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Die unerforschlichen Ratschlüsse Gottes

Gräber -Oelberg in Jerusalem
Gräber -Oelberg in Jerusalem

Auf Todes­an­zei­gen kann man manch­mal die Worte lesen: „Nach uner­forsch­li­chem Rat­schluß hat Gott mei­nen Mann – meine Frau – mein Kind abbe­ru­fen.“ Nach Got­tes uner­forsch­li­chem Rat­schluß! Daß die Rat­schlüsse Got­tes uner­forsch­lich sind, das will besa­gen: Wir kön­nen sie nicht im vor­aus bestim­men, und wenn sie gesche­hen sind, ver­mö­gen wir sie nicht in einer letz­ten Weise zu durch­drin­gen. Got­tes Plan bleibt häu­fig unbe­greif­lich. Unser Raten und For­schen, unser Mühen und Grü­beln kommt nicht zum Ziel. Nach Got­tes uner­forsch­li­chem Rat­schluß wer­den unsere Wege gelenkt.

Diese Wahr­heit von dem uner­forsch­li­chen Gott wol­len wir heute vor unse­rem Auge vor­über­zie­hen las­sen, indem wir 6 Sätze dar­über auf­stel­len.

Ers­tens: Gott hat sei­nen Plan mit den Men­schen, und er weiß ihn zu errei­chen. Es ist also nicht so, wie man­che behaup­ten, daß ein augen­lo­ses Fatum, ein blin­des Schick­sal die Geschi­cke der Men­schen bestimmt. Nein, Gott hat einen Plan, und die­sen Plan ver­mag er durch­zu­füh­ren. Die­ser Plan kann nicht durch­kreuzt wer­den. Ob der Mensch will oder nicht, Gott kommt zum Ziel! Gott weiß auch das Wider­stre­ben gegen sei­nen Wil­len in sei­nen Plan ein­zu­bauen. Seine All­macht und seine All­weis­heit garan­tie­ren, daß der Plan, den er ent­wor­fen hat, der rechte ist und daß er zum Ziele führt.

Wir Men­schen frei­lich sind häu­fig ganz ande­rer Mei­nung. Wir sind der Ansicht, daß unser Wille gesche­hen soll, und der ist eben oft anders als Got­tes Wege. Ges­tern fei­er­ten wir das Fest der hei­li­gen Johanna Fran­ziska von Chan­tal. Sie war mit einem ade­li­gen Manne ver­hei­ra­tet, und die­ser ade­lige Mann ging auf die Jagd. Bei der Jagd wurde er von einem Jagd­freund schwer ver­wun­det. Man brachte ihn auf einer Trag­bahre nach Hause. Die Grä­fin war außer sich. Wie eine Wahn­sin­nige raste sie durch das Haus und flehte die Ärzte an: „Mein Mann darf nicht ster­ben! Er muß gesund wer­den!“ Und heiße Gebete stie­gen zu Gott empor. Die Ärzte wag­ten nicht ein­mal, die Kugel her­aus­zu­zie­hen aus Furcht, sie könn­ten sein Leben ver­kür­zen. Aber der Mann starb, und die Gebete der Grä­fin wur­den nicht so erhört, wie sie sich das vor­ge­stellt hatte. Die Wege Got­tes waren andere. Aber auf die­sen Wegen wurde sie die hei­lige Johanna Fran­ziska von Chan­tal, die einen Orden grün­dete und Segen über eine ganze Land­schaft brachte.

Zwei­tens: Die Wege Got­tes sind anders als wir es uns den­ken. In der hei­li­gen Schrift wird diese Anders­ar­tig­keit ange­deu­tet. An einer Stelle heißt es: „Meine Wege sind nicht euere Wege, und meine Gedan­ken sind nicht euere Gedan­ken. So hoch der Him­mel erha­ben ist über die Erde, so viel höher sind meine Wege über euere Wege und meine Gedan­ken über euere Gedan­ken.“

Gott sieht wei­ter als die Men­schen. Sie sind kurz­sich­tig. Gott sieht in die Ferne. Die Men­schen schauen auf das, was in der Tiefe ist, Gott sieht auf das, was in der Höhe ist. Seine Wege haben eine innere Qua­li­tät, wie sie die Wün­sche und die Pläne der Men­schen über­haupt nicht haben kön­nen. Auch was uns am wehes­ten tut, Prü­fun­gen, Lei­den, Schmer­zen, Ver­luste, Ent­täu­schun­gen, Bit­ter­kei­ten, auch das ist nach Got­tes Plä­nen ein Weg, der uns zum Heil füh­ren soll.

Es hat ein­mal ein Kir­chen­ma­ler eine Wand in einem Got­tes­haus aus­ge­malt, und er stand auf einem Gerüst und schaute prü­fend auf sein Werk. Er ging einen Schritt nach dem ande­ren zurück. Nur noch einen kur­zen Schritt, und er wäre rück­lings abge­stürzt. Sein Gehilfe sah diese Gefahr, und was tat er? Anru­fen hätte kei­nen Erfolg gehabt. Er nahm einen Pin­sel und warf ihn mit­ten in das Gemälde. Der Maler, voll Zorn, stürzte auf ihn zu, aber er war geret­tet.

Ähn­lich-unähn­lich, meine lie­ben Freunde, ist es mit den Wegen Got­tes. Sie sind anders, als wir sie uns den­ken. Der Mensch denkt und Gott lenkt – oder wie man­che sagen: „Der Mensch dachte und Gott lachte!“ Die Wege Got­tes sind anders, aber sie füh­ren uns mit Sicher­heit zum Heil.

Der dritte Satz lau­tet: Je glän­zen­der das ver­hei­ßene Licht ist, um so dunk­ler sind die Wege, die Gott uns auf Erden führt. Es muß offen­bar ein Aus­gleich sein zwi­schen der Bese­li­gung im Jen­seits und den bestan­de­nen Gefah­ren im Dies­seits. Die Beloh­nung fällt um so rei­cher aus, je treuer und gewis­sen­haf­ter der Dienst getan wurde. Und wer aus­hält im Dun­kel der Wege Got­tes, wer sei­nen Wil­len anbe­tet, auch unter Trä­nen, der darf sicher sein, daß eine große Freude auf ihn war­tet. Gott ist ein gro­ßer Herr und läßt sich nicht lum­pen. Er läßt sich an Groß­mut von uns nicht über­tref­fen.

Der hei­lige Lau­ren­tius, des­sen Fest wir vor weni­gen Wochen gefei­ert haben, hat sei­nen Herrn auf dem Rost, auf dem Feu­er­rost bekannt. „Auf dem Feu­er­rost habe ich, o Gott, dich nicht ver­leug­net. Im Feuer habe ich dich, Herr Jesus, bekannt.“ So läßt die Kir­che ihn in der Lit­ur­gie sin­gen. „Du hast mich heim­ge­sucht bei Nacht, du hast mein Herz geprüft, aber es ward keine Bos­heit in mir erfun­den.“ Und er, der auf Erden leben­di­gen Lei­bes ver­brannt wurde, freut sich jetzt eine ganze Ewig­keit im Lichte Got­tes. Je dunk­ler die Wege auf Erden sind, um so strah­len­der wird das Licht sein, das denen schei­nen wird, die diese Wege im Ein­klang mit Got­tes Wil­len gegan­gen sind.

Die Wege Got­tes – das ist der vierte Satz – sind undurch­schau­bar wegen die­ses Dun­kels. Aber das ver­hei­ßene Licht läßt uns in Hoff­nung aus­schrei­ten. Hier ist der Glaube gefragt. Glaube ist ja nach dem Hebrä­er­brief die Über­zeu­gung von dem, was man nicht sieht, das Ver­trauen auf das, was man erhofft. Also gläu­bi­gen Sin­nes muß man die Wege Got­tes, die dunk­len, die undurch­schau­ba­ren Wege Got­tes durch­schrei­ten, der Glaube ist gefragt, der Glaube, der auf das Ver­hei­ßungs­wort Got­tes baut. Und wer von die­sem Glau­ben durch­drun­gen ist, wer diese Hoff­nung in sich trägt, der ist auch fähig, die dunk­len Wege, die Gott uns führt, zu durch­schrei­ten. Man muß nur über­zeugt davon sein, daß diese Wege zum Lichte Got­tes füh­ren.

Wir brau­chen ja nicht die nächs­ten Jahre zu ken­nen, wir brau­chen nur den nächs­ten Mei­len­stein zu ken­nen, zu dem wir schrei­ten müs­sen. Wenn wir das wis­sen, dann wis­sen wir genug, und dann kön­nen wir uns der Füh­rung Got­tes anver­trauen.

Die Wege Got­tes sind wegen des Dun­kels undurch­schau­bar, das nichts ande­res ist als der Wider­schein der unend­li­chen Majes­tät Got­tes. Gott muß Gott blei­ben! Wenn wir ihn durch­schauen könn­ten, wäre er nicht mehr Gott. Der Kar­di­nal Faul­ha­ber hat ein­mal das schöne Wort gesagt: „Ich würde am Glau­ben irre wer­den – irre wer­den! –, wenn er klar wie Was­ser und durch­sich­tig wie eine Quelle wäre. Denn dann wäre es erwie­sen, daß er Men­schen­ge­dan­ken und nicht Got­tes Gedan­ken ent­hielte.“ Das sagt die­ser weise, gelehrte und fromme Kar­di­nal. „Ich würde am Glau­ben irre wer­den, wenn der Glaube so klar wie Was­ser und so durch­sich­tig wie eine Quelle wäre, denn dann wäre erwie­sen, daß er Men­schen­ge­dan­ken und nicht Got­tes Gedan­ken ent­hielte.“ Und die­ser Glaube ist eben auch gefor­dert bei den Wegen, die Gott uns führt.

Der fünfte Satz lau­tet: Es ist zweck­los und ver­mes­sen, die Rät­sel der Got­tes­füh­rung lösen zu wol­len oder dage­gen auf­zu­be­geh­ren. Es ist mit den Wegen Got­tes wie mit einem Tep­pich. Auf der Ober­seite ist er wun­der­bar, es ist ein fei­nes Mus­ter ein­ge­ar­bei­tet. Wenn man aber die Unter­seite ansieht, dann scheint das ein wir­res Gewühl von Fäden zu sein, die durch­ein­an­der und über­ein­an­der gehen. Ja, man muß eben die Ober­seite sehen, und dann erkennt man, daß dahin­ter ein Plan steht und daß die­ser Plan in wun­der­ba­rer Weise zum Ziel geführt wurde.

Die Rät­sel Got­tes hie­nie­den lösen zu wol­len, heißt den mensch­li­chen Ver­stand mit dem gött­li­chen Geiste ver­glei­chen wol­len – und das ist aus­ge­schlos­sen. Der sou­ve­räne Herr läßt sich nicht in die Kar­ten schauen. Es muß der Plan, den Gott für das irdi­sche Leben hat, für uns undurch­schau­bar blei­ben, wenn Gott der sou­ve­räne Herr Him­mels und der Erde blei­ben will. Und es ist ver­mes­sen, dage­gen auf­zu­be­geh­ren. Das Geschöpf kann nicht gegen sei­nen Schöp­fer vor­ge­hen. Der hei­lige Pau­lus ver­gleicht den Men­schen mit einem Ton­ge­fäß und Gott mit einem Töp­fer: „O Mensch, wer bist du denn, daß du Gott zur Rechen­schaft ziehst? Sagt etwa das Gebilde zu sei­nem Bild­ner: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat der Töp­fer nicht Macht über den Ton, aus der­sel­ben Masse ein ansehn­li­ches oder ein unan­sehn­li­ches Gefäß zu machen?“ Ja natür­lich hat der Töp­fer die Macht, ein ansehn­li­ches oder ein unan­sehn­li­ches Gefäß zu machen. Und so hat auch Gott die Macht, unser Leben beschei­den und ein­fach und ver­bor­gen zu füh­ren oder auf den Leuch­ter zu stel­len und zum Segen für viele andere sicht­bar wer­den zu las­sen.

Und schließ­lich der sechste Satz: Am Ende kommt ein­mal die große Klar­heit. Bis dahin ziemt uns Geduld und demuts­vol­ler Glaube an die Vater­macht und Weis­heit Got­tes. Wir sind nicht Men­schen, die in ein aus­weg­lo­ses Ver­häng­nis geführt wer­den, son­dern wir sind Pil­ger, die auf dem Wege zu einem heh­ren Ort, zu einem Hei­lig­tum, zu einer Gna­den­stätte sind. Es geht also heim, es geht ins Licht, und das soll uns mit Freude und Dank­bar­keit erfül­len. Und das soll uns auch ver­an­las­sen, gedul­dig und gläu­big die Vater­macht Got­tes und die Weis­heit Got­tes anzu­be­ten.

Wir hören oft – wir Pries­ter öfter als andere – den Vor­wurf: „Wie kann Gott das zulas­sen? Warum muß das sein? Wieso gerade ich?“ Dar­auf hat der hei­lige Augus­ti­nus ein­mal eine tref­fende Ant­wort gege­ben: „Wenn du fragst: Gott, wo ist deine Gerech­tig­keit?, dann frage ich, Gott, dich: Wo ist dein Glaube? Habe ich dir das ver­spro­chen? Bist du dazu Christ gewor­den, daß es dir gut gehe auf Erden?“ Nicht wahr, das sind die Ent­geg­nun­gen, die man bereit­hal­ten muß, wenn jemand über sein Geschick klagt und Gott anklagt, daß er ihn durch Dun­kel und durch Qua­len führt. Gott hat uns nicht ver­spro­chen, daß wir, wenn wir gläu­big und sei­nen Gebo­ten gehor­sam sind, ein klag­lo­ses, ein fried­li­ches, ein behag­li­ches Leben füh­ren kön­nen. Das hat er uns nie ver­spro­chen. Wie kön­nen wir dann ein sol­ches Ver­spre­chen ein­for­dern?

Nein, meine lie­ben Freunde, wir müs­sen uns in die uner­forsch­li­chen Rat­schlüsse Got­tes schi­cken. Auf dem Fried­hof in Mombach habe ich ein­mal zwei Grab­steine, die in der nächs­ten Nähe zuein­an­der ste­hen, gese­hen. Auf dem einen steht: WARUM? Auf dem ande­ren: NACH GOT­TES WIL­LEN. Das ist die rechte Hal­tung ange­sichts eines schwe­ren Geschicks, ange­sichts des Todes. Nach Got­tes Wil­len sind unsere Wege bestimmt, nach Got­tes Wil­len sol­len wir sie gehen. Got­tes All­macht und Weis­heit sol­len wir anbe­ten.

„Wahr­haf­tig, du bist ein ver­bor­ge­ner Gott, Gott Israels!“