wür­dig, fast befremd­lich, daß man unse­ren Hei­land als das Wort bezeich­net. Wie kommt es zu die­ser Bezeich­nung? Man muß, um sie zu ver­ste­hen, auf den grie­chi­schen Text, in dem ja das Neue Tes­ta­ment geschrie­ben ist, zurück­ge­hen. Der grie­chi­sche Aus­druck für das deut­sche „Wort“ lau­tet logos. Es heißt also im grie­chi­schen Neuen Tes­ta­ment, das ich hier vor mir habe: „Am Anfang war der logos – en archä än ho logos, und der Logos war bei Gott – kai ho logos än pros theon – Und Gott war der Logos – kai theos än ho logos. Diese Bezeich­nung logos hat der Evan­ge­list Johan­nes nicht geschaf­fen; er hat sie vor­ge­fun­den und über­nom­men.

Das grie­chi­sche Volk und das Dias­por­a­ju­den­tum, also die Juden in Ägyp­ten, in Klein­asien und anderswo, waren mit dem Worte und mit der Sache des Logos ver­traut. Wenn der Grie­che logos hörte, dann dachte er an Hera­klit. Der Phi­lo­soph Hera­klit hat den Logos als ein Zwi­schen­we­sen zwi­schen Gott und der Welt gedacht. Der Logos ist die feu­rige Urver­nunft, die die Welt lei­tet und ord­net. Und die Juden dach­ten, wenn sie das Wort logos hör­ten, an Philo von Alex­an­drien, einen jüdi­schen Phi­lo­so­phen. Für ihn war logos das Mit­tel­we­sen zwi­schen dem abso­lu­ten, welt­über­le­ge­nen Gott und der Schöp­fung. In die­sem Mit­tel­we­sen sind die Ideen, nach denen die Welt geschaf­fen ist, ent­hal­ten. Also das Wort Logos, die Bezeich­nung Logos, hat Johan­nes nicht geschaf­fen. Er hat sie über­nom­men aus sei­ner Umwelt, aber er hat sie umge­prägt. Und das ist es, was wir fest­hal­ten und gegen Fäl­schun­gen ver­irr­ter Theo­lo­gen beken­nen müs­sen. Er hat nicht eine reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Vor­stel­lung ein­fach sich ange­eig­net; er hat den Begriff genom­men, aber ihn mit einem neuen Inhalt gefüllt. Er hat die Hülse ergrif­fen, aber was er in sie hin­ein­gießt, das ist es, was total und radi­kal anders ist. Von die­sem Logos wer­den vier Aus­sa­gen gemacht, die wir uns in Kürze vor Augen füh­ren wol­len.

Die erste lau­tet: „Im Anfang war der Logos.“ Was ist das für ein Anfang? Damit ist gemeint der Uran­fang, die Ewig­keit Got­tes. Im Anfang, bevor etwas geschaf­fen wurde, war der Logos. Der Logos ist also nicht der Erster­schaf­fene, son­dern er ist der­je­nige, der vor der Schöp­fung exis­tierte, er ist prä­e­xis­tent. Er hat vor aller Zeit und vor aller Schöp­fung gelebt. Im Anfang war der Logos.

Die zweite Aus­sage lau­tet: „Der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos.“ Der Logos, von dem hier die Rede ist, ist Gott zuge­wandt. Er hat seine Hei­mat in der Nähe Got­tes, ja in Gott. Nicht bloß das. Diese Aus­sage wird noch über­bo­ten: Er war sel­ber Gott. Er war nicht bloß bei Gott, womit seine Selb­stän­dig­keit gegen­über Gott ange­ge­ben wird, son­dern er war sel­ber Gott. Der Logos war Gott.

Die dritte Aus­sage lau­tet: „Alles ist durch ihn gewor­den, und ohne ihn ist nichts gewor­den von dem, was gewor­den ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Men­schen; und das Licht scheint in der Fins­ter­nis, und die Fins­ter­nis hat es nicht begrif­fen.“ Der Logos ist der Schöp­fungs­trä­ger. Alles ist durch den Logos gewor­den. Er ist nicht ohn­mäch­tig, son­dern all­mäch­tig. Er hat die Welt geschaf­fen. Nichts ist ohne ihn gewor­den. Ohne Aus­nahme stammt alles von ihm. Und die­ser Logos ist Leben und Licht. Leben nicht in dem Sinne, daß er über­haupt leben­dig ist, son­dern daß er ewi­ges Leben, gött­li­ches Leben in sich trägt. Und Licht, das bedeu­tet Heil, Fülle, Freude, Glück, Gebor­gen­heit. In dem Logos ist nicht nur Licht, son­dern das Licht ist auch Heil, Freude, Glück, Segen. Die­ses Licht leuch­tet in der Fins­ter­nis. Die Fins­ter­nis, sind die in der Gott­ferne ver­dun­kel­ten Men­schen. Fins­ter­nis, das ist die Got­tes­ferne. Aber in diese Got­tes­ferne leuch­tet der Logos hin­ein, und er soll offen­bar die Fins­ter­nis erhel­len. Aber wie wir sehen, ist sein Schei­nen, ist sein Erleuch­ten nicht erwünscht. Die Fins­ter­nis hat ihn nicht begrif­fen! Sie will von ihm nichts wis­sen, von dem Logos. Sie will das Licht nicht auf­neh­men, son­dern sie flieht vor dem Licht, die Fins­ter­nis.

Und da macht Gott einen ande­ren Ver­such, einen neuen Ansatz. Er schickt einen Mann aus, der Zeug­nis geben soll vom Licht. „Es trat ein Mann auf, abge­sandt von Gott, sein Name war Johan­nes (natür­lich Johan­nes der Täu­fer). Die­ser kam zum Zeug­nis, damit er Zeug­nis ablege über das Licht, damit alle glaub­ten durch ihn. Jener war nicht das Licht, son­dern daß er Zeug­nis ablegte von dem Licht. Es war das wahre Licht, das jeden Men­schen erleuch­tet, der in diese Welt kommt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht wor­den, und die Welt hat ihn nicht erkannt. Er kam in das Eigene, und die Eige­nen nah­men ihn nicht auf. Wel­che ihn aber auf­nah­men, denen gab er Macht, Kin­der Got­tes zu wer­den, denen, die an sei­nen Namen glau­ben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Wil­len des Flei­sches noch aus dem Wil­len des Man­nes, son­dern aus Gott gebo­ren sind.“ Johan­nes der Täu­fer sollte und wollte dem Licht den Weg bah­nen. Er war nicht das Licht, das wird her­vor­ge­ho­ben. Warum? Weil es zu der Zeit, in der Johan­nes sein Evan­ge­lium schrieb, noch Täu­fer­ge­mein­den gab. Es gab Anhän­ger Johan­nes' des Täu­fers, die sich nicht zu Jesus bekehrt hat­ten, son­dern die eigene Gemein­den bil­de­ten und Johan­nes für den Mes­sias hiel­ten. Des­we­gen sagt der Evan­ge­list: Er war nicht das Licht. Johan­nes der Täu­fer hat eine große Bedeu­tung. Er war von Gott gesandt, er war ein Pro­phet, aber er war nicht das Licht. Er sollte nur Zeug­nis brin­gen von dem Licht. Also Johan­nes, der Evan­ge­list, wen­det sich gegen die Täu­fer­ge­mein­den, die nicht zu Jesus fin­den woll­ten, und setzt sich für den Täu­fer, für den rich­tig ver­stan­de­nen Täu­fer ein als den Zeu­gen des Lichts.

Und von die­sem Licht macht er jetzt kost­bare Aus­sa­gen. Es war das wahre Licht, nicht ein Irr­licht. Es war ein uni­ver­sa­les Licht, d.h. es ist für jeden Men­schen bestimmt, es erleuch­tet jeden Men­schen. Also nicht ein par­ti­ku­la­res Licht, nicht eine par­ti­ku­lare Erlö­sungs­fi­gur, son­dern ein uni­ver­sa­les Licht, ein Erlö­ser für die ganze Welt und für alle Men­schen. Es erleuch­tet jeden Men­schen, der in die Welt kommt. Aber das ist die Tra­gik die­ser Erleuch­tung: Sie geschieht nur der Mög­lich­keit und der Absicht nach, aber nicht dem Erfolg nach. Erschüt­ternd, zu lesen: Er kam in den Kos­mos, in die Welt, und der Kos­mos ist durch ihn gewor­den, ver­dankt ihm also seine Exis­tenz, aber der Kos­mos hat ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigen­tum, und die Sei­ni­gen nah­men ihn nicht auf. Das ist die große Tra­gik des Logos, daß seine Sen­dung von vie­len nicht ange­nom­men wird. Selbst die, die ihm nahe­ste­hen, die ihm durch Erwäh­lung zuge­hö­ren, die Eige­nen – idioi – nah­men ihn nicht auf. Nur bei eini­gen hat er Erfolg. Es ist also nicht alles ver­lo­ren, der Logos stößt nicht über­all auf Ableh­nung, son­dern es gibt auch sol­che, die ihn auf­neh­men. Das sind die, die an sei­nen Namen glau­ben. Wenn man an Jesus glaubt, an den Namen Jesu glaubt, dann nimmt man ihn auf. Der Name Jesus ist eine Bezeich­nung für sein Wesen und seine Bedeu­tung. Der Name Jesus, wie wir ja heute, am Feste des Namens Jesu, uns erin­nern, ist der Inbe­griff des Hei­les. Und wer an den Namen Jesus glaubt, dem gibt Gott die Macht, ein Kind Got­tes zu wer­den. Man ist also nicht schon ein Kind Got­tes dadurch, daß man fleisch­lich gebo­ren wird, son­dern man wird ein Kind Got­tes, indem man an den Namen Jesu glaubt. Kin­der Got­tes sind wir aus Gnade, nicht von Natur! Des­we­gen die Häu­fung von drei Aus­drü­cken: Die nicht aus dem Blute, nicht aus dem Ver­lan­gen des Flei­sches, nicht aus dem Wol­len des Man­nes gebo­ren sind. Das wird abge­lehnt, diese natur­hafte Kind­schaft, son­dern die Kind­schaft, um die es hier geht, die erwirbt man nur durch den Glau­ben. Und denen, die an ihn glaub­ten, gab er die Macht, Kin­der Got­tes zu wer­den.

Und schließ­lich die vierte und letzte Aus­sage: „Und der Logos ist Fleisch gewor­den und hat unter uns gezel­tet. Und wir haben seine Herr­lich­keit gese­hen, die Herr­lich­keit des Ein­zig­ge­bo­re­nen vom Vater, voll der Gnade und Wahr­heit.“ Der Logos ist Fleisch gewor­den. Das ist natür­lich das Weih­nachts­ge­heim­nis. Des­we­gen wird die­ser Text des Evan­ge­li­ums in der drit­ten Weih­nachts­messe vor­ge­le­sen. Der Logos ist Fleisch gewor­den. Warum sagt der Evan­ge­list nicht: Er ist ein Mensch gewor­den, son­dern: Er ist Fleisch gewor­den? Er sagt des­we­gen, er ist Fleisch gewor­den, um die Hin­fäl­lig­keit des auf Erden erschie­nen Logos zu kenn­zeich­nen, um die Schwä­che, die Nich­tig­keit der mensch­li­chen Natur, die er ange­nom­men hat, zu bezeich­nen. Das ist eben der unge­heure Gegen­satz zwi­schen dem Welt­schöp­fer, dem Logos, der jetzt in die Arm­se­lig­keit und Schwä­che der mensch­li­chen Natur hin­ab­steigt. Des­we­gen sagt er, er ist Fleisch gewor­den. Fleisch ist ein Aus­druck für die Schwä­che des Men­schen. „Und hat unter uns gezel­tet“. Es heißt nicht „gewohnt“. Er hat gezel­tet. Warum gebraucht er den Aus­druck: Er hat „gezel­tet“? Aus zwei Grün­den. Ein­mal, weil das Zelt keine dau­ernde Woh­nung ist. Der Logos weilte nur vor­über­ge­hend auf der Erde. Er ist, nach­dem er sein Werk voll­bracht hatte, aus die­ser Zelt­woh­nung wie­der abge­reist. Und zum ande­ren, weil das Zelt ein Sinn­bild für die Gegen­wart Got­tes ist. In einem Zelte haben die Juden wäh­rend der Wan­de­rung die Gegen­wart Got­tes ver­ehrt. Und wenn jetzt der Logos unter uns zel­tet, dann ist er eben die Gegen­wart Got­tes. In ihm fin­den wir Gott. Nicht mehr im Tem­pel, dem Hei­lig­tum der Juden, son­dern in der Per­son Jesu Christi, da ist Gott anwe­send.

Und von die­sem Logos haben wir seine Herr­lich­keit gese­hen. Was heißt Herr­lich­keit, das grie­chi­sche Wort doxa? Herr­lich­keit bedeu­tet die unver­hüllte Majes­tät, der Licht­glanz Got­tes. Wir haben seine Herr­lich­keit gese­hen, die Herr­lich­keit, die er von sei­nem Vater nur haben kann, weil er der ein­zig­ge­bo­rene – ein­ge­bo­ren ist gleich ein­zig­ge­bo­ren – Sohn sei­nes Vaters ist, voll der Gnade und Wahr­heit. Gnade ist die erlö­sende Lie­bes­ge­sin­nung Got­tes, Wahr­heit ist die offen­bare Wirk­lich­keit Got­tes. Also die Lie­bes­ge­sin­nung Got­tes und die offen­bare Wirk­lich­keit Got­tes haben wir gese­hen. Der Evan­ge­list Johan­nes ist ja Augen­zeuge. Er hat mit dem Logos gelebt. Er ist mit ihm gewan­dert. Er hat an sei­ner Brust geruht beim letz­ten Abend­mahl. Er ist unter dem Kreuz gestan­den. „Wir haben seine Herr­lich­keit gese­hen, die Herr­lich­keit des Ein­zig­ge­bo­re­nen vom Vater, voll der Wahr­heit und Gnade.“

Wenn wir die­sen wun­der­ba­ren Text, meine lie­ben Freunde, jeden Tag beten dür­fen – ich sage, es ist ein Geschenk, das uns die Kir­che macht –, dann hat das selbst­ver­ständ­lich einen Sinn. Wenn die Kir­che zum Abschluß der hei­li­gen Messe noch­mals ein Evan­ge­lium beten läßt, in dem von der ewi­gen und von der zeit­li­chen Geburt unse­res Hei­lan­des Jesus Chris­tus die Rede ist, vom Logos, dann hat das natür­lich eine Bedeu­tung in bezug auf das Gesche­hen, das wir gerade voll­zo­gen haben. Weil wir näm­lich die hei­lige Messe gefei­ert haben, weil da der Sohn des ewi­gen Vaters vom Him­mel her­nie­der­ge­stie­gen ist auf unse­ren Altar, des­we­gen wird die dop­pelte Geburt Jesu noch ein­mal aus­ge­sagt, die Geburt aus Gott vor aller Zeit und die Geburt aus Maria in der Zeit. Eben das hat sich in einer ana­lo­gen Weise auf dem Altar voll­zo­gen. Wir gehen vom Altar als die­je­ni­gen, die die Herr­lich­keit des Ein­ge­bo­re­nen vom Vater gese­hen haben, gese­hen haben mit den Augen des Glau­bens, voll der Wahr­heit und Gnade.

Amen.