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Der Grund unse­rer Oster­freude

Der Grund unse­rer Oster­freude

Das leere Grab in Jerusalam
Das leere Grab in Jerusalam

Heute spre­chen wir von der Oster­freude, und diese Oster­freude drückt sich aus in den vie­len Rufen des Alle­luja, mit denen das Oster­fest reich bestückt ist. Wel­ches ist denn der Grund für die Oster­freude? Warum freuen wir uns an Ostern? Es sind zwei Gründe, die diese Freude her­vor­trei­ben. Der erste betrifft Chris­tus, der zweite geht uns an.

Wir freuen uns ers­tens, weil Chris­tus den Sieg errun­gen hat. Er war auf Erden geschmäht und geschän­det, als ein Ver­bre­cher ver­ur­teilt, am Kreuze noch geläs­tert wor­den. Jetzt end­lich kommt die Gerech­tig­keit her­vor. Jetzt zeigt der Vater, daß die­ser Aus­ge­sto­ßene der­je­nige ist, dem er die Sün­den der ande­ren auf­ge­la­den hat. Jetzt wird Chris­tus gerecht­fer­tigt, jetzt zeigt es sich, daß er nicht ein vom Vater Ver­las­se­ner, son­dern ein vom Vater Ange­nom­me­ner ist, daß der himm­li­sche Vater sich zu sei­nem Sohne Chris­tus bekennt.

Des­we­gen heben die Apos­tel so oft her­vor: Chris­tus ist vom Vater auf­er­weckt wor­den. Sie sagen häu­fi­ger, er ist auf­er­weckt wor­den, als er ist auf­er­stan­den. Sie sagen das mit Absicht, denn sie wol­len damit bekun­den, daß der Vater im Him­mel das Ja zu die­sem Leben gespro­chen hat, daß er also nicht geschei­tert ist, daß er nicht von Gott auf­ge­ge­ben wor­den ist, daß er nicht ein Sün­der und Läs­te­rer war, wie seine Feinde behaup­te­ten, son­dern daß er der getreue Bote, der getreue Send­ling des Vaters war, daß er der Sohn war, der geliebte Sohn, zu dem sich der Vater in sei­ner Auf­er­ste­hung bekannte. Jetzt hat er die Him­mels­herr­lich­keit gewon­nen, die auf Erden in ihm zumeist ver­bor­gen war. Gele­gent­lich kam sie her­aus. Da blitzte sie gleich­sam auf bei sei­nen Wun­dern, wenn er dem Meere gebot und wenn er das Was­ser in Wein ver­wan­delte und wenn er über das Meer schritt. Da zeigte sich etwas von sei­ner Got­tes­herr­lich­keit. Aber das war immer nur für Augen­bli­cke. Oder auf dem Berge Tabor, wo er ver­klärt wurde, wo sein Ant­litz leuch­tete wie die Sonne und seine Klei­der glän­ten wie das Licht.

Diese Ver­bor­gen­heit ist jetzt auf­ge­ho­ben. Jetzt ist die Herr­lich­keit durch­ge­drun­gen; jetzt hat er den Leib, der ihm eigent­lich ange­mes­sen ist, näm­lich den ver­klär­ten, den vom Hei­li­gen Geist durch­wirk­ten, den geis­tig gewor­de­nen Leib. Wir freuen uns also, weil Chris­tus zum Ziel gelangt ist, weil unser Hei­land, mit dem wir Mit­leid hat­ten, als er gegei­ßelt und mit Dor­nen gekrönt wurde, daß unser Hei­land nun glän­zend gerecht­fer­tigt ist und in die Herr­lich­keit des Vaters ein­ge­gan­gen ist.

Wir freuen uns aber zwei­tens auch des­we­gen, weil er uns vor­aus­ge­gan­gen ist. Alles, was Chris­tus tut, alles, was an ihm geschieht, das geschieht für uns. Alles, was an ihm gewirkt wird, hat Bedeu­tung für uns. Er ist keine Pri­vat­per­son, er ist eine amt­li­che Per­son. Ein­mal hat schon ein Mensch in Reprä­sen­tanz für andere gehan­delt, das war der erste Mensch, das war Adam. Er hat seine ganze nach­fol­gende Mensch­heit in das Ver­der­ben hin­ein­ge­ris­sen. Jetzt kommt der neue Adam. Er reißt nicht ins Ver­der­ben, er führt in die Herr­lich­keit hin­ein. Chris­tus ist der neue Adam, der die Mensch­heit in jenen Zustand füh­ren soll, den er selbst erlangt hat.

Die Erlö­sung hat Chris­tus bewirkt durch Tod und Auf­er­ste­hung. Tod und Auf­er­ste­hung bil­den ein unzer­reiß­ba­res Gan­zes. Wenn er nur gestor­ben wäre, dann wüß­ten wir nicht, daß sein Tod ein Heil­s­tod ist, dann könnte man auch sagen wie Wal­ter Kap­ser: Sein Tod ist die Kon­se­quenz sei­nes Lebens. „Ja“, habe ich Wal­ter Kas­per ent­ge­gen­ge­hal­ten, „für Karl Gör­de­ler war der Tod auch die Kon­se­quenz sei­nes Lebens, aber des­we­gen war es kein Heil­s­tod.“ Daß Christi Tod ein Heil­s­tod, ein Erlö­sung­s­tod für andere war, das sieht man erst an sei­ner Auf­er­ste­hung. Die Auf­er­ste­hung ist das Amen zu der Heils­kraft des Todes Christi. So sieht es die Hei­lige Schrift, so hebt es die Lit­ur­gie der Kir­che her­vor. Im Römer­brief schreibt der Apos­tel Pau­lus: „Er ist dahin­ge­ge­ben wor­den um unse­rer Sün­den wil­len und auf­er­stan­den um unse­rer Recht­fer­ti­gung wil­len.“ Also: Die Hin­gabe, der Tod, geschah, damit die Sün­den getilgt wür­den. Die Auf­er­ste­hung geschah, damit wir gerecht­fer­tigt wür­den. Der Tod ist die eine Seite, die Auf­er­ste­hung ist die andere Seite ein und der­sel­ben heil­schaf­fen­den Wirk­lich­keit. Ver­ge­bung der Sün­den und Begna­di­gung mit neuem Leben, das sind die zwei Sei­ten ein und der­sel­ben Medaille. Und die Kir­che sagt es in der Lit­ur­gie, in der Prä­fa­tion, in der Prä­fa­tion von Ostern: „Durch sein Ster­ben hat er unse­ren Tod ver­nich­tet, durch sein Auf­er­ste­hen hat er uns neues Leben erwor­ben.“ Also: Tod und Auf­er­ste­hung sind untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den.

Die Ver­bin­dung von Christi Tod und Auf­er­ste­hung und uns muß nun her­ge­stellt wer­den. Zunächst ein­mal sind ja die Auf­er­ste­hungs­kräfte in ihm und nur in ihm. Ja, wie kom­men wir an diese Auf­er­ste­hungs­kräfte heran? Wir gewin­nen Anteil an den Auf­er­ste­hungs­kräf­ten Christi, wenn wir in Glaube und Taufe uns mit ihm ver­bin­den. Durch Glaube und Taufe wer­den wir in seine Machtsphäre, in die Wirksphäre sei­ner Auf­er­ste­hungs­kräfte hin­ein­ge­zo­gen. Diese Hin­ein­zie­hung ist noch ver­bor­gen, aber sie wird sich ein­mal offen­ba­ren. Es wer­den uns jetzt Auf­er­ste­hungs­keime ein­ge­setzt, und diese Auf­er­ste­hungs­keime wer­den sich ein­mal ent­fal­ten. Der hei­lige Pau­lus nimmt die Auf­er­ste­hung, die uns ver­hei­ßen ist, als so gewiß, daß er sagt: „Wir sind schon auf­er­stan­den.“ An meh­re­ren Stel­len sei­ner Briefe heißt es: „Ihr seid schon auf­er­weckt wor­den.“ Da könnte man den­ken: Ja, ist das nicht ein Wider­spruch: Ihr seid schon auf­er­weckt wor­den, und dann: Wir sol­len die Auf­er­ste­hung erwar­ten, näm­lich am Ende der Tage, am Jüngs­ten Tage, wenn der Herr kommt, zu rich­ten die Leben­den und die Toten?

Ist das nicht ein Wider­spruch? Die schein­bare Wider­sprüch­lich­keit der bei­den Aus­sa­gen löst sich darin, daß man sagen kann: Die Auf­er­ste­hung ist eine Wirk­lich­keit in uns; wir sind mit Auf­er­ste­hungs­kräf­ten bedacht, aber ihre volle Ent­fal­tung, ihre letzte Aus­wir­kung, ihren größ­ten Tri­umph erle­ben diese Auf­er­ste­hungs­kräfte erst in der leib­li­chen Auf­er­ste­hung der Toten. Erst dann wird es sich zei­gen, daß Chris­tus der Urhe­ber des Lebens ist, wie er in der Apos­tel­ge­schichte genannt wird. Da hält näm­lich Petrus den Juden ent­ge­gen: „Ihr habt den Urhe­ber des Lebens getö­tet.“ Urhe­ber des Lebens ist er, auch für uns. Wenn wir die gro­ßen, die gewal­ti­gen, die manch­mal unfaß­li­chen Ver­hei­ßun­gen hören, die unser Glaube uns macht, da kann manch­mal ein lei­ser Zwei­fel uns über­fal­len. Stimmt das alles so? Wird sich das alles so ereig­nen? Die­ser Zwei­fel kann uns bis aufs Ster­be­bett beglei­ten. Als meine Mut­ter auf dem Ster­be­bett lag, da fragte sie: „Ja, das ist aber doch nur eine Hoff­nung, daß wir wei­ter­le­ben?“ Ich sagte: „Mut­ter, es gibt einen Anker der Hoff­nung, und die­ser Anker der Hoff­nung ist der auf­er­stan­dene Chris­tus.“ Jawohl, das ewige Leben wäre nur eine Idee oder nur eine vage Aus­sicht, wenn wir nicht einen Beweis hät­ten, daß es wei­ter­geht, und die­ser Beweis ist der auf­er­stan­dene Hei­land. So kön­nen wir also auf­kom­mende Zwei­fel zurück­drän­gen, ja nie­der­kämp­fen, indem wir uns an unse­ren Herrn und Hei­land, den auf­er­stan­de­nen, den ver­klär­ten Herrn, hal­ten. An ihm sieht man, was Erlö­sung ist. Wenn man gefragt wird: Was ist Erlö­sung?, kann man kurz sagen: Erlö­sung ist der auf­er­stan­dene Hei­land.

Die Auf­er­ste­hung Christi und die Auf­er­ste­hung der Toten sind von­ein­an­der getrennt wie der Mor­gen und der Abend des Oster­ta­ges. Aber die Auf­er­ste­hung Christi und die Auf­er­ste­hung der Toten gehö­ren auch zusam­men wie der Grund­stein und der Schluß­stein eines Domes.

Amen.