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Hin­ab­ge­stie­gen in das Reich des Todes

Geliebte im Herrn!

„Der Sinn des Lei­dens Jesu ist die Auf­er­ste­hung. Nach sei­ner Auf­er­ste­hung stirbt er für­der­hin nicht mehr, und der Tod herrscht nicht mehr über ihn.“ So hat ein­mal Orige­nes, einer der frü­hes­ten Kir­chen­schrift­stel­ler, in einem sei­ner Werke geschrie­ben. Jesus war das Leben in Fülle und in Per­son. In ihm ist das Leben auf Erden erschie­nen. Der Tod hatte kei­nen Anteil an ihm. Den­noch ist er in den Tod hin­ein­ge­gan­gen. Der Tod ver­lor dadurch nichts von sei­ner Furcht­bar­keit, daß er das Leben war. Im Gegen­teil, weil er vom Wesen her leben­dig war, weil er nicht zu den Tod­ver­fal­le­nen gehörte, weil der Tod nicht schon in ihm saß und seine Lebens­kraft auf­zehrte, des­we­gen konnte er den Tod in einer ganz ande­ren Weise aus­kos­ten als wir Tod­ver­fal­le­nen.

Aber er konnte nicht im Tode blei­ben. Der Tod konnte ihn nicht fest­hal­ten. Er ging in den Tod hin­ein, um durch ihn hin­durch­zu­ge­hen. Er nahm den Tod auf sich, um ihn zu ent­mäch­ti­gen. Der Sieg über den Tod kam zum Aus­druck in sei­ner Auf­er­ste­hung. Da trat aus ihm her­aus, was immer in ihm war, näm­lich daß er das Leben war, daß er Macht hatte, das Leben hin­zu­ge­ben und das Leben wie­der zu neh­men.

Nach sei­ner Auf­er­ste­hung hat der Herr die irdi­sche Lebens­form abge­wor­fen, ist er ver­klärt wor­den. Aber wie ist es denn in die­sem Zeit­raum vom Kar­frei­tag bis zum Oster­sonn­tag um ihn bestellt gewe­sen? Hat sich da der Logos, die zweite Per­son der Gott­heit, von sei­ner mensch­li­chen Natur getrennt? Mit­nich­ten! Der Logos blieb ver­bun­den mit dem ent­seel­ten Leib, und der Logos blieb ver­bun­den mit der Seele. Der Leib wurde ins Grab gelegt, die Seele stieg hinab in die Unter­welt. „Hin­ab­ge­stie­gen in die Hölle.“ So haben wir als Kin­der im Glau­bens­be­kennt­nis gelernt. Heute ist es umfor­mu­liert: „Hin­ab­ge­stie­gen in das Reich des Todes.“ Hat sich dadurch etwas geän­dert am Glau­ben? Mit­nich­ten! „Hin­ab­ge­stie­gen in die Hölle“, das wurde immer ver­stan­den in dem Sinne, daß Chris­tus in die Vor­hölle hin­ein­ge­gan­gen ist, also nicht in den Zustand der Ver­damm­ten, son­dern in jene Stätte, wo die Geret­te­ten weil­ten.

Im Kate­chis­mus aus dem Jahre 1926 heißt es: „Wohin begab sich die Seele Jesu nach sei­nem Tode? Die Seele Jesu stieg nach sei­nem Tode in die Vor­hölle hinab zu den See­len der ver­stor­be­nen Gerech­ten.“ Daß wir heute nicht mehr von der Hölle spre­chen, ist dem Bestre­ben zu ver­dan­ken, mehr Klar­heit in die For­mu­lie­rung zu brin­gen. Denn das hebräi­sche, das grie­chi­sche und das latei­ni­sche Wort für Hölle und Unter­welt ist das­selbe. So kann man also jeweils von der Scheol oder vom Tarta­ros oder vom Infer­num sagen, das ist einer­seits die Stätte, wo die Ver­damm­ten sind, das ist ande­rer­seits die Stätte, wo die geret­te­ten, aber noch uner­lös­ten See­len sich befin­den. Also kein Wider­spruch, son­dern nur eine gram­ma­ti­ka­li­sche Ver­deut­li­chung war mit der Neu­for­mu­lie­rung beab­sich­tigt.

Der Hin­ab­stieg Jesu in die Vor­hölle, in das Reich des Todes, in die Unter­welt, ist in der Hei­li­gen Schrift aus­ge­sagt. Im 1. Brief des Apos­tels Petrus heißt es: „Ist ja doch auch Chris­tus ein­mal für unsere Sün­den gestor­ben, der Gerechte für Unge­rechte, damit er uns zu Gott führe. Dem Flei­sche nach wurde er getö­tet, dem Geist nach aber leben­dig gemacht. Im Geist ging er auch hin und pre­digte den See­len im Gefäng­nis, die einst ungläu­big gewe­sen waren zur Zeit, als Got­tes Lang­mut zuwar­tete, in den Tagen Noes, als die Arche gebaut wurde. Im Geiste ging er auch hin und pre­digte den See­len im Gefäng­nis.“ Mit die­sem Gefäng­nis ist natür­lich nichts ande­res gemeint als die Vor­hölle, als das Reich des Todes, das diese See­len fest­ge­hal­ten hat. Sie konn­ten noch nicht in die Selig­keit ein­ge­hen, weil Chris­tus noch nicht das Aller­hei­ligste durch­schrit­ten hatte. Im Brief an die Hebräer wird das deut­lich gemacht. Da ist die Rede davon, daß der Hohe­pries­ter nur ein­mal im Jahr ins Aller­hei­ligste ein­trat, und zwar mit Blut. Damit deu­tete der Hei­lige Geist an, daß der Weg zum Hei­lig­tum noch nicht geöff­net sei, solange die Zeit der Uner­löst­heit noch Bestand hatte. Das heißt, die See­len der Gerech­ten, die abge­schie­den waren vor der Ankunft Jesu, waren gleich­sam im War­te­stand. Sie harr­ten auf die Erlö­sung, die sich erst an ihnen aus­wir­ken konnte, als das Werk der Erlö­sung von Chris­tus voll­bracht war.

So hat es die Kir­che in ihren Glau­bens­be­kennt­nis­sen fest­ge­legt, z.B. auf dem IV. Later­an­kon­zil im Jahre 1215. Da ist es beson­ders aus­führ­lich. „Er stieg nie­der zu denen in der Unter­welt. Er erstand von den Toten und stieg auf in den Him­mel, dabei stieg er nie­der in sei­ner Seele. Erstand er im Flei­sche, stieg er auf in Wei­len zugleich.“ Wie wun­der­bar hat die­ses Kon­zil die Wahr­heit, die wir ja auch an Ostern fei­ern, aus­ge­drückt! Der Sinn der Höl­len­fahrt Jesu, der Sinn sei­nes Hin­ab­stie­ges in die Unter­welt, war darin gele­gen, daß er den See­len jener, die im Zustand der Gott­ver­bun­den­heit abge­schie­den waren, die Befrei­ung, den Sieg über Sünde, Tod und Teu­fel ankün­digte und sie gleich­zei­tig wirk­sam befreite.

Diese Wahr­heit, meine lie­ben Freunde, erin­nert mich an ein Ereig­nis, das im 15. Jahr­hun­dert in Spa­nien statt­fand. Bekannt­lich haben die Spa­nier in einem jahr­hun­der­te­lan­gen Kampf die Moham­me­da­ner, die in ihr Land ein­ge­drun­gen waren, zurück­ge­wor­fen, und die end­li­che Ver­trei­bung erfolgte durch die Könige Fer­di­nand und Isa­bella. Als diese bei­den Könige die Berg­feste Moklin bei Gra­nada erstürmt hat­ten, fei­er­ten sie einen gro­ßen Tri­umph­zug. Rit­ter, Knechte, Pries­ter und der Hof­staat ver­an­stal­te­ten eine Pro­zes­sion, und bei die­ser Pro­zes­sion san­gen sie das Te Deum, das „Gro­ßer Gott, wir loben dich“. Und wie sie nun dahin­schrit­ten, erhob sich auf ein­mal ein dunk­ler Ant­wort­ge­sang aus den Ver­lie­sen der Berg­fes­tung. Da scholl es zurück: „Bene­dic­tus, qui venit in nomine domini – Hoch­ge­lobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Das war der Gesang der Gefan­ge­nen, die die Moham­me­da­ner jahre- und jahr­zehn­te­lang dort ein­ge­sperrt hat­ten. Sie hat­ten jetzt an der Pro­zes­sion erkannt, daß der Sieg errun­gen war, daß sie frei wer­den wür­den, daß ihr lan­ges Har­ren end­lich belohnt würde. Ähn­lich-unähn­lich dür­fen wir uns jenes Ereig­nis vor­stel­len, in dem der Herr die har­ren­den See­len der Vor­zeit aus ihrem Gefäng­nis befreite.

Die Wahr­heit von dem Hin­ab­stieg Jesu in die Unter­welt ist weder unwich­tig noch pein­lich. Sie ist nicht unwich­tig, weil sie die All­ge­mein­heit der Erlö­sung bezeugt. Erlöst wer­den soll­ten nicht nur die Zeit­ge­nos­sen Jesu, auch nicht nur die, die nach ihm kom­men wür­den, nein, erlöst wer­den muß­ten auch jene, die vor ihm gelebt hat­ten. Die All­ge­mein­heit der Erlö­sung wird also durch die Lehre von dem Hin­ab­stieg Jesu in die Unter­welt bestä­tigt und uns vor Augen geführt. Diese Wahr­heit ist auch nicht pein­lich. Mit dem Toten­reich hat es eben seine eigene Bewandt­nis. Es hat seine Eigen­art, und diese ist in zwei Ele­men­ten zu sehen. Ers­tens: Vom Toten­reich erfährt nur jener etwas, der in es hin­ab­steigt. Solange man lebt, weiß man nichts davon. Erst wenn die Schwelle über­schrit­ten wird zum ande­ren Leben, erst dann weiß man, was der Tod ist. Und zwei­tens: Die ein­mal in dem Toten­reich sind, haben grund­sätz­lich nicht die Mög­lich­keit, Kunde von ihren Erfah­run­gen zu geben. Sie müs­sen schwei­gen. Sie sind zum Schwei­gen ver­ur­teilt.

Der Herr hat uns den Grund gesagt, warum das ist und so sein muß, näm­lich im Gleich­nis vom rei­chen Pras­ser und vom armen Laza­rus. Der in der Hölle begra­bene rei­che Pras­ser sagt: Ach, schi­cke doch einen von den Ver­damm­ten zu mei­nen Brü­dern, daß er sie warne, daß sie nicht auch an die­sen Ort der Qua­len kom­men. Da gibt ihm Abra­ham zur Ant­wort: „Sie haben Moses und die Pro­phe­ten. Wenn sie die nicht hören, wer­den sie auch nicht auf einen hören, der aus dem Toten­reich zu ihnen kommt!“ Damit ist der Ein­wand erle­digt, daß nie­mand aus dem Toten­reich den Leben­den pre­digt.

Nun wer­den gegen die Wahr­heit vom Hin­ab­stieg Jesu in die Vor­hölle Ein­wände vor­ge­bracht. Sie lei­ten sich aus der Reli­gi­ons­ge­schichte her. Man ver­weist auf angeb­lich oder wirk­lich ähn­li­che Vor­stel­lun­gen in fem­den Reli­gio­nen. Die Par­al­le­len aus der Reli­gi­ons­ge­schichte sind eine unge­heuere Gefahr für unsere Kin­der. Sie tau­chen in den Reli­gi­ons­bü­chern auf; dort wer­den bud­dhis­ti­sche und hin­du­is­ti­sche und shin­tois­ti­sche Vor­stel­lun­gen neben die katho­li­sche, neben die christ­li­che Wahr­heit gestellt, als ob das alles auf ein und der­sel­ben Ebene stünde. In Wirk­lich­keit sind Geschichte und Mythos unver­gleich­bar, durch Wel­ten geschie­den, durch eine Kluft getrennt, über die keine Brü­cke führt. Also es geht jetzt darum, die Ein­wände zu betrach­ten, wel­che die libe­rale Reli­gi­ons­ge­schichte gegen die Wahr­heit vom Hin­ab­stieg Jesu in die Unter­welt erhebt. Man sagt, das sei ein Ein­zel­fall von den vie­len mythi­schen Erzäh­lun­gen, wo Heroen und Göt­ter in die Unter­welt hin­ab­stei­gen und bei die­ser Bewe­gung in einen Kampf gera­ten.

Gegen diese Ablei­tung der christ­li­chen Wahr­heit vom Hin­ab­stieg Jesu in das Reich des Todes gibt es zwei schwer­wie­gende Ein­wände. Ers­tens: Die Lehre von der Ver­kün­di­gung der Erlö­sung an die Ver­stor­be­nen der Vor­zeit ist ein Glied in dem gro­ßen Gan­zen, das wir nen­nen „Werk und Per­son Jesu Christi“. Und die­ses eine große Ganze, Werk und Per­son Jesu Christi, ist geschicht­li­cher Art. Von den Mythen hat nie­mand ange­nom­men, auch nicht die­je­ni­gen, die diese Mythen erzählt und ver­brei­tet haben, daß sie Wirk­lich­keit sind. Sie wur­den so erzählt, wie wir Grimms Mär­chen erzäh­len. Dage­gen hier bei Jesus geht es um geschicht­li­che, tat­säch­li­che, wirk­li­che Vor­gänge. In den Mythen spricht sich eben die wabernde Phan­ta­sie des Men­schen aus, die in dump­fer Weise etwas ahnt von der Wirk­lich­keit Got­tes. In der Lehre vom Hin­ab­stieg Jesu in die Vor­hölle dage­gen haben wir das Zeug­nis der Wahr­heit für einen wirk­li­chen, gesche­he­nen Vor­gang.

Der zweite Ein­wand: Der Sinn der Hades­fahr­ten ist ein ganz ande­rer als der Sinn des Hin­ab­stiegs Jesu in die Unter­welt. In den ori­en­ta­li­schen, grie­chi­schen und römi­schen Erzäh­lun­gen von den Hades­fahr­ten wird ein hin- und her­wo­gen­der Kampf zwi­schen den hin­ab­stei­gen­den und den unter­ir­di­schen Göt­tern erzählt. Die hin­ab­stei­gen­den Göt­ter unter­lie­gen häu­fig in die­sem Kampfe oder müs­sen ihren Tri­but ent­rich­ten an die unter­ir­di­schen Göt­ter. Nicht so in der katho­lisch-kirch­li­chen Lehre vom Hin­ab­stieg Jesu. Daß Jesus in freier Über­le­gen­heit ein für alle­mal den Tod für die ganze Mensch­heit über­wun­den hat, das ist total ver­schie­den von dem, was diese erfun­de­nen Vor­stel­lun­gen erzäh­len. Geschicht­li­cher Bericht und dich­tende Phan­ta­sie sind unver­gleich­lich. Die kirch­li­che Lehre ist unan­greif­bar von den mythi­schen Hades­fahr­ten.

Den­noch kann man zuge­ben, daß sich in den mythi­schen Erzäh­lun­gen die Sehn­sucht nach der Wirk­lich­keit aus­spricht, die uns in der kirch­li­chen Lehre über­mit­telt ist. Außer­dem benut­zen die Kir­chen­vä­ter oft die heid­ni­schen Erzäh­lun­gen als Stil­mit­tel, als Dar­stel­lungs­mit­tel, um die kirch­li­che Wahr­heit vom Hin­ab­stieg Jesu in das Reich des Todes dar­zu­stel­len. Man muß also zwi­schen dem Inhalt, der ein Gescheh­nis ist, und dem Sprach­kleid, das man die­sem Gescheh­nis anzieht, unter­schei­den.

Wir wol­len also, meine lie­ben Freunde, das Evan­ge­lium nicht ver­kür­zen, indem wir eine ganze Dimen­sion der Erlö­sung weg­las­sen. Wir wol­len das ganze Evan­ge­lium hören, uns aneig­nen und uns dadurch in der Über­zeu­gung fes­ti­gen, daß die Erlö­sung Christi der Kraft nach – nicht der Wir­kung nach –, der Inten­tion, der Absicht nach, für alle Men­schen gesche­hen ist, für die Men­schen, die seine Zeit­ge­nos­sen waren, für die Men­schen, die nach ihm kom­men wür­den, und für die Men­schen, die vor ihm im Frie­den mit Gott abge­schie­den waren.

Mit freundlicher Genehmigung „Professor Georg May - Hin­ab­ge­stie­gen in das Reich des Todes www.Glaubenswahrheit.org

Ostern – das uner­hört Neue
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