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Die Nach­folge Jesu

Die Nach­folge Jesu

Als Jesus sein öffent­li­ches Wir­ken begann, ging er als­bald daran, einen Kreis von Jün­gern, Schü­lern um sich zu sam­meln; aus ihnen wählte er spä­ter zwölf aus, damit sie immer bei ihm seien. Die von ihm Beru­fe­nen erblick­ten in sei­nem Ruf den Wil­len Got­tes und ver­nah­men in sei­nem Urteil Got­tes Rich­ter­spruch. Seine Auto­ri­tät war für sie eine abso­lute, der gegen­über es keine Ein­wände und Fra­gen gab. Jesus war­tete nicht, bis Jün­ger zu ihm kamen, er selbst war es, der sie zur Nach­folge berief. Durch die Annahme sei­nes Rufes wurde zwi­schen ihnen und Jesus eine Lebens­ge­mein­schaft begrün­det. Der Jün­ger Jesu hört nie­mals auf, Jün­ger zu sein. Es kamen auch Men­schen von sich aus auf den Gedan­ken, sich Jesus anzu­schlie­ßen. Nicht jeden hat er ohne wei­te­res ange­nom­men. Denn die Nach­folge Jesu, die dau­ernde Lebens­ge­mein­schaft mit Jesus hatte für den Beru­fe­nen weit­rei­chende Fol­gen. Sie schloss die Auf­gabe des bis­he­ri­gen Beru­fes und die Tren­nung von der Fami­lie und dem Besitz in sich. Sie for­derte größte Opfer, bedeu­tete die Ver­set­zung in einen neuen Beruf, der sie so voll­stän­dig bean­spruchte, dass der Beru­fene sich dane­ben kei­ner ande­ren Beschäf­ti­gung mehr wid­men konnte. „Sie ver­lie­ßen ihre Schiffe und den Vater“, so heißt es bei den beru­fe­nen Fischern.

Der Zweck der Beru­fung der Jün­ger durch Jesus war ein dop­pel­ter. Ein­mal soll­ten sie Israel, das neue Israel reprä­sen­tie­ren, dar­stel­len, sicht­bar machen. So wie im alten Bun­des­volk zwölf Stämme waren, so waren jetzt zwölf Aus­er­wählte, um bild­haft das neue Got­tes­volk abzu­bil­den. Sodann soll­ten die Jün­ger Anteil bekom­men an Jesu eige­ner Sen­dung, also der Ver­kün­di­gung des Kom­mens des Got­tes­rei­ches. Der Beruf der Men­schen­fi­sche­rei war von Anfang an das Ziel, für das Jesus sie berief.

Die Nach­folge Jesu ist Ein­tritt in die Lebens­be­din­gun­gen Jesu, Teil­habe an sei­nem Schick­sal und an sei­ner Lebens­auf­gabe. Dar­aus erklärt sich die Strenge der mit ihr ver­bun­de­nen Beru­fun­gen und For­de­run­gen. Hin­ter Jesus her­ge­hen, heißt: her­aus­ge­ris­sen wer­den aus der gesi­cher­ten Exis­tenz, den bis­he­ri­gen Brot­er­werb auf­ge­ben, sich von den liebs­ten und nächst­ste­hen­den Men­schen los­rei­ßen und auf jede häus­li­che Gebor­gen­heit ver­zich­ten. Hin­ter Jesus her­ge­hen, heißt: an den Lebens­be­din­gun­gen und dem Lebens­schick­sal Jesu teil­ha­ben, der selbst das Leben eines besitz­lo­sen und hei­mat­lo­sen Flücht­lings führt. „Die Füchse haben Höh­len, und die Vögel des Him­mels haben Nes­ter, aber der Men­schen­sohn hat nicht, wohin er sein Haupt legen könnte.“ Weil der Jün­ger nicht über dem Meis­ter und der Knecht nicht über sei­nem Herrn ist, darum muss sich der Jün­ger dar­auf gefasst machen und bereit sein, dass Hass, Schmä­hung und Ver­fol­gung und selbst der Tod auf ihn war­ten. Die Nach­folge Jesu ist Arbeit für das Reich Got­tes. Dar­aus ergibt sich ihre alle mensch­li­chen Auf­ga­ben über­stei­gende Wich­tig­keit. Die Bin­dung an die Per­son Jesu besitzt sol­che über­ra­gende Bedeu­tung, dass durch sie alle zwi­schen Men­schen sonst beste­hen­den Ver­bin­dun­gen zer­ris­sen wer­den und hin­ter ihr selbst die aus der Pie­tät gegen die Eltern sich erge­ben­den Pflich­ten zurück­ste­hen müs­sen. Einen for­derte Jesus zur Nach­folge auf, der ent­geg­nete: „Herr, gestatte, dass ich zuerst hin­gehe und mei­nen Vater begrabe.“ Jesus sprach zu ihm: „Lass die Toten ihre Toten begra­ben! Du aber komm und ver­künde das Reich Got­tes.“ Ein ande­rer sagte: „Herr, ich will dir fol­gen, aber gestatte, dass ich zuerst alles zu Hause ordne.“ Jesus sprach zu ihm: „Kei­ner, der die Hand an den Pflug legt und noch zurück­schaut, ist taug­lich für das Reich Got­tes.“

Die bis­her genann­ten For­de­run­gen Jesu gel­ten nicht in ihrer Gesamt­heit allen Anhän­gern Jesu. Sie geben nicht die für alle Men­schen uner­läss­li­chen Bedin­gun­gen zur Erlan­gung des Heils an. Sie haben viel­mehr nur für eine bestimmte Gruppe von Nach­fol­gern Jesu ver­pflich­tende Gel­tung, näm­lich für die, wel­che er für die Men­schen­fi­sche­rei bestimmt und eben des­halb in seine unmit­tel­bare Lebens­ge­mein­schaft beru­fen hat. Gebote, die als Bedin­gung für das Ein­ge­hen in das Reich Got­tes bezeich­net wer­den, gel­ten allen Men­schen. Sie stel­len eben­falls keine gerin­gen Anfor­de­run­gen an die sitt­li­che Kraft der Nach­fol­ger, aber sie sind eben nicht gleich­be­deu­tend mit den für die beson­dere Nach­folge ent­wor­fe­nen For­de­run­gen Jesu. Die übri­gen Anhän­ger Jesu müs­sen – um ein­mal ein Bei­spiel zu erwäh­nen – das Bekennt­nis zu Jesus üben, was unter Umstän­den die Fami­lien zer­rei­ßen kann. Sie müs­sen Anfein­dun­gen, ja Ver­fol­gung bis zum Mar­ty­rium bewäl­ti­gen. Auch das harte Wort von der Kreu­zes­nach­folge und das Wort: „Wer sein Leben ret­ten will, der wird es ver­lie­ren; wer es aber um mei­net­wil­len ver­liert, der wird es ret­ten“, auch diese Worte sind für alle Anhän­ger Jesu bestimmt.

Der Ruf zur Nach­folge Jesu setzt die leib­li­che Gegen­wart Jesu vor­aus. Diese aber hat seit Ostern auf­ge­hört; er ist in den Him­mel zurück­ge­kehrt. Die Urge­meinde fühlte sich aber immer noch von den Wor­ten Jesu über Nach­folge und Jün­ger­schaft ange­spro­chen. Doch mit dem Auf­hö­ren der irdi­schen, leib­li­chen Gegen­wart war not­wen­dig eine Umge­stal­tung des Sinn­ge­halts der Nach­folge gege­ben. Der Begriff des Jün­gers wurde jetzt gleich­be­deu­tend mit dem Begriff des Gläu­bi­gen. Dem­ent­spre­chend änderte sich auch der Begriff der Nach­folge. Diese wird jetzt stär­ker als sitt­li­che Hal­tung, nicht nur nach den Gebo­ten, son­dern auch nach dem Bei­spiel Jesu ver­stan­den. Nach­folge Christi ist jetzt, in der Zeit nach Ostern, die gläu­bige Annahme und gelebte Ver­wirk­li­chung des Wor­tes und Wer­kes Jesu, das in der Kir­che bezeugt und ver­mit­telt wird, also die gesamte reli­giös-sitt­li­che Lebens­ver­wirk­li­chung aus dem per­sön­li­chen Bezug zu Jesus. Alle Chris­ten sind zu die­ser Nach­folge Christi beru­fen, d.h. zur Fülle des christ­li­chen Lebens und zur voll­kom­me­nen Liebe. Sie sol­len sei­nen Spu­ren fol­gen und sich sei­nem Bilde gleich­ge­stal­ten, dem Wil­len des Vaters folg­sam, der Ehre Got­tes und dem Dienst des Nächs­ten hin­ge­ge­ben.

Diese Lebens- und Schick­sals­ge­mein­schaft mit Jesus wird begrün­det in der Taufe. Ein jeder Getaufte ist in die so ver­stan­dene Nach­folge Christi beru­fen. Das Ideal des in der Nach­folge Christi ste­hen­den Die­ners Got­tes und der Kir­che ist der anspruchs­lose und bedürf­nis­lose Christ. Gewiss ist es ihm gestat­tet, die Grund­er­for­der­nisse der Exis­tenz zu erfül­len, aber was dar­über hin­aus­geht, sollte er mei­den. Die beson­dere Nach­folge Christi ist heute dem geweih­ten Amts­trä­ger der Kir­che auf­ge­tra­gen. Die Hir­ten der Herde Christi sind in gestei­ger­ter Weise auf­ge­for­dert, dem Erst­hir­ten Chris­tus zu fol­gen. Sie sol­len ihr Amt in wah­rer Hir­ten­liebe aus­üben, hei­lig und freu­dig, demü­tig und kraft­voll. Sie dür­fen sich nicht fürch­ten, ihr Leben für ihre Schafe ein­zu­set­zen. Nicht alle ver­ste­hen die­sen Anruf Christi. Der rhei­ni­sche Salon­ka­tho­li­zis­mus sucht das ange­nehme Leben des geho­be­nen Bür­ger­tums mit dem Dienst der Kir­che zu ver­ei­nen. Was dabei auf der Stre­cke bleibt, ist die rast­lose apos­to­li­sche Tätig­keit, ist die Suche nach dem ver­lo­re­nen Schaf, ist „die Drecks­ar­beit im Rei­che Got­tes“, wie Pater Lep­pich sagte. Von sol­chen gilt das Wort aus dem Buch von der „Nach­folge Christi“: „Viele fol­gen Jesus nach bis zum Brot­bre­chen beim Abend­mahl, aber wenige bis zum Trin­ken aus dem Lei­dens­kel­che.“ Der ame­ri­ka­ni­sche Weih­bi­schof Ful­ton Sheen, ein begna­de­ter Pre­di­ger, hat das Ver­lan­gen des moder­nen Men­schen auf die For­mel gebracht: eine Reli­gion ohne Kreuz, einen Chris­tus ohne Kal­va­ri­en­berg, einen Pfar­rer, der nie von der Hölle spricht. Die Mehr­heit der deut­schen Bischöfe weiß nicht mehr, was die Nach­folge Christi von den Chris­ten und nament­lich von den Amts­trä­gern der Kir­che ver­langt. Sie über­le­gen unent­wegt, wie sie die Gläu­bi­gen von allem Beschwer­li­chen ent­las­ten kön­nen. Vor allem sol­len die Gebote der geschlecht­li­chen Sitt­lich­keit beque­mer gemacht wer­den. Meine Her­ren Bischöfe! Bas­teln Sie nicht herum am Gesetz des ewi­gen Got­tes! Bekeh­ren Sie sich zum Wil­len Got­tes und ver­kün­den Sie ohne wenn und aber sein Gesetz! Eine Kir­che, wel­che die belie­bige Emp­fäng­nis­ver­hü­tung für zuläs­sig erklärt, ist nicht mehr die Kir­che Christi! Eine Kir­che, wel­che gleich­ge­schlecht­li­che Betä­ti­gung für unbe­denk­lich hält, begibt sich auf die Spu­ren des Herrn Luther! Ebenso wol­len die Bischöfe die Amts­trä­ger der Kir­che vom Hero­is­mus der Nach­folge Christi befreien. Sie mei­nen, damit den Pries­ter­man­gel behe­ben zu kön­nen. Meine Her­ren Bischöfe! Als der Zöli­bat in frag­lo­ser Ach­tung stand, hatte die Kir­che kei­nen Man­gel an Pries­tern. Seit­dem Sie daran rüt­teln, ist der Pries­ter­nach­wuchs aus­ge­blie­ben! Es ist eine Schande und eine Unver­schämt­heit, den katho­li­schen Pries­ter von der Nach­folge Jesu in einem ehe­lo­sen und ent­halt­sa­men Leben ent­las­sen zu wol­len. Mil­lio­nen von Men­schen sind frei­will­lig ehe­los und ent­halt­sam geblie­ben oder müs­sen es wegen der Umstände sein: die Geschie­de­nen, die Wie­der­ver­hei­ra­te­ten, die Wit­wen. Meine lie­ben Freunde, die Pries­ter sol­len die­sen Men­schen mit ihrem Bei­spiel vor­an­ge­hen. Sie sol­len ihnen zei­gen, es ist mög­lich, lau­ter und rein zu blei­ben, ein ehe­lo­ses, ein ent­halt­sa­mes Leben zu füh­ren. Der Zöli­bat ist kein Gesetz, das erst die Kir­che auf­er­legt, son­dern eine Ent­schlie­ßung, wel­che die Kan­di­da­ten des Pries­ter­tums selbst fas­sen sol­len. Nur will die Kir­che keine Die­ner auf­neh­men, die einer sol­chen Auf­op­fe­rung nicht fähig sind. Sie will Die­ner haben, deren Stre­ben unge­teilt ist. Sie will Hir­ten haben, die groß­mü­tig genug sind, sogar ihr Leben für ihre Schafe hin­zu­ge­ben. Wie könnte sie dies von Schwa­chen erwar­ten, die nicht ein­mal eine Nei­gung über­win­den kön­nen? Es war kein Freund der katho­li­schen Kir­che, von dem das Wort stammt: Im Zöli­bat ragt das Evan­ge­lium in die katho­li­sche Kir­che hin­ein. O meine Freunde, hören Sie nicht auf die, wel­che den Ernst und die Erha­ben­heit der Nach­folge Christi Ihnen aus­re­den wol­len. Hören Sie nicht auf die, wel­che das Chris­ten­tum ver­bil­li­gen wol­len. Hören Sie auf die Stimme des Gali­lä­ers, der ruft: „Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nach­folgt, der kann mein Jün­ger nicht sein.“