Danket allzeit Gott

Im Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Am Schluss der heu­ti­gen hei­li­gen Messe wer­den wir beten: „Erfüllt mit hei­li­gen Gaben, bit­ten wir dich, o Herr, gib, dass wir alle­zeit in Dank­sa­gung ver­har­ren.“ Dank­sa­gung ist Aus­druck der Dank­bar­keit. Dank­bar­keit ist jene Tugend, die den Wil­len geneigt macht, emp­fan­gene Wohl­ta­ten anzu­er­ken­nen und zu ver­gel­ten. Mit ihr soll eine gewisse Schuld gegen andere abge­tra­gen wer­den. Dank­bar­keit schul­den wir Gott und den Men­schen. Die bib­li­sche Auf­fas­sung führt alle Dank­bar­keit auf die reli­giöse Dank­bar­keit zurück. Im Alten Tes­ta­ment ist Dank­bar­keit ein gewich­ti­ger Teil der Got­tes­ver­eh­rung. Der Mensch muss dan­ken, wenn er Gott in der rech­ten Weise ver­eh­ren will. Im Neuen Tes­ta­ment schlägt Pau­lus den Grund­ak­kord christ­li­chen Lebens an, wenn er an die Ephe­ser schreibt: „Dan­ket alle­zeit Gott, dem Vater, für alles im Namen unse­res Herrn Jesus Chris­tus“ – dan­ket alle­zeit Gott, dem Vater, im Namen unse­res Herrn Jesus Chris­tus für alles. Unser ers­ter Dank an Gott ist die Aner­ken­nung und das Lob der Wirk­lich­keit des unend­li­chen Got­tes. Im Glo­ria der hei­li­gen Messe spre­chen wir: „Wir dan­ken dir für deine große Herr­lich­keit“, d.h. wir dan­ken Gott dafür, dass er so ist, wie er ist. Unser Gott ist kein Baal und kein Moloch und auch kein Allah, der den Selbst­mord­at­ten­tä­tern das Para­dies ver­spricht. Unser Gott ist der Schöp­fer Him­mels und der Erde, der Vater Jesu Christi, der Vater der Erbar­mun­gen und der Gott allen Tros­tes. Wir dan­ken sodann für die Men­schwer­dung des LOGOS, des Wor­tes Got­tes, des Soh­nes des Vaters: „Für uns Men­schen und um unse­res Hei­les wil­len ist er vom Him­mel her­ab­ge­stie­gen und hat Fleisch ange­nom­men.“ Dass der Unsicht­bare sicht­bar gewor­den ist, dass der Schöp­fer die Gestalt des Geschöp­fes ange­nom­men hat, die­ses unfass­bare Gesche­hen ist wahr­haft Anlass zu nie enden­dem Dank. Wir dan­ken Gott, Jesus Chris­tus und dem Hei­li­gen Geist für die Lehre, die sie uns in der Natur und in der Offen­ba­rung geschenkt haben. Wir wis­sen, wer Gott ist und was wir ihm schul­den. Wir ken­nen sei­nen hei­li­gen Wil­len über den Men­schen. Wir haben vom drei­fal­ti­gen Gott gelernt, wozu wir auf Erden sind, wie wir unser Leben zu gestal­ten haben, was es um Ehe und Jung­fräu­lich­keit ist. Dank­bar müs­sen wir sein, dass wir in der wah­ren katho­li­schen Kir­che leben und sein dür­fen. Sie ist der Leib Christi, das Haus Got­tes. „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad in seine Kirch beru­fen hat.“ Wel­ches Glück ist es, einer Kir­che anzu­ge­hö­ren, die sol­che Frauen wie Katha­rina von Siena und The­re­sia von Avila und Män­ner wie Franz von Sales und Johan­nes Vian­ney her­vor­ge­bracht hat, wel­ches Glück ist es. Gott hat sei­nes Soh­nes nicht geschont, son­dern ihn für die ganze Mensch­heit als Süh­nop­fer hin­ge­ge­ben. Wir dan­ken Gott für das Opfer sei­nes Soh­nes. Er hat ihn in den Tod gege­ben, um allen Men­schen den Weg zum Leben, zum Leben in der Gnade und in der Gemein­schaft mit dem drei­fal­ti­gen Gott zu ebnen. Gott wollte die­sem Opfer gleich­sam Dauer ver­lei­hen, indem wir sein Gedächt­nis und seine Ver­ge­gen­wär­ti­gung fei­ern dür­fen. Die Feier der Eucha­ris­tie ist Dank­sa­gung an Gott durch Jesus Chris­tus für die Gabe der Erlö­sung. Mit Preis und Dank­sa­gung hat schon die Urkir­che das Todes­ge­den­ken ihres Herrn began­gen. Wel­ches Glück ist es, im Mess­op­fer in das Lei­den, Ster­ben und Auf­er­ste­hen des Herrn ein­ge­hen zu dür­fen. Ich zögere nicht, meine lie­ben Freunde, von mir selbst zu beken­nen: Für mich ist das größte Glück die­ses Lebens, täg­lich das Mess­op­fer fei­ern zu dür­fen. Wir müs­sen Gott im beson­de­ren Dank sagen für die Gabe des Her­ren­lei­bes in der hei­li­gen Kom­mu­nion. Gott gibt uns in der Kom­mu­nion nicht einen Gegen­stand, er gibt sich uns selbst. Obgleich Gott all­mäch­tig ist, konnte er nichts Bes­se­res geben. Obwohl er der Wei­seste ist, wusste er nichts Bes­se­res zu geben. Obwohl er der Reichste ist, hatte er nichts Bes­se­res zu geben. In der kon­se­krier­ten Hos­tie ist der Herr Him­mels und der Erde wahr­haft, wirk­lich und wesent­lich zuge­gen. Er ist zuge­gen mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele, mit Gott­heit und Mensch­heit. Dafür Dank zu sagen, ist wahr­haft, wür­dig und recht.

Dank­bar­keit, meine lie­ben Freunde, ist die Ant­wort der Liebe auf emp­fan­gene Liebe. Dan­ken müs­sen wir Gott für seine All­wirk­sam­keit. Wir haben ja vor eini­gen Wochen davon gespro­chen, dass Gott die Schöp­fung fort­wäh­rend neu her­vor­bringt. Seine Erhal­tung ist nichts ande­res als die Fort­set­zung der Schöp­fung. Er ist in allem Tun, auch in allem mensch­li­chen Tun, der Haupt­tä­tige. Wir stim­men ein und arbei­ten mit ihm zusam­men in allem, was wir den­ken, reden, han­deln. Dank müs­sen wir Gott sagen für die Wohl­ta­ten, die wir von ihm emp­fan­gen haben. Er ist der Spen­der aller natür­li­chen und über­na­tür­li­chen Gaben. Wir schul­den ihm Dank für seine Vor­se­hung. Wir dan­ken ihm für seine Fügun­gen und Füh­run­gen. Gewiss, er hat uns Kum­mer und Leid nicht erspart. Kein Mensch kommt an Prü­fun­gen und Ver­su­chun­gen vor­bei. Ein jeder muss Schwe­res tra­gen und ertra­gen, so will es das Gesetz Christi. Den­noch wird wohl nie­mand unter uns sein, der nicht sagen kann: „In wie­viel Not hat nicht der gnä­dige Gott über dir Flü­gel gebrei­tet.“ Wir schul­den Gott Dank für seine Barm­her­zig­keit. Barm­her­zig­keit ist die Liebe zu dem gefal­le­nen Geschöpf, zu der ver­un­glück­ten Krea­tur. Gott hat den Men­schen nicht in sei­nem Sün­den­e­lend gelas­sen, er hat sich auf­ge­macht, ihn aus der Sün­den­macht zu befreien. Er hat diese Befrei­ung mit sei­nem eige­nen Leben bezahlt. Durch sein kost­ba­res Blut hat er die Ver­ge­bung der Sün­den erwirkt.

Der Dank gegen Gott muss eigent­lich immer in uns sein, er darf nie ver­stum­men. Der hei­lige Vin­zenz von Paul sagte ein­mal: „Man muss min­des­tens so viel Zeit auf­wen­den, zu dan­ken, wie man Zeit ver­wen­det, zu bit­ten.“ Der Dank gegen Gott muss schon im Morg­enge­bet laut wer­den. „O Gott, du hast in die­ser Nacht so väter­lich für mich gewacht. Ich lob und preise dich dafür und dank für alles Gute dir.“ Wir sol­len an jedem Mor­gen beten: „Ich danke dir für die­sen Tag, dass ich ihn erle­ben darf. Lass mich ihn zu dei­ner Ehre, zum Heil mei­ner Seele, zum Segen für die übri­gen Men­schen ver­brin­gen.“ Ähn­lich ist es am Abend. Es geziemt sich ein Abend­ge­bet: „Bevor ich mich zur Ruhe begeb, zu dir, o Gott, mein Herz ich heb, und sage Dank für jede Gab, die ich von dir emp­fan­gen hab.“ Gott ist der Spen­der aller natür­li­chen und über­na­tür­li­chen Gaben. Und so schul­den wir ihm Dank für Nah­rung, Klei­dung und Woh­nung. Nichts ist selbst­ver­ständ­lich. Den­ken wir an die vie­len Hun­gern­den, an die vie­len Unbe­haus­ten, an die vie­len Nack­ten in die­ser Welt. Gott, dem Spen­der aller Gaben, zu dan­ken für die Ernäh­rung, für Speise und Trank ist ein gewich­ti­ges Ele­ment der Gesamt­hal­tung gegen­über Gott; des­we­gen sind die Tisch­ge­bete so wich­tig. In ihnen wird der Dank gegen Gott laut. Wir wis­sen, wie abhän­gig unsere Bau­ern, Land­wirte und Gärt­ner vom Wet­ter und vom Klima sind. Son­nen­schein und Regen müs­sen zur rech­ten Zeit und im rech­ten Maße ein­tre­ten, wenn die Saa­ten gedei­hen und die Früchte rei­fen sol­len. Gott ist der Herr auch der Tief­druck­ge­biete. Tro­cken­heit und Regen­flu­ten, Frost und Hagel kön­nen ver­hee­ren­den Scha­den an Saa­ten und Früch­ten anrich­ten. So sind wir auf­ge­for­dert, Gott für das Gedei­hen der Feld­früchte zu dan­ken. Es gibt ein eige­nes Fest, an dem der Dank für die Ernte aus­ge­spro­chen wird: das Ern­te­dank­fest. Die Israe­li­ten fei­er­ten sogar zwei Ern­te­dank­feste: das erste für die Getrei­de­ernte, das zweite für die gesamte Ernte. Wir schul­den Gott Dank dafür, dass wir arbei­ten dür­fen, dass wir einen Beruf haben, in dem wir uns aus­wir­ken und unse­ren Unter­halt ver­die­nen dür­fen. Es ist ein unbe­schreib­li­ches Glück, arbei­ten zu dür­fen. Schauen wir auf die Unglück­li­chen, die durch kör­per­li­che oder geis­tige Lei­den daran gehin­dert sind, sich in den Arbeits­pro­zess ein­zu­glie­dern. Schauen wir auf die Bedau­erns­wer­ten, die kei­nen Arbeits­platz fin­den und das harte Brot der Arbeits­lo­sig­keit essen müs­sen. Die Hei­li­gen haben es dahin gebracht, Gott sogar für das Leid, das ihnen geschickt wurde, zu dan­ken. Der hei­lige Johan­nes vom Kreuz erbat von Gott als Geschenk, er möge ihn in Ver­ach­tung und Miss­hand­lung wei­ter­le­ben las­sen, damit er für ihn noch mehr lei­den könne. Mein unver­gess­li­cher Bischof Fer­di­nand Piontek lehrte uns im Pries­ter­se­mi­nar, wie wir uns bei Unglück, Ver­lust und Schick­sals­schlä­gen ver­hal­ten sol­len. Er sagte, dann sol­len wir beten: „Es ist gut mich, dass du mich gede­mü­tigt hast.“ Das ist der Dank: Es ist gut für mich, dass du mich gede­mü­tigt hast. Dan­ken müs­sen wir Gott für die wert­vol­len Men­schen, die wir ken­nen­ler­nen dür­fen. Ihre Qua­li­tä­ten, ihre Fähig­kei­ten, ihre Tugen­den las­sen uns nicht an den Men­schen irre wer­den. Wir erle­ben ja so viel Lüge und Täu­schung, Untreue und Ver­rat, da tut es wohl, wert­volle, auf­rich­tige, treue, zuver­läs­sige Men­schen zu fin­den, ihnen zu begeg­nen, sich von ihren Tugen­den beschä­men und erbauen zu las­sen.

Der Christ führt alles Gute auf die Schöp­fung und das Chris­tus­er­eig­nis zurück. Seine Dank­sa­gung schließt aber auch jene ein, die ihm die Gaben der Schöp­fung und des Heils ver­mit­teln, also die Men­schen. Wir müs­sen dan­ken den Men­schen, die uns das Leben geschenkt haben, die uns im Leben beglei­tet haben, die uns in der Not bei­ge­stan­den haben, die uns in der Trüb­sal getrös­tet haben. Dan­ken müs­sen wir unse­ren Pries­tern und Leh­rern. Wir haben von ihnen Unver­gäng­li­ches emp­fan­gen. Der Dank gegen Men­schen wird durch den Gedan­ken an Gott ver­tieft. Der Wohl­tä­ter erkennt sich als Ver­wal­ter Got­tes. Er gibt wei­ter, was er von Gott emp­fan­gen hat. Er läu­tert seine Absicht, er emp­fin­det das Geben als eine Ehre und eine Freude. Und umge­kehrt: Der Beschenkte schaut gleich­falls zum erha­be­nen Ursprung alles Guten auf. Er sieht hin­ter dem frei­gie­bi­gen Men­schen den gött­li­chen Schen­ker, der ihm diese Gaben zu ver­lei­hen ein­ge­ge­ben hat. Er ver­eint in sich selbst Demut und Würde, und er wird gemahnt zum gewis­sen­haf­ten Gebrauch der Gaben.

Dank­sa­gung, Dank­bar­keit ist eine Grund­hal­tung der Jün­ger Jesu. Pau­lus for­dert die Apos­tel und die Gläu­bi­gen auf, Gott für alles zu dan­ken durch Jesus Chris­tus – für alles. Als der hei­lige Johan­nes Chrys­ost­o­mos nach einer schmerz­haf­ten Ver­ban­nung – man hatte ihn ja ver­trie­ben von sei­nem Bischofs­sitz – den Tod kom­men sah, da sprach er: „Gott sei Dank für alles.“ Dank­bar­keit, meine lie­ben Freunde, ist der Schlüs­sel zum Glück. Man kann nicht dank­bar und unglück­lich sein. Der Undank ist immer eine Art Schwä­che. „Ich habe nie gese­hen, dass tüch­tige Men­schen undank­bar gewe­sen wären“, hat ein­mal Goe­the gesagt. Ich habe nie gese­hen, dass tüch­tige Men­schen undank­bar gewe­sen wären. Der Apos­tel Pau­lus sieht im Undank gegen den erkann­ten Gott die letzte Quelle des Hei­den­tums. Im Römer­brief schreibt er: „Obwohl die Hei­den Gott kann­ten, haben sie ihn nicht als Gott geehrt oder ihm Dank abge­stat­tet, son­dern wur­den nich­tig in ihren Über­le­gun­gen, und ihr unver­stän­di­ges Herz ver­fins­terte sich.“ Wir wer­den am Schluss die­ser hei­li­gen Messe beten: „Erfüllt mit hei­li­gen Gaben, bit­ten wir dich, o Herr, dass wir alle­zeit in Dank­sa­gung ver­har­ren.“

Amen.

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Dr. Georg May, em. Pro­fes­sor für Kir­chen­recht, Kirch­li­che Rechts­ge­schichte und Staats­kir­chen­recht, ist seit fast 60 Jah­ren Pries­ter.

Beson­ders in sei­nen unzäh­li­gen Pre­dig­ten hat Georg May den katho­li­schen Glau­ben ver­kün­det und erläu­tert. Kom­pro­miß­los in der Ver­kün­di­gung der rei­nen Lehre und doch leicht ver­ständ­lich fes­selt er Sonn­tag für Sonn­tag seine Zuhö­rer, die er in der Treue zum Glau­ben und in der Liebe zur Lehre der Kir­che zu fes­ti­gen ver­steht.