"

Der mensch­ge­wor­dene Got­tes­sohn

Der mensch­ge­wor­dene Got­tes­sohn

Geliebte im Herrn!

Das Wesen des Chris­ten­tums ist Jesus Chris­tus. Aber diese Fest­stel­lung for­dert eine andere her­aus: Ja, was ist denn das Wesen von Jesus Chris­tus? Das Wesen Christi umspannt in einem gro­ßen Bogen Gött­li­ches und Mensch­li­ches. Er ist wahr­haf­tig der Gott­mensch. Das Gött­li­che wurde nicht in das Mensch­li­che und das Mensch­li­che nicht in das Gött­li­che ver­wan­delt. Viel­mehr ist der Got­tes­sohn, die zweite Per­son in Gott, so in die mensch­li­che Natur ein­ge­gan­gen, dass er in ihr exis­tiert und dass sie in der Kraft des Soh­nes Got­tes exis­tiert. In der Men­schwer­dung wurde die Daseins­kraft des LOGOS (der zwei­ten Per­son in Gott) die Daseins­kraft der mensch­li­chen Natur. Sie hat kein eige­nes Dasein mehr, son­dern sie exis­tiert in der Kraft des LOGOS. Der LOGOS eig­nete sich eine mensch­li­che Natur mit einer sol­chen Mäch­tig­keit an, dass er ihr Selbst wurde. Er ist das Ich der mensch­li­chen Natur. Er voll­zieht das Leben der mensch­li­chen Natur. Die Geschichte und das Schick­sal der mensch­li­chen Natur wird von dem LOGOS bestimmt und ertra­gen. Wir haben hier einen ganz wesent­li­chen Gegen­stand unse­res Glau­bens vor uns. Denn im Pro­tes­tan­tis­mus, in der libe­ra­len – sagen wir bes­ser –, in der ungläu­bi­gen Theo­lo­gie wird die Ver­bin­dung Jesu mit dem mensch­li­chen Wesen als blo­ßes Erleb­nis bezeich­net, ein ein­zig­ar­ti­ges Got­te­s­er­leb­nis Christi; er hatte eine beson­ders starke Got­tes­emp­fin­dung. Wir sehen, dass hier ein fun­da­men­ta­ler Irr­tum vor­liegt. Hier wird in die Psy­cho­lo­gie ver­legt, was aus dem Sein stammt. Die seins­hafte Eini­gung ist das Ent­schei­dende in der gott­men­sch­li­chen Wirk­lich­keit Christi. In Chris­tus ist eine gött­li­che Per­son, näm­lich die Per­son des gött­li­chen Wor­tes, und in ihm sind zwei Natu­ren: eine gött­li­che und eine mensch­li­che.

Sie kön­nen fra­gen: Ja, was ist denn eine Natur? Natur ist das, was einem bestimm­ten Ding seine innerste Bestimmt­heit, seine Wesen­heit, sein Sosein gibt. Also was den Men­schen zum Men­schen macht, was das Tier zum Tier macht, das ist die Natur. Natur ist die Wur­zel der leib­lich-see­li­schen Kräfte, mit denen wir die Tätig­keit voll­zie­hen, mit denen wir hören, sehen, spre­chen, reden, wol­len. Die Natur wird nun beses­sen von der Per­son. Die Per­son ist es, die durch die Natur tätig wird. Die Per­son ist das Ich, das ver­ant­wort­lich ist für das, was geschieht. Die Natur steht in der Ver­fü­gungs­ge­walt, in der Bot­mä­ßig­keit des Ich. Sie ist das Eigen­tum des Ich, der Besitz­stand des Ich. Das Ich ist der Inha­ber der Natur; das ist die Per­son.

Die Men­schwer­dung des LOGOS bedeu­tet, dass eine bestimmte mensch­li­che Natur so mit dem LOGOS geeint und zur Seins­ge­mein­schaft ver­bun­den wor­den ist, dass sie nicht mehr einen mensch­li­chen Selbst­stand in sich selbst hat, son­dern dass sie nur noch Selbst­stand in der gött­li­chen Per­son hat. Sie ist nicht mehr der Besitz eines mensch­li­chen Ich, son­dern des Ich des gött­li­chen LOGOS. Nicht mehr ein mensch­li­ches Ich redet, han­delt, denkt, will mit den Kräf­ten der mensch­li­chen Natur, son­dern das Ich des Got­tes­soh­nes. Das ist das Geheim­nis der hyposta­ti­schen Union, wie wir diese Ver­bin­dung bezeich­nen. Bei die­ser Sach­lage darf und muss man die Hand­lun­gen der mensch­li­chen Natur vom gött­li­chen LOGOS aus­sa­gen. Er ist der in der mensch­li­chen Natur (und in der gött­li­chen Natur selbst­ver­ständ­lich ebenso) Tätige. Er ver­ant­wor­tet also auch die Tätig­kei­ten der mensch­li­chen Natur. So kann man das fast Unglaub­li­che sagen, ja, muss es sagen: Der Sohn Got­tes, sofern er näm­lich Inha­ber der mensch­li­chen Natur ist, ist gebo­ren wor­den, ist der Sohn der Jung­frau Maria. Er isst und trinkt, er wird müde und schläft, er weint und trös­tet, er zürnt und ver­zeiht, er fürch­tet und über­win­det, er ist an die­sem und an jenem Ort, er hat sein Blut ver­gos­sen, er schenkt uns sei­nen Leib. Eigen­schaf­ten und Tätig­kei­ten der mensch­li­chen Natur wer­den von dem gött­li­chen LOGOS aus­ge­sagt. Diese Wahr­heit ist gegen Irr­leh­rer end­gül­tig und tref­fend aus­ge­sagt wor­den vom Kon­zil von Chal­ce­don im Jahre 451. Da wurde fest­ge­stellt: Unser Herr Jesus ist voll­kom­men der Gott­heit und voll­kom­men der Mensch­heit nach. Er ist wah­rer Gott und wah­rer Mensch. Und seine Mensch­heit besteht aus einer ver­nünf­ti­gen Seele und einem Leibe. Er ist wesens­gleich dem Vater der Gott­heit nach, er ist wesens­gleich der Mut­ter der Mensch­heit nach. Er ist der Ein­zig­ge­bo­rene, der in zwei Natu­ren unver­mischt und unver­wan­delt, unge­trennt und unge­son­dert besteht. Das ist die erhel­lende Wahr­heit von Chal­ce­don.

Wir beten diese Wahr­heit auch im Glau­bens­be­kennt­nis, vor allem im Glau­bens­be­kennt­nis des Atha­na­sius, in dem Atha­na­sia­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis, das wir Pries­ter ja im Bre­vier immer wie­der beten dür­fen. Da heißt es: Gott ist er als gezeugt vor aller Zeit aus dem Wesen des Vaters. Mensch ist er, in der Zeit aus dem Wesen der Mut­ter gebo­ren. Voll­kom­me­ner Gott, voll­kom­me­ner Mensch, beste­hend aus Geist­seele und Men­schen­leib. Gleich dem Vater der Gott­heit nach, gerin­ger als der Vater der Mensch­heit nach. Sowohl Gott als Mensch sind es doch nicht zwei, son­dern der eine Chris­tus, einer nicht durch Umwand­lung der Gott­heit in den Men­schen, son­dern durch Auf­nahme der Mensch­heit in die Gott­heit. Er ist einer, nicht durch Ver­mi­schung des Wesens, son­dern durch Ein­heit der Per­son.

Die Lehre von der per­so­na­len Ein­heit in der Zwei­heit der Natu­ren wird in der Hei­li­gen Schrift viel­fach ver­bürgt. Ich will zwei Stel­len zei­gen, wo diese Wahr­heit aus­ge­spro­chen wird. Im Pro­log des Johan­nes­evan­ge­li­ums heißt es: „Und das Wort ist Fleisch gewor­den.“ Das Wort (der LOGOS, die zweite Per­son in Gott) ist Mensch gewor­den. Der LOGOS ist ein­ge­tre­ten in den Bereich des Flei­sches, d.h. der Ver­gäng­lich­keit, der Hilf­lo­sig­keit, der Macht­lo­sig­keit, der Nich­tig­keit. Er, der Unwan­del­bare, konnte nicht in ein Geschöpf ver­wan­delt wer­den. Er konnte nicht auf­hö­ren zu sein, was er immer war, und anfan­gen zu sein, was er nicht war. „Er blieb, was er war, aber er nahm an, was er nicht hatte.“ Er stieg vom Him­mel herab, nicht als ob er einen Ort ver­las­sen hätte und einen uner­mess­li­chen Raum durch­ei­lend an einen ande­ren Ort gegan­gen wäre. Nein, der Uner­mess­li­che, der All­ge­gen­wär­tige ist kei­nem Raum näher, kei­nem fer­ner. Er trägt und wirkt alle Räume, er erfüllt sie. Er hat eine Grenze über­schrit­ten, aber keine sicht­bare, son­dern die Grenze zwi­schen Schöp­fer und Geschöpf, die Grenze, die zwi­schen der Seins­art des Geschöp­fes und der Seins­art des Schöp­fers ver­läuft. Er ging hin­über über die Grenze, die zwi­schen Gott und Geschöpf auf­ge­rich­tet ist, und nahm die Natur des Flei­sches, also die ver­gäng­li­che mensch­li­che Natur, an, sodass sie seine Natur, die Natur des per­son­haf­ten Got­tes­wor­tes wurde. Er ergreift sie und ver­bin­det sich mit ihr. Die Men­schwer­dung des LOGOS ist keine Ein­schrän­kung auf den Raum der von ihm ange­eig­ne­ten mensch­li­chen Natur, sodass er jen­seits ihrer nicht gegen­wär­tig wäre, nein, sie ist viel­mehr eine beson­dere, ein­ma­lige, sonst nir­gends vor­kom­mende Bezie­hung der Gott­heit zu einer kon­kre­ten, aus Maria stam­men­den mensch­li­chen Natur.

Die zweite Stelle, die ich Ihnen vor­le­gen möchte, stammt von Pau­lus aus dem Brief an die Phil­ip­per. Da heißt es: „Er, der in Got­tes­ge­stalt war, hat nicht geglaubt, das Gott­gleich­sein wie ein Beu­te­stück fest­hal­ten zu sol­len, nein, er ent­äu­ßerte sich selbst, nahm Knechts­ge­stalt an, wurde den Men­schen gleich und ward dem Äuße­ren nach als ein Mensch emp­fun­den.“ Der Sohn hat ein gött­li­ches Dasein: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ Aber der Sen­dung des Vaters gehor­sam, hat er nicht gemeint, seine gott­glei­che Würde umklam­mern, fest­hal­ten zu sol­len, nein, er begab sich ihrer, um ein Knechts­da­sein dafür ein­zu­tau­schen, um men­schengleich zu wer­den an Gestalt und Gebärde. Er ernied­rigte sich im Gehor­sam, ja, bis zum Gehor­sam am Kreuze. Die Per­son des gött­li­chen LOGOS bleibt unwan­del­bar die glei­che, aber er hat zu sei­ner gött­li­chen Seins­weise noch eine mensch­li­che hin­zu­ge­nom­men. Er, der Rei­che, ist um unse­ret­wil­len arm gewor­den, damit wir durch seine Armut reich wür­den.

Die per­so­nale Ein­heit zweier Natu­ren wird auch von all den Stel­len in der Hei­li­gen Schrift bezeugt, in denen von ein und dem­sel­ben Chris­tus Gött­li­ches und Mensch­li­ches aus­ge­sagt wird. Sie sind uner­klär­lich, wenn man nicht eine Zwei­heit von Seins- und Tätig­keits­for­men in Chris­tus, in dem einen Ich Christi annimmt. Er ist noch nicht 50 Jahre alt – das kann jeder nach­prü­fen –, und doch erklärt er: „Ehe Abra­ham ward, bin ich.“ Er spricht: „Reißt die­sen Tem­pel nie­der, und in drei Tagen werde ich ihn auf­bauen.“ Er redete dabei von dem Tem­pel sei­nes Lei­bes, wie Johan­nes ver­si­chert. Ein und der­selbe stirbt und erhebt sich in über­le­ge­ner Leich­tig­keit wie­der vom Tode. Chris­tus ist der Herr, aber der Herr, der mit sei­nem Blute sich eine Kir­che erkauft hat. Chris­tus ist Gott, und stammt doch dem Flei­sche nach von den Vätern. In Chris­tus ist eine Herr­lich­keit, die kein Wei­ser die­ser Welt erkannt hat, und doch wurde er in sei­ner Herr­lich­keit ans Kreuz geschla­gen. Erstaun­lich an die­sen Aus­sa­gen ist die Sicher­heit und Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der das Wider­sprüch­li­che und Gegen­sätz­li­che gesagt wird. Der­je­nige, von dem sol­che Aus­sa­gen gemacht wer­den, lebt in der Ent­rückt­heit Got­tes und doch in der Hin­fäl­lig­keit des Lei­bes. Er lebt in der Unsterb­lich­keit des gött­li­chen Lebens und ebenso in der Ver­gäng­lich­keit der mensch­li­chen Ohn­macht.

Einer der größ­ten Leh­rer unse­rer Kir­che war Papst Leo der Große im 5. Jahr­hun­dert. Wenn seine Lesun­gen in unse­rem pries­ter­li­chen Gebet­buch, im Bre­vier, erschei­nen, bin ich immer ent­zückt. Sie sind prä­zise, genau und von tie­fer reli­giö­ser Glut durch­formt. Von Leo dem Gro­ßen heißt es nun: „In Chris­tus müs­sen wir die wahre Gott­heit und die wahre Mensch­heit aner­ken­nen. Er ist das Fleisch und das Wort. Wie er eines Wesens ist mit dem Vater, so ist er auch einer Natur mit der Mut­ter. Die Per­son wird nicht ver­dop­pelt, die Wesen­hei­ten wer­den nicht ver­mischt. Gemäß sei­ner Kraft ist er lei­dens­un­fä­hig, gemäß sei­ner Nied­rig­keit ist er sterb­lich. Aber bei­der bedient er sich so, dass die Kraft die Schwä­che ver­herr­licht und die Schwä­che die Kraft nicht ver­dun­keln kann. Er, der die ganze Welt umgreift, lässt sich von sei­nen Häschern umgrei­fen. Er wird gefes­selt von den Hän­den derer, die in ihrem Her­zen ihn nicht fas­sen kön­nen. Die Gerech­tig­keit wider­steht nicht dem Unge­rech­ten, und die Wahr­heit wider­steht nicht den fal­schen Zeu­gen.“ Die Anhän­ger Jesu, die Kir­che, haben ver­sucht, die ein­zig­ar­tige Wirk­lich­keit Christi in Begriffe zu fas­sen. Nur mit Begrif­fen kann man die Bil­der und die Aus­sa­gen der Hei­li­gen Schrift logisch und ver­stan­des­mä­ßig in den Griff bekom­men. Diese Ver­su­che sind geglückt, sie sind rich­tig, sie sind ver­bind­lich, sie besit­zen die Garan­tie des Hei­li­gen Geis­tes. Diese Aus­sa­gen sind nicht bloße Übun­gen des Ver­stan­des oder ein Spiel der Begriffe, sie besit­zen viel­mehr Lebens­kraft und Bestän­dig­keit.

Die Wahr­heit von der Men­schwer­dung des LOGOS ist die Bür­gin unse­res Hei­les. Dadurch, und nur dadurch, dass der LOGOS sich aufs Innigste mit einer Natur ver­band, emp­fängt die Schöp­fung das vom Vater in ewi­ger Zeu­gung geschenkte Leben. Licht, Liebe, Selig­keit erfüllt die mensch­li­che Natur, die der Sohn ange­nom­men hat. Und sie ist der Weg, durch den wir zum Vater kom­men. Indem wir uns an die mensch­li­che Natur Jesu anklam­mern, indem wir in der Taufe mit ihr ver­bun­den wer­den, gehen die Kräfte die­ser Natur sowie die Kräfte der gött­li­chen Natur auf uns über. Was an Jesus geschah, hat Bedeu­tung für die gesamte Mensch­heit. Indem die Men­schen in Gemein­schaft mit ihm tre­ten, gewin­nen sie Anteil an sei­ner Gott­heit. Das war eben der Feh­ler des Nest­oria­nis­mus. Wenn die Ein­heit zwi­schen Gott und Mensch bloß eine äußere wäre, wie im Nest­oria­nis­mus gelehrt wird, dann wür­den die bei­den, Gott und Men­schen, neben­ein­an­der her gehen; es gäbe keine Ver­bin­dung; es käme nicht zu einer Über­schrei­tung der Grenze; es käme nicht zu einer Über­brü­ckung der Kluft; es käme nicht zu einer Schlie­ßung des Abgrun­des; der Mensch bliebe in der Todes­zone. Die Hef­tig­keit, mit der der Kampf gegen den Nest­oria­nis­mus geführt wurde, erklärt sich aus der Sorge um die Wirk­lich­keit der Erlö­sung von Sünde und Tod. Die Ver­ei­ni­gung der mensch­li­chen Natur mit dem Got­tes­sohne begann in dem Augen­blick, in dem diese Natur zu exis­tie­ren anfing, also in dem Augen­blick der Emp­fäng­nis Mari­ens. Es gab kei­nen Zeit­punkt, in dem diese Natur nicht vom LOGOS durch­herrscht wor­den wäre. Auch in der Gra­bes­ruhe war die ent­seelte Natur, der Leib Christi, mit der Gott­heit ver­bun­den. Diese Ein­heit zwi­schen Gott­heit und Mensch­heit wird nie ein Ende neh­men. Nie mehr wird die mensch­li­che Natur Jesu aus ihrer inni­gen Ver­bun­den­heit mit dem Ich des Got­tes­soh­nes ent­las­sen. Durch sie neh­men wir den Weg zum Vater. Wenn es uns gege­ben sein wird, meine lie­ben Freunde, in die Got­tes­schau ein­zu­tre­ten, wer­den wir erken­nen, was wir jetzt glau­ben. Gott betrügt uns nicht. Der Hei­lige Geist täuscht uns nicht. Die Kir­che geht nicht in die Irre. Wir dür­fen mit Pau­lus spre­chen. „Ich weiß, wem ich geglaubt habe.“

Amen.