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Die Offenbarung Got­tes in Jesus Christus

Die Offen­ba­rung Got­tes in Jesus Chris­tus.

Die fran­zö­si­schen Könige hat­ten jahr­hun­der­te­lang das Recht, die Bischöfe in ihrem Rei­che vor­zu­schla­gen, damit sie der Papst in ihr Amt ein­setze. Sie lie­ßen sich von ihren Minis­tern bera­ten, wel­che Per­so­nen dafür in Frage kämen. Dem letz­ten König der Kape­tin­ger, näm­lich Lud­wig XVI., wurde ein­mal ein Geist­li­cher vor­ge­schla­gen, gegen den er sich hef­tig wehrte. Er sagte näm­lich: „Der Erz­bi­schof von Paris“ – das sollte der Geist­li­che wer­den – „muß wenigs­tens an Gott glau­ben.“ Er hatte offen­bar nicht die Gewähr dafür, daß diese Bedin­gung bei dem Vor­ge­schla­ge­nen erfüllt sei.

Der Glaube ist die Wur­zel des mensch­li­chen Hei­les. Wenn wir heute von einer Krise der Kir­che spre­chen – und das müs­sen doch alle, die offene Augen haben, ein­räu­men –, dann ist diese Krise zutiefst eine Krise des Glau­bens. Der Glaube ist in vie­len Men­schen erschüt­tert, teil­weise völ­lig zer­stört, und die Fol­gen die­ser Zer­stö­rung zei­gen sich dann im sitt­li­chen Ver­hal­ten und im kirch­li­chen Den­ken.

Wir sind dabei, uns den Grund­ge­gen­stand des Glau­bens ins Gedächt­nis zu rufen, näm­lich Gott. Gott ist die oberste, die ent­schei­dende Wirk­lich­keit unse­res Glau­bens. Sie steht an ers­ter Stelle im Glau­bens­be­kennt­nis. Wir wis­sen, daß das Glau­bens­be­kennt­nis nicht ledig­lich eine Anein­an­der­rei­hung von Wahr­hei­ten ist, son­dern ein Bekennt­nis, eine Aus­lie­fe­rung an Gott, eine Über­ant­wor­tung an Gott. Es genügt nicht, das bloße Dasein Got­tes zu beken­nen; die For­meln des Glau­bens­be­kennt­nis­ses sind viel­mehr ein Appell an den Men­schen, sich Gott aus­zu­lie­fern, sei­nen Wil­len zu sei­nem eige­nen Wil­len zu machen.

Der Weg zu Gott führt auf zwei Bah­nen, näm­lich durch das natür­li­che Erken­nen und durch den Glau­ben. Es gibt eine dop­pelte Quelle und einen dop­pel­ten Gegen­stand, wenn wir von Gott und den gött­li­chen Din­gen spre­chen. Eine dop­pelte Quelle, näm­lich ein­mal das auf sich selbst gestellte Den­ken, die natür­li­che Ver­nunft, und der Glaube, der eine von Gott ver­mit­telte Erkennt­nis, eine Offen­ba­rung, eine Selbst­er­schlie­ßung Got­tes ist. Also nach der Quelle unter­schei­den wir zwei ver­schie­dene Arten der Got­te­s­er­kennt­nis: durch die natür­li­che Erkennt­nis­kraft und durch das Geschenk Got­tes in der Selbst­er­schlie­ßung sei­ner Offen­ba­rung.

Auch der Gegen­stand ist ver­schie­den; denn mit unse­rem natür­li­chen Den­ken kom­men wir zwar zu gewis­sen Ein­sich­ten über Gott, aber die letz­ten, tiefs­ten Geheim­nisse Got­tes, vor allem seine Drei­per­so­na­li­tät, sind uns nur durch die Offen­ba­rung zugäng­lich. Des­we­gen gibt es einen dop­pel­ten Gegen­stand des Wis­sens über Gott, näm­lich die natür­lich erkenn­ba­ren Wahr­hei­ten und die über­na­tür­lich geof­fen­bar­ten Wahr­hei­ten.

Wir haben uns am letz­ten Sonn­tag die Offen­ba­rung im Alten Tes­ta­ment vor Augen geführt. Dort hat sich Gott als der Leben­dige in der Geschichte eines Volkes geof­fen­bart. Diese Offen­ba­rung erreicht ihren Gip­fel­punkt in Jesus Chris­tus. Jesus, unser Herr und Hei­land, ist in sei­nem Wesen, in sei­ner Erschei­nung, in sei­nem Werk und in sei­nem Wort die Offen­ba­rung Got­tes. Er über­schrei­tet alles, was Men­schen­maß aus­macht. Er über­schrei­tet alles, was die Erfah­rung uns zu ver­mit­teln ver­mag. Er über­schrei­tet auch alles, was das mensch­li­che Den­ken ersin­nen und ent­de­cken kann. Chris­tus ist eine Wirk­lich­keit, die in die Kate­go­rien die­ser Zeit­lich­keit, der Empi­rie, nicht ein­geht. Die Zeit­ge­nos­sen Jesu haben dies gespürt.

Als der Herr den See­sturm stillte, da sag­ten die Jün­ger zuein­an­der: „Was ist denn das für einer, daß ihm sogar der Wind und das Meer gehor­chen?“ Was ist denn das für einer? In die­ser Äuße­rung liegt das fas­sungs­lose Stau­nen über die Macht, die die­sem Jesus von Naza­reth gege­ben ist.

Jesus selbst inter­pre­tiert sein Wesen. Er gibt eine Erklä­rung für seine Wesens­art, indem er den Jün­gern sagt, er sei von oben, wäh­rend sie von unten sind. Er ist von Gott gesandt und redet das, was er Gott sagen hört. Er tut die Werke, die er beim Vater sieht. Jesus ist ganz und gar in die Erfül­lung des väter­li­chen Wil­lens ein­ge­spannt. Es ist seine Speise, den Wil­len des Vaters zu tun; dar­über ver­gißt er Hun­ger und Durst, über die­ser Auf­gabe, den Wil­len des Vaters auf Erden zu voll­brin­gen, in die­ser Welt der Auf­leh­nung, den Wil­len Got­tes durch­zu­füh­ren, und dadurch die Herr­schaft Got­tes, das Reich Got­tes, das König­tum Got­tes auf­zu­rich­ten. Ihm ist die Macht gege­ben über Sünde, Krank­heit und Tod. Er ver­mag Sün­den zu ver­ge­ben, er kann Krank­hei­ten hei­len, die kein Arzt zu hei­len ver­mag, und er ver­steht aus dem Tode zurück­zu­ru­fen, jene Mauer zu über­schrei­ten, die keine Men­schen­macht je über­schrit­ten hat.

Er ist der Kämp­fer gegen den Teu­fel. Der Teu­fel hat an ihm kei­nen Anteil, des­we­gen kann er mit dem Teu­fel rin­gen und ihn besie­gen. Der Teu­fel ver­sucht ihn zwar, aber Jesus über­win­det die Ver­su­chung. Er ist gekom­men, die Boll­werke des Teu­fels zu zer­stö­ren.

Jesus ver­mag die Kunde von Gott zu brin­gen, im Namen Got­tes auf­zu­tre­ten, die Men­schen zur Beob­ach­tung des Wil­lens Got­tes anzu­lei­ten, weil er von Gott kommt, ja weil er Gott ist. Er ist des­we­gen der Weg zum Vater, weil er selbst Gott ist. Wenn Jesus Gott ver­kün­det, dann wie­derum – wie im Alten Bunde – nicht nur in der Absicht, eine Mit­tei­lung zu machen, son­dern er ver­kün­det Gott, weil darin der Auf­ruf liegt, sich Gott zu über­ant­wor­ten. Die Dämo­nen wis­sen auch, daß es einen Gott gibt. In die­sem Sinne glau­ben auch sie, mit einem toten Glau­ben. „Sie glau­ben und zit­tern“, sagt der Brief des Apos­tels Jako­bus. Aber die­ser Glaube ist nicht zurei­chend, son­dern der Glaube, den Jesus for­dert, ist der durch die Liebe wirk­same Glaube, ist jener Glaube, der sich Gott zuwen­det in Gehor­sam, Dank­bar­keit und Ehr­furcht, ist jener Glaube, in dem der Mensch sich mit sei­ner Per­son und mit sei­nem gan­zen Wesen Gott über­ant­wor­tet. Das ist der Glaube, den Jesus for­dert, der leben­dige Glaube, der über das bloße Wis­sen um Got­tes Exis­tenz zur Über­eig­nung, zur Aus­lie­fe­rung an Gott führt.

Nun ist frei­lich auch die neu­tes­ta­ment­li­che Offen­ba­rung von dem Gesetz beherrscht, das über der alt­tes­ta­ment­li­chen steht, näm­lich es ist eine Offen­ba­rung in Ver­hül­lun­gen und Ver­schleie­run­gen. Es ist eine Offen­ba­rung, die den Men­schen nicht über­wäl­tigt, son­dern ihm die Frei­heit läßt. Wer wäre je auf den Gedan­ken gekom­men, daß sich der all­mäch­tige Gott offen­bart in der All­täg­lich­keit eines dürf­ti­gen Lebens in Gali­läa? Wes­sen mensch­li­ches Gehirn hätte sich je aus­den­ken kön­nen, daß der all­mäch­tige Gott sich von Men­schen vor ein Gericht zitie­ren las­sen und die Schande und Qual des Kreu­zes auf sich neh­men würde? Das ist eine von Men­schen nicht aus­denk­bare Wirk­lich­keit, das ist eine Wirk­lich­keit, die nur Gott selbst set­zen konnte. Und an die­ser Wirk­lich­keit nimmt wegen ihres Ver­bor­gen­heits­cha­rak­ters der Mensch Ärger­nis. Die geis­tes­stol­zen Grie­chen und die fröm­mig­keits­be­ses­se­nen Juden nah­men an die­sem Jesus von Naza­reth Ärger­nis, d.h. er wurde ihnen zum Anstoß, zum Anlaß zur Sünde; denn sie lehn­ten ihn ab, sie ver­war­fen ihn, und sie behan­del­ten ihn wie einen, der nicht im Auf­trag des Vaters gekom­men wäre. Wegen die­ses Ver­bor­gen­heits­cha­rak­ters geht auch der Ein­wand in die Leere, den etwa der Phi­lo­soph Carl Jas­pers macht. Er ist einer der her­vor­ra­gends­ten Ver­tre­ter der Exis­ten­ti­al­phi­lo­so­phie. Er sagt: Wenn Gott sich in Jesus offen­bart hätte, wenn Gott in Jesus erschie­nen wäre, dann würde die Frei­heit des Men­schen zer­stört und damit die Eigent­lich­keit sei­ner Exis­tenz auf­ge­ho­ben. Denn dann würde der Mensch von der Über­macht der Wirk­lich­keit Got­tes gleich­sam betäubt und erschla­gen. Die­ser Ein­wand von Carl Jas­pers ist unzu­tref­fend, meine lie­ben Freunde, denn er über­sieht, daß die Offen­ba­rung Got­tes in Chris­tus in Ver­hül­lun­gen und Ver­schleie­run­gen geschieht. Die Ver­hül­lung und Ver­schleie­rung ist so groß, daß der Mensch Gott in Chris­tus über­se­hen, ja daß er sich gegen ihn auf­leh­nen kann. Es ist gewis­ser­ma­ßen so, um in der Spra­che der Exis­ten­ti­al­phi­lo­so­phie zu reden, daß Gott in gewis­ser Hin­sicht am Men­schen schei­tern kann, näm­lich wenn der Mensch sich gegen ihn wehrt, sich gegen ihn ver­schließt. Dann kann selbst der offen­bare Gott den Men­schen nicht mit sei­ner Liebe und mit sei­nem Leben beglü­cken.

Man kann fra­gen, ob dann nicht die Offen­ba­rung Got­tes sinn­los und nutz­los wird, wenn sie in Men­schen, in man­chen Men­schen, viel­leicht in vie­len Men­schen, mög­li­cher­weise in sehr vie­len Men­schen nicht zu ihrem Ziele kommt. Gott denkt anders über den Men­schen als der Mensch selbst. Er hat den Men­schen nicht als einen Mecha­nis­mus, als eine Maschine geschaf­fen, die er auf ein Ziel hin in Bewe­gung setzt, son­dern als ein freies und ver­ant­wort­li­ches Wesen. Und um der Frei­heit und der Ver­ant­wort­lich­keit des Men­schen wil­len läßt Gott zu, daß er mit sei­ner Offen­ba­rung bei man­chen Men­schen, viel­leicht bei vie­len Men­schen – Gott weiß es - nicht zum Ziele kommt.

Der Gott, den Jesus ver­kün­det, ist der Vater. Immer, wenn Jesus von Gott spricht, dann meint er den himm­li­schen Vater, die erste Per­son in Gott; also nicht das gött­li­che Wesen, inso­fern es uns väter­lich gesinnt ist, son­dern er meint den Vater, die erste Per­son im drei­fal­ti­gen Gott. Das ergibt sich aus vie­len Stel­len der Hei­li­gen Schrift, etwa im Johan­nes­evan­ge­lium: „An jenem Tage wer­det ihr in mei­nem Namen bit­ten, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bit­ten werde, denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, daß ich von Gott aus­ge­gan­gen bin. Ich bin vom Vater aus­ge­gan­gen und in die Welt gekom­men. Ich ver­lasse die Welt wie­der und gehe zum Vater.“ An die­sem Text kön­nen Sie deut­lich erken­nen, daß die Worte „Gott“ und „Vater“ bei Chris­tus iden­tisch sind. „Ich bin von Gott aus­ge­gan­gen. Ich bin vom Vater aus­ge­gan­gen.“ Diese bei­den Begriffe wer­den völ­lig gleich­sin­nig gebraucht. Der Gott, den Jesus ver­kün­det, ist der himm­li­sche Vater. Er ist natür­lich auch der Vater der Men­schen, aber es besteht ein Unter­schied in der Inten­si­tät der Vater­schaft. Nach der Auf­er­ste­hung sagt Jesus: „Ich fahre auf zu mei­nem Gott und eurem Gott, zu mei­nem Vater und eurem Vater.“ Die Vater­schaft, die er gegen­über Chris­tus besitzt, ist die einer natür­li­chen Zeu­gung. Die Vater­schaft, die Gott uns gegen­über besitzt, ist Adop­tiv­va­ter­schaft. In die­sem Sinne spre­chen dann die Apos­tel, vor allem der hei­lige Pau­lus, immer wie­der von Gott als dem Vater. „Alle, die sich vom Geiste Got­tes lei­ten las­sen, sind Kin­der Got­tes. Ihr habt ja nicht wie­der emp­fan­gen den Geist der Knecht­schaft, damit ihr euch wie­der fürch­ten müß­tet, son­dern ihr habt den Geist der Kind­schaft emp­fan­gen, in dem wir rufen: Abba, unser Vater!“ Oder an einer ande­ren Stelle: „Als aber die Fülle der Zeit gekom­men war, sandte Gott sei­nen Sohn, der aus dem Weibe gebo­ren und dem Gesetz unter­wor­fen war. Er sollte die unter dem Gesetz Ste­hen­den erlö­sen, damit wir die Annahme an Kin­des Statt emp­fan­gen. Weil ihr nun Söhne seid, hat Gott den Geist sei­nes Soh­nes in unsere Her­zen gesandt, in dem wir rufen: Abba, Vater!“

Diese Stel­len bezeu­gen, daß Gott, wie er uns im Neuen Tes­ta­ment geof­fen­bart ist, sich als der Vater kund­gibt, was natür­lich in kei­ner Weise eine Her­ab­min­de­rung des gött­li­chen Wesens Jesu ist. Selbst­ver­ständ­lich ist der Sohn gött­li­chen Wesens. Aber weil er als Offen­ba­rer den Auf­trag des Vaters voll­zieht, weil er in der Heil­s­öko­no­mie den Wil­len des Vaters auf Erden ver­kün­det, des­we­gen muß in sei­ner Ver­kün­di­gung und in sei­nen Wer­ken der Vater die erste Stelle besit­zen.

Man kann sich die Frage stel­len, ob in einem Men­schen die natür­li­che Erkennt­nis Got­tes durch die Ver­nuft und die über­na­tür­li­che Erkennt­nis Got­tes durch den Glau­ben zusam­men beste­hen kön­nen. Diese Frage ist unbe­dingt zu beja­hen. Man kann und soll sich durch natür­li­ches Bemü­hen um die Erkennt­nis Got­tes, sei­nes Wesens und sei­nes Wir­kens küm­mern. Man muß frei­lich, weil die­ses natür­li­che Bemü­hen unver­meid­lich an eine enge Grenze stößt, auf die Offen­ba­rung Got­tes hören und sich die Hori­zonte wei­ten las­sen, damit wir in die Wirk­lich­keit Got­tes, wie sie uns im drei­per­sön­li­chen Leben kund wird, erfas­sen kön­nen. Man kann also gleich­zei­tig von Gott wis­sen und an Gott glau­ben. Das Wis­sen muß logisch, nicht zeit­lich, sogar dem Glau­ben vor­aus­ge­hen. Erst, wenn ich etwas weiß, kann ich mich auch ver­ant­wor­ten. Ich kann mich nur Gott über­ge­ben in gläu­bi­ger Aus­lie­fe­rung, wenn ich weiß, daß Gott exis­tiert. Des­we­gen wird im Johan­nes­evan­ge­lium immer wie­der neben­ein­an­der gestellt: „Wir haben geglaubt und erkannt.“ Glau­ben und Erken­nen sind zwei Sich­ten, sind zwei Wei­sen, wie wir Gott in den Blick bekom­men, sind zwei Erkennt­nis­wege, die zuein­an­der gehö­ren und über die wir uns an den kom­men­den Sonn­ta­gen in aus­führ­li­cher Weise noch Gedan­ken machen wer­den. Für heute nur soviel: Wenn wir das Zeug­nis von Men­schen anneh­men, uns also auf deren Zeug­nis ver­las­sen, dann erst recht auf das Zeug­nis Got­tes; denn das Zeug­nis Got­tes, seine über­na­tür­li­che Offen­ba­rung ist grö­ßer als das Zeug­nis von Men­schen.

Amen