StartseitePredigtreihe "Jesus Christus"

Die Osterkunde aus dem leeren Grab

Geliebte, in hei­li­ger Oster­freude Ver­sam­melte!

Das war ein gewal­ti­ger Umschwung in den letz­ten Tagen, von den Trau­er­met­ten ange­fan­gen bis zur Auf­er­ste­hung des Herrn. Es ist, als ob es ein Traum gewe­sen wäre. Ges­tern noch der Gott­mensch, hin­ge­mor­det in Schmach und Schande, die Sonne der Mensch­heit unter­ge­gan­gen, das Licht erlo­schen, Nacht über der schuld­be­la­de­nen Erde. Und jetzt ist es plötz­lich Tag gewor­den. Die Sonne strahlt über dem ent­sühn­ten Men­schen­ge­schlechte. Unter­gang ist dem Sieg gewi­chen, Schmach ist zur Glo­rie gewor­den, der Mann der Schmer­zen hat sich zum König der Herr­lich­keit gewan­delt. „Ich bin auf­er­stan­den und bin jetzt immer hier.“ So ruft er uns zum Beginn der Fest­messe zu. Es ist merk­wür­dig, dass die Oster­got­tes­dienste zu den kür­zes­ten des gan­zen Jah­res gehö­ren, und doch ist es ver­ständ­lich. Die Freude ist so groß, dass man nicht viele Worte braucht. Man muss nur immer wie­der Alle­luja, Alle­luja sagen; der Herr ist erstan­den, das Grab ist leer, der Held erwacht, der Hei­land ist erstan­den. Da sieht man sei­ner Gott­heit Macht, sie macht den Tod zuschan­den.

Kein Men­schen­auge hat den Vor­gang der Auf­er­ste­hung Jesu beob­ach­tet. Die erste Kunde von sei­ner Auf­er­we­ckung ist an Frauen ergan­gen, an die Frauen, die dem Herrn die Treue gehal­ten hat­ten. Unter dem Kreuze, als eine höh­nende Menge ihn umstand, da haben sie mit ihm gelit­ten und geweint. Jetzt sind sie auch wie­der die ers­ten an sei­nem Grabe. Aber sie haben Beden­ken: Wer wird uns den Stein weg­wäl­zen, die­sen rie­sen­haf­ten Stein, der das Grab ver­schloß? Und der Stein ist weg­ge­wälzt, als sie an Grab tre­ten. Sie gehen hin­ein in die Grab­kam­mer, und da erbli­cken sie einen Jüng­ling, eine leuch­tende Gestalt, und die­ser Jüng­ling, diese leuch­tende Gestalt spricht das befrei­ende Wort: „Ihr suchet Jesus, den Gekreu­zig­ten. Er ist nicht mehr hier. Er ist auf­er­stan­den.“ Die erste Oster­kunde aus Engels­mund schwingt wei­ter, von den Frauen zu den Apos­teln, von den Apos­teln zu den Juden und von den Juden über den gan­zen Erd­kreis. Er ist auf­er­stan­den, er ist nicht mehr hier: das gewal­tigste, das erlö­sendste Wort, das je auf Erden an Men­schen­her­zen gedrun­gen ist.

Es gibt, meine lie­ben Freunde, heute Bestre­bun­gen von Theo­lo­gen, die das Grab des Herrn als unbe­acht­lich anse­hen. Das Grab des Herrn ist aber alles andere als unbe­acht­lich. Das Oster­grab rich­tet eine Bot­schaft an uns, eine Bot­schaft an die Zwei­feln­den, an die Sün­der und an die Lei­den­den. Das leere Grab ist eine Tat­sa­che. Es ist keine Erfin­dung der Jün­ger. Es ist nicht nach­träg­lich zu den Erschei­nun­gen hin­zu­ge­fügt wor­den. Nein, das leere Grab ist eine Tat­sa­che. „Eta­phe“ heißt es im grie­chi­schen Text bei Pau­lus im 1. Korin­ther­brief. Er wurde begra­ben. Ja, warum wird das gesagt? Damit man weiß, dass er auch mit Sicher­heit tot war, und damit man auch mit Sicher­heit erken­nen kann, dass das Grab leer war. Auch Pau­lus weiß um das leere Grab. Frei­lich, das leere Grab konnte ver­schie­den gedeu­tet wer­den. Maria Magda­lena war der Mei­nung, man habe den Herrn ent­fernt, und die feind­li­chen Juden gaben das Motto aus: Die Jün­ger sind gekom­men und haben ihn gestoh­len, obwohl eine Wache vor dem Grabe war. Das leere Grab hat den Glau­ben allein nicht begrün­det. Der Glaube an den Auf­er­stan­de­nen wurde zuoberst und zuvor­derst begrün­det durch die Erschei­nun­gen des Herrn. Der Herr ist den Jün­gern erschie­nen, nicht ein­mal, son­dern wie­der­holt, nicht einem ein­zel­nen, son­dern gro­ßen Men­gen, und jede die­ser Erschei­nun­gen hat den Glau­ben in ihnen begrün­det: Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Hei­land ist erstan­den. Da sieht man sei­ner Gott­heit Macht! Sie macht den Tod zuschan­den!

Da kommt ein evan­ge­li­scher Theo­loge daher und sagt: Ein toter Leib kann nicht wie­der leben­dig wer­den. Tja, meine lie­ben Freunde, das sagen die Flei­scher auch. Aber weil das ein­mal gesche­hen ist, des­we­gen gibt es ja das Chris­ten­tum! Und um den Auf­er­stan­de­nen recht zu erken­nen, muss man dazu­sa­gen: Er ist aus dem Grabe erstan­den, der Leib des Auf­er­stan­de­nen ist näm­lich iden­tisch mit dem zer­trüm­mer­ten Leib des Herrn. Es ist kein Wesens­un­ter­schied zwi­schen dem Auf­er­stan­de­nen und dem Gekreu­zig­ten, und des­we­gen gehört das leere Grab not­wen­dig zur Oster­bot­schaft hinzu. Nicht nur die Erschei­nun­gen begrün­den den Glau­ben an den Auf­er­stan­de­nen, auch das leere Grab. Es bezeugt uns: Der Herr hat den Tod besiegt. Wer den Tod besiegt, ist stär­ker als alles. Eine grö­ßere Kraft kann nie­mand ent­fal­ten als der­je­nige, der den Tod über­win­det.

Die Kir­che hebt die Wirk­lich­keit der Auf­er­ste­hung, die leib­haf­tige Wirk­lich­keit der Auf­er­ste­hung deut­lich her­vor, wenn sie mit Beto­nung sagt: „Der Herr ist wahr­haft auf­er­stan­den:“ Also nicht in der Phan­ta­sie, nicht in der Legende, son­dern in der Wirk­lich­keit. Der Tote ist wie­der leben­dig gewor­den, frei­lich nicht, um in die­ses irdi­sche Leben zurück­zu­keh­ren. Das wäre falsch gemeint. Nein, son­dern um in ver­klär­ter Gestalt sei­nen Ehren­platz in der Herr­lich­keit des Vaters ein­zu­neh­men. Und dann sagt die Kir­che auch noch: Er ist auf­er­stan­den „secundum car­nem“, d.h. nach dem Flei­sche. Nicht in der Phan­ta­sie der Jün­ger, nicht in Visio­nen, son­dern nach sei­ner fleisch­li­chen Wirk­lich­keit, die frei­lich ver­klärt ist. Aber sie bleibt eine fleisch­li­che Wirk­lich­keit. Des­we­gen kann man die Hand in seine Sei­ten­wunde legen, und des­we­gen kann man das Mal der Nägel an den Fin­gern erken­nen. Der Herr ist wahr­haft auf­er­stan­den, und er ist dem Flei­sche nach auf­er­stan­den.

So kann man also nicht wie Willi Marx­sen sagen: Die Sache Jesu geht wei­ter. O, es gehen viele Sachen wei­ter. Die Sache von Karl Marx geht auch wei­ter! Nein, meine lie­ben Freunde, die Sache Jesu geht wei­ter, weil der Herr auf­er­stan­den ist, weil er lebt, weil er wirkt, weil er die Ver­kün­di­gung sei­ner Jün­ger trägt. Und man kann auch nicht mit Rudolf Bult­mann sagen: Der Herr ist ins Kerygma auf­er­stan­den. Die Ver­kün­di­gung des Herrn ist nur des­we­gen mög­lich, weil der Inhalt die­ser Ver­kün­di­gung wirk­lich ist, näm­lich die Auf­er­ste­hung des Herrn.

Eine mei­ner Schü­le­rin­nen schickte mir zu Ostern fol­gende Verse des deut­schen Dich­ters Nova­lis: „Berge, jauch­zet, Hügel, hüp­fet, atme Freude, was da lebt. Chris­tus Jesus ist erstan­den aus dem Grabe, Jesus lebt! Chris­tus hat den Tod besie­get, der vor­her ein Schre­cken war, hat die Lehre nun besie­gelt, macht sie durch dies Wun­der wahr!“ Wahr­haf­tig, so ist es. Hat die Lehre nun besie­gelt, macht sie durch dies Wun­der wahr. Er war kein Täu­scher, er war kein Getäusch­ter, er war kein Betro­ge­ner, er war kein Betrü­ger, er war der wahr­haf­tige Herr und Hei­land, das leben­dige Wort Got­tes. Und das ist bestä­tigt durch seine wun­der­bare Auf­er­we­ckung.

Das Oster­grab ruft die Zwei­feln­den. Es ruft aber auch die Sün­der. Der Herr ist ja um der Sünde wil­len gestor­ben, und seine Auf­er­ste­hung ist nicht nur ein Sieg über den leib­li­chen Tod, son­dern in noch höhe­rem Maße über den geis­ti­gen Tod, über die Herr­schaft der Sünde. Nie­mand hat es bes­ser in Worte gefasst als der Apos­tel Pau­lus im Römer­brief: „Er wurde dahin­ge­ge­ben um unse­rer Sün­den wil­len, und er ist auf­er­stan­den um unse­rer Recht­fer­ti­gung wil­len.“ Bes­ser kann man es nicht sagen. Er ist hin­ge­ge­ben um unse­rer Sün­den wil­len, und er ist auf­er­stan­den um unse­rer Recht­fer­ti­gung wil­len. Dass sein Tod ein Süh­ne­tod war, das wüss­ten wir nicht ohne die Auf­er­ste­hung. Erst die Auf­er­ste­hung ist das Sie­gel des himm­li­schen Vaters unter die Worte und das Leben sei­nes Soh­nes Jesus Chris­tus.

Ist es nicht tief bedeu­tungs­voll, dass die erste Frau am Grabe, Maria Magda­lena, eine Sün­de­rin war? Sie, die Sün­de­rin, die Büße­rin, darf als erste den Herrn schauen. Sie erscheint hier gewis­ser­ma­ßen als die Ver­tre­te­rin aller buß­be­rei­ten Sün­der. Ihnen leuch­tet das Oster­licht, die Gewiss­heit der Ent­süh­nung, der geis­tige Frei­heit, der ver­zei­hen­den Liebe. Die Auf­er­ste­hung bezeugt: Der Herr ist nicht nur mäch­ti­ger als der Tod, er ist auch mäch­ti­ger als der Teu­fel. Der Über­win­der des Teu­fels lebt. Er ist den Anschlä­gen des Satans ent­ron­nen, er ist in der Kraft Got­tes dem Todes­ge­schick ent­ris­sen. Jetzt ist klar: Chris­tus ist der Stär­kere, er ist über den Star­ken gekom­men und hat ihm seine Beute genom­men. An ihn muss sich anschlie­ßen, wer dem Teu­fel wider­ste­hen will. Seine Kraft muss sich erwer­ben, wer die Nach­stel­lun­gen Satans über­win­den will. Und, meine lie­ben Freunde, seien wir nicht pes­si­mis­tisch. Es ist mög­lich, es ist mög­lich, aus dem Schlamme auf­zu­ste­hen. Im 16. Jahr­hun­dert gab es ein­mal einen Bischof von Bre­men, Chris­toph mit Namen. In sei­ner Jugend und lei­der auch noch in sei­nen pries­ter­li­chen Anfangs­jah­ren hat er sich ver­fehlt, ver­fehlt auch gegen das Gebot geschlecht­li­chen Ent­halt­sam­keit. Aber Chris­toph von Bre­men hat sich bekehrt. Er ist aus dem Schlamme auf­ge­stan­den. Er hat dann jahr­zehn­te­lang dem andrin­gen­den Pro­tes­tan­tis­mus wider­stan­den und sein Bis­tum für die katho­li­sche Kir­che, für den katho­li­schen Glau­ben zu ret­ten ver­sucht, und ist eines seli­gen Todes gestor­ben. Es gibt eine Auf­er­ste­hung von den Sün­den! So wahr, wie der Herr von den Toten auf­er­stan­den ist. Es ist also nicht wahr, wenn man uns sagt, die Men­schen sind hilf­los und ret­tungs­los dem Nie­de­ren, dem Gemei­nen, dem Bösen aus­ge­lie­fert. Nein, es gibt eine Befrei­ung, es gibt eine Auf­er­ste­hung. Man muss sich nur an den Sie­ger über den Satan anschlie­ßen, an Chris­tus Jesus. Dann sind auch wir fähig, dem Bösen zu wider­ste­hen und aus dem Schlamme auf­zu­ste­hen.

Das Oster­grab ruft die Zwei­feln­den, das Oster­grab ruft die Sün­der. Das Oster­grab ruft die Lei­den­den. Ja, meine lie­ben Freunde, es ruft auch die Kreuz­trä­ger, alle, die in Lei­dens­näch­ten rin­gen, die an Gei­ßel­säu­len geket­tet sind, die man an das Kreuz schlägt. Aus dem Oster­grabe flu­tet eine Welle von Licht auch in ihre Her­zen und in ihre Lei­dens­stu­ben. Der ver­klärte Gott­mensch steht vor ihnen und spricht: „Mußte nicht Chris­tus dies alles lei­den, um so in seine Herr­lich­keit ein­zu­ge­hen?“ Das war der Weg, der ihm vor­ge­zeich­net war, durch Leid zur Freude, durch Schmerz zum Siege, durch Tod zum Leben.

Meine Freunde, die Auf­er­ste­hung Jesu nimmt uns das Lei­den nicht ab, aber es zeigt uns, wie man lei­den soll und was auf das rich­tig getra­gene Leid folgt. Wir sol­len so lei­den, wie er gelit­ten hat, näm­lich im Ver­trauen und in der Erge­bung in den Wil­len des Vaters. Nicht wie ich will, son­dern wie du willst. Und wir sol­len hof­fen, dass der Vater uns ein­mal aus dem Lei­den her­aus­ruft in seine Herr­lich­keit. Wenn wir unser Lei­den ver­bin­den mit dem Lei­den des Meis­ters, dann wird sich auch unser Leid eines Tages in Freude ver­wan­deln. Auch über das schwerste Leid wirft der Oster­tag sein ver­klä­ren­des Licht. Es gibt kei­nen siche­re­ren Weg zur ewi­gen Freude als den Kreuz­weg mit Chris­tus. „Christ, flieh doch nicht das Kreuz! Du musst gekreu­zigt sein, du gehst sonst nim­mer­mehr ins Him­mel­reich hin­ein“, so hat unser schle­si­scher Dich­ter Ange­lus Sile­sius gedich­tet. Christ, flieh doch nicht das Kreuz! Du musst gekreu­zigt sein, du gehst sonst nim­mer­mehr ins Him­mel­reich hin­ein.

In einem katho­li­schen Kran­ken­haus, meine lie­ben Freunde, ging eine Ordens­schwes­ter am Oster­sonn­tag den Kreuz­weg. Ein Pries­ter sah es und ver­wies es ihr: Ja, Schwes­ter, wie kön­nen Sie denn an Ostern den Kreuz­weg beten? „Oh“, sagte die Schwes­ter, „meine Kran­ken hän­gen auch am Oster­tage am Kreuze, und des­we­gen bete ich am Oster­tage den Kreuz­weg.“

Laßt uns Ostern hal­ten, meine lie­ben Freunde, in star­kem Glau­ben, im Geiste inne­rer Erneue­rung und auch im Geiste tap­fe­rer Lei­dens­be­reit­schaft! Im Geiste der Kir­che Christi, die heute ihr Alle­luja über eine fried­lose, leid­volle, sün­den­dunkle Welt singt. Heute strahlt das Oster­licht über alle Fins­ter­nisse hin­aus. Auch heute ist Chris­tus der Sie­ger über den Fürs­ten der Welt. „Chris­tus erstand wahr­haft vom Tod. Du Sie­ger, du König, sieh unsere Not!“

Mit freundlicher Genehmigung „Professor Georg May - Die Osterkunde aus dem leeren Grab www.Glaubenswahrheit.org

Das Geheimnis der leibhaften Auferstehung
Ostern – das uner­hört Neue
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