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Die Genug­tu­ung durch Jesus Chris­tus

Die Genug­tu­ung durch Jesus Chris­tus

In der Grabeskirche
In der Grabeskirche

Wir müs­sen wis­sen, wem wir getraut haben. Des­we­gen stel­len wir seit vie­len Sonn­ta­gen uner­müd­lich die Frage: Was dünkt euch von Jesus? Wir müs­sen wis­sen, wer Jesus ist, und wir müs­sen wis­sen, was wir von ihm zu erwar­ten haben. Wir hat­ten an den ver­gan­ge­nen Sonn­ta­gen ihn als den Sie­ger über den Teu­fel, Tod, Sünde und Leid erkannt. Aber damit nicht genug. Er ist der Sie­ger über all diese Mächte, inso­fern er der­je­nige ist, der Gott genug­ge­tan hat. Er ist der­je­nige, der die Genug­tu­ung voll­bringt, d. h. der Sühne leis­tet für die Sün­den der Men­schen. Genug­tu­ung ist uns aus dem Geschäfts­ver­kehr des All­tags bekannt. Genug­tu­ung ist die Befrie­di­gung einer For­de­rung, vor allem die Wie­der­gut­ma­chung einer Belei­di­gung. Und die­ses Wort wird nun über­tra­gen auf das, was Jesus für uns getan hat. Er hat für uns genug­ge­tan. Er hat die Ehre Got­tes, die durch die Sünde ver­dun­kelt war, wie­der in hel­les Licht gesetzt. Er hat Sühne geleis­tet für die Schuld der Men­schen, für uns, d. h. an unse­rer Stelle und zu unse­ren Guns­ten. Als er auf Gol­go­tha stand, da leis­tete er den Süh­ne­tod an unse­rer Stelle. Er starb den Tod, den wir hät­ten ster­ben müs­sen; er ist der Stell­ver­tre­ter. Sein Süh­ne­tod war ein stell­ver­tre­ten­der Süh­ne­tod für uns.

Die Kir­che hat es als einen Glau­bens­satz for­mu­liert, daß Chris­tus durch sein Leben, Lei­den und Ster­ben für uns genug­ge­tan hat, daß er für uns Sühne geleis­tet hat. Das Kon­zil von Tri­ent erklärt: „Dazu kommt, daß wir durch die Genug­tu­ung, die wir für die Sün­den lei­den, Chris­tus Jesus gleich­för­mig wer­den, der für unsere Sün­den genug­ge­tan hat.“ Das ist der ent­schei­dende Satz: Chris­tus, der für unsere Sün­den genug­ge­tan hat. Aber nicht nur das Kon­zil von Tri­ent, auch frü­here Kir­chen­ver­samm­lun­gen haben diese Wahr­heit aus­ge­spro­chen, z. B. das Kon­zil von Toledo im Jahre 675: „In die­ser ange­nom­me­nen Men­schen­ge­stalt ist er nach unse­rem Glau­ben, gemäß der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums, ohne Sünde emp­fan­gen, ohne Sünde gebo­ren, ohne Sünde gestor­ben. Nur um unse­ret­wil­len ist er Sünde gewor­den, d. h. Süh­ne­op­fer für unsere Sün­den.“ Um noch eine letzte Stelle anzu­füh­ren: Der große Papst Pius XI. hat im Jahre 1928 erklärt: „Gewiß, die Erlö­sung Christi war über­reich und hat uns im Über­maß alle Miss­eta­ten ver­ge­ben. Doch müs­sen wir uns dabei bewußt blei­ben, daß wir Genug­tu­ung leis­ten müs­sen, aber diese Genug­tu­ung ist nur wert­voll in der Kraft Christi. Die eigene Genug­tu­ung lebt von der Süh­ne­kraft des einen. blu­ti­gen Opfers Christi.“

Was die Kir­che hier in ihren Leh­rent­schei­dun­gen bekannt hat, das ist nichts ande­res, als was in der Hei­li­gen Schrift grund­ge­legt wird. Der Pro­phet Isaias hatte ja von dem Got­tes­knecht gesagt, daß er „unsere Lei­den getra­gen, unsere Schmer­zen auf sich gela­den. Wir hiel­ten ihn für geschla­gen, für getrof­fen von Gott und geplagt. Doch ob unse­rer Sün­den ward er ver­wun­det, ob unse­rer Fre­vel zer­schla­gen. Zu unse­rem Heil lag Strafe auf ihm. Durch seine Strie­men wur­den wir geheilt.“ Was das Alte Tes­ta­ment im Bild, in der Gestalt des Got­tes­knech­tes ankün­digt, das ist im Neuen Tes­ta­ment erfüllt wor­den. Jesus, unser Hei­land, sagt: „Der Men­schen­sohn ist nicht gekom­men, um sich bedie­nen zu las­sen, son­dern um zu die­nen und sein Leben hin­zu­ge­ben als Löse­geld für viele.“ Als Löse­geld für viele! Und beim Letz­ten Abend­mahl, da spricht er: „Das ist mein Blut des Neuen Bun­des, das für viele ver­gos­sen wird.“ Er, der Eine, ver­gießt sein Blut für die Vie­len, d. h. für alle. Der Apos­tel Pau­lus hat die Ver­kün­di­gung Christi auf­ge­nom­men und ihn als den süh­nen­den und erlö­sen­den Mes­sias geschil­dert. „Um uns aus die­ser schlim­men Welt zu ret­ten, hat er sich selbst für unsere Sün­den dahin­ge­ge­ben. So war es der Wille unse­res Got­tes und Vaters.“ An einer ande­ren Stelle: „Chris­tus hat uns vom Fluch des Geset­zes erlöst, da er für uns zum Fluch gewor­den ist.“ Zum Fluch ist Chris­tus gewor­den, weil er den Skla­ven­tod am Kreuze gestor­ben ist. Aber es war nicht seine Schuld, die er da gebüßt hat, son­dern es war die Schuld der Men­schen. Des­we­gen kann Pau­lus an einer ande­ren Stelle schrei­ben: „Ihn hat Gott dar­ge­stellt als blu­ti­ges Süh­ne­op­fer.“ Als Süh­ne­op­fer für uns, an unse­rer Stelle und zu unse­rem Nut­zen.

Die Sühne, die Chris­tus leis­tete, war der Schuld eben­bür­tig, ja über­le­gen. Er war imstande, die Schuld der Men­schen zu süh­nen aus einem dop­pel­ten Grund. Ein­mal, weil er ein Mensch war. Als Mensch konnte er das Gericht über sich erge­hen las­sen, das Gericht des Todes, des Straf­to­des. Sodann, weil er Gott war. Als Gott konnte er das Grauen der Sünde aus­mes­sen und auf sich neh­men. Die Tiefe der Sünde ist für einen Men­schen nicht aus­lot­bar. Es mußte ein Gott kom­men, um die Sünde aus­zu­mes­sen und auf sich zu neh­men. Seine Liebe über­strahlte den Haß, der in der mensch­li­chen Sünde empor­ge­kom­men war. Gott hat dadurch seine Ehre wie­der­her­ge­stellt. Die Wie­der­her­stel­lung der Ehre Got­tes geschieht in fol­gen­der Weise: ein­mal von Gott her. Er hat sei­nen Sohn hin­ge­ge­ben, sei­nen gelieb­ten, ein­zi­gen Sohn für uns hin­ge­ge­ben. Jetzt ist seine Liebe unüber­seh­bar. Jetzt kann nie­mand mehr sagen: Gott liebt uns nicht. Und von sei­ten Christi: Chris­tus hat die Herr­lich­keit, die Herr­schaft des Vaters aner­kannt, indem er sich selbst in den Tod gab. Er hat durch sei­nen Gehor­sam die Schuld, den Unge­hor­sam der Men­schen aus­ge­löscht. Jetzt ist die Ehre Got­tes wie­der­her­ge­stellt; jetzt kann nie­mand mehr sagen: Ich kann nicht an Gott glau­ben, weil das Leid und die Schuld der Men­schen zu groß ist. Nein, gegen­über dem Lie­be­s­tod, den Chris­tus für uns gestor­ben ist, ver­blaßt ein sol­cher Vor­wurf.

Die abend­län­di­sche Theo­lo­gie hat von Anfang an, seit Ter­tul­lian, seit Cyprian, aber beson­ders licht­voll seit dem hei­li­gen Anselm von Can­ter­bury, den Genug­tu­ung­s­cha­rak­ter des Todes Christi her­aus­ge­ar­bei­tet. Der hei­lige Anselm von Can­ter­bury hat in sei­ner Schrift „Cur deus homo?“ – Warum ist denn Gott ein Mensch gewor­den? fol­gende Lehre vor­ge­tra­gen, die von der Kir­che auch akzep­tiert wor­den ist: Die Sünde hat die Ehre Got­tes beein­träch­tigt. Ange­sichts der Sünde kann man fra­gen: Was ist das für ein Gott, der eine sol­che Welt schafft? Die Sünde ist eine Krän­kung Got­tes, und die Krän­kung wird nach dem bemes­sen, der gekränkt wird. Wenn also Gott, der Unend­li­che, gekränkt wird, dann ist das eine unend­li­che Krän­kung. Eine unend­li­che Krän­kung kann ein end­li­cher Mensch nicht gut­ma­chen. Um eine unend­li­che Krän­kung auf­zu­ar­bei­ten, muß eine unend­li­che Per­sön­lich­keit die Arbeit leis­ten, und das ist der Gott­mensch Jesus Chris­tus. Er hat eine eben­bür­tige, nein, eine über­flie­ßende Genug­tu­ung für die Gott ange­tane Belei­di­gung geleis­tet.

Der hei­lige Tho­mas hat die­ser Lehre Anselms von Can­ter­bury auf­ge­nom­men und ver­tieft. Er sagt: Die Gott ange­tane Belei­di­gung ist nur der Inten­tion nach, der Absicht nach, mora­lisch unend­lich, wäh­rend die Genug­tu­ung, die Jesus leis­tet, phy­sisch, dem Sein nach unend­lich ist. Sie bedarf auch kei­ner Annahme; sie ist in sich von unend­li­chem Wert. Nur um diese Genug­tu­ung auf die Men­schen sich aus­wir­ken zu las­sen, ist die Annahme Got­tes not­wen­dig.

Diese Lehre ver­mag uns deut­lich zu machen, was es ist um die Genug­tu­ung, die Jesus geleis­tet hat. Die Ehre Got­tes wird durch die Sünde ver­dun­kelt. Ange­sichts der Schuld, die die Men­schen auf sich laden, ange­sichts der Empö­rung, die sie gegen Gott rich­ten, kann die Frage ent­ste­hen: Was ist das für ein Gott, der eine sol­che Welt geschaf­fen hat, der sol­che Men­schen geschaf­fen hat? Diese Frage wird zum Schwei­gen gebracht, wenn wir beden­ken, was Gott für die Welt getan hat und was Chris­tus für die Welt getan hat. Gott hat sei­nen eige­nen Sohn nicht geschont, son­dern ihn für alle hin­ge­ge­ben. Da wird seine Gerech­tig­keit und seine Liebe deut­lich wie nie zuvor. Gegen diese Liebe ist kein Ein­wand mehr mög­lich. Und Chris­tus hat sich selbst zum Opfer gebracht, um die Ober­herr­lich­keit des Vaters anzu­er­ken­nen, um genug­zu­tun für die Sün­den der Men­schen. Wir haben jetzt einen, an den wir uns klam­mern kön­nen, zu dem wir sagen kön­nen: Meine Genug­tu­ung, die ich voll­bringe, ist win­zig, ist gering­fü­gig, ist in kei­ner Weise aus­rei­chend, das zu süh­nen, was ich ange­rich­tet habe. Aber da ist einer, der hat für mich genug­ge­tan. Wir brau­chen uns nur an Chris­tus anzu­schlie­ßen. Wir brau­chen nur Chris­tus als unse­ren Herrn anzu­er­ken­nen, im Glau­ben und in der Liebe uns ihm zu über­ge­ben, dann wird seine Genug­tu­ung, die er als Haupt der Mensch­heit auf Gol­go­tha voll­bracht hat, unsere Genug­tu­ung.