StartseitePredigtreihe "Jesus Christus"

Dr. Georg May, em. Pro­fes­sor für Kir­chen­recht, Kirch­li­che Rechts­ge­schichte und Staats­kir­chen­recht, ist seit fast 60 Jah­ren Pries­ter.

Beson­ders in sei­nen unzäh­li­gen Pre­dig­ten hat Georg May den katho­li­schen Glau­ben ver­kün­det und erläu­tert. Kom­pro­miß­los in der Ver­kün­di­gung der rei­nen Lehre und doch leicht ver­ständ­lich fes­selt er seine Leser, die er in der Treue zum Glau­ben und in der Liebe zur Lehre der Kir­che zu fes­ti­gen ver­steht.

Hier können sie täglich eine neue Predigt lesen. Die erste Serie beinhaltet 14 Themen und steht unter dem Haupttitel "Jesus Christus"


Über Chris­tus als den Mitt­ler des Heils

Im Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Es gibt eine Frage, die nicht zur Ruhe kom­men will, und diese Frage lau­tet: Was dünkt euch von Chris­tus? Wes­sen Sohn ist er? Von der Ant­wort auf diese Frage hängt alles in unse­rem Leben und in unse­rem Ster­ben ab. Wir müs­sen eine voll­stän­dige Kennt­nis Jesu Christi gewin­nen, damit wir für unser Leben ein rich­tung­wei­sen­des und zum Him­mel füh­ren­des Kenn­zei­chen haben, damit wir wis­sen, wem wir ver­trauen dür­fen und auf wen wir hören müs­sen.

Jesus hat ein mensch­li­ches Leben geführt wie andere Men­schen auch. Sein irdi­sches Leben ist ein­ma­lig und unwie­der­hol­bar. Aber in die­sem irdi­schen Leben voll­zog sich das Geheim­nis unse­res Hei­les. Die­ses Leben sprengt die Geschichte, so geschicht­lich es auch gelebt wurde. Es geht über jede Geschichte hin­aus, denn in ihm voll­zog sich das Geheim­nis unse­res Hei­les. Das Geheim­nis des Hei­les war ursprüng­lich ein Plan im Geiste Got­tes. Da war es ein Got­tes­ge­heim­nis, und die­ses Got­tes­ge­heim­nis ist in der Zeit ver­wirk­licht wor­den; so wurde es ein Chris­tus­ge­heim­nis. Und weil die­ses Chris­tus­ge­heim­nis unser Heil bewir­ken soll, ist es auch unser Heils­ge­heim­nis. Jetzt schon haben wir Anteil an ihm, aber noch ist es ver­hüllt, noch ist es ver­bor­gen; wir erwar­ten seine Ent­hül­lung. Wir hof­fen auf die end­gül­tige Offen­ba­rung Christi an sei­nem Tage, wenn unser ver­gäng­li­ches, hin­fäl­li­ges Leben ein­mal ver­wan­delt wer­den wird in ein unver­gäng­li­ches, strah­len­des und leuch­ten­des Leben.

Das Geheim­nis unse­res Hei­les wurde ver­wirk­licht durch die Men­schwer­dung Jesu Christi. Weil Chris­tus Mensch gewor­den ist, des­we­gen ist unser Heil von Gott ver­wirk­licht wor­den. In Chris­tus ist der­je­nige erschie­nen, an dem jeder Anteil gewin­nen muß, der das Heil errin­gen will. Chris­tus ist das Werk­zeug des Hei­les, er ist die Ver­wirk­li­chung des Hei­les, er ist die Erschei­nung des Hei­les, ja er ist das Heil selbst. Chris­tus ist unser Heil. In ihm ist eine Daseins­form auf Erden erschie­nen, die es vor­her nicht gab. An sei­ner Daseins­form, an sei­ner Exis­ten­z­weise muß Anteil gewin­nen, wer das Heil errin­gen will. Er ist der Weg zum Heil, er ist die Brü­cke zum Heil, er ist der Bürge des Heils. Ja, wir müs­sen jetzt das Wort nen­nen, das die Kir­che aus der Hei­li­gen Schrift ent­nom­men hat und das sie in ihren Leh­rent­schei­dun­gen immer wie­der her­vor­ge­ho­ben hat: Chris­tus ist der Mitt­ler des Hei­les. Er steht in der Mitte zwi­schen Gott und den Men­schen; er ist der Ver­mitt­ler.

Nun ist das Wort Ver­mitt­ler uns nicht unver­traut. Wenn Arbeits­kämpfe ent­ste­hen, wird manch­mal ein Ver­mitt­ler bestellt zwi­schen Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern. Das mag uns eine gewisse Ahnung davon geben, was ein Ver­mitt­ler ist, der eben aus­ein­an­der­stre­bende Kräfte zusam­men­fügt. Im Bun­des­rat wird manch­mal, wenn sich die Par­teien nicht eini­gen kön­nen, der Ver­mitt­lungs­aus­schuß ange­ru­fen. Er soll dann zwi­schen den wider­strei­ten­den Mei­nun­gen einen Aus­gleich her­bei­füh­ren. Eine ferne Ahnung von dem, was Chris­tus der Mitt­ler ist, ver­mö­gen uns diese Bedeu­tun­gen zu ver­schaf­fen, aber frei­lich nur eine ferne Ahnung. Näher heran an das, was Chris­tus der Mitt­ler ist, führt uns die Kunde des Alten und des Neuen Tes­ta­men­tes.

Im Alten Bunde gab es auch Mitt­ler. Das waren die Könige, die Pries­ter, die Pro­phe­ten. Sie ver­mit­tel­ten zwi­schen Gott und dem Volke. Sie emp­fin­gen Bot­schaf­ten von Gott an das Volk, und das Volk bat sie als seine Ver­tre­ter bei Gott zu wir­ken. Nun gibt es einen Ver­mitt­ler, der alle ande­ren über­strahlt, das ist Moses. Moses ist der vor­züg­lichste Mitt­ler des Alten Bun­des. Er emp­fing von Gott Wei­sun­gen und über­brachte sie dem Volke. Er allein durfte mit Gott reden und das, was er gehört hatte, dem Volke ver­mit­teln. Aber auch das Volk schrie zu ihm und bat ihn, die Worte Got­tes in Emp­fang zu neh­men und für es bei Gott ein­zu­tre­ten. Das hat er getan. Er wurde der Für­bit­ter für das Volk bei Gott. Um sei­ner Für­bitte wil­len hat Gott das Unheil von dem Volke, das er ange­droht hatte und das das Volk ver­dient hatte, abge­wen­det. Er ist auch ein lei­den­der Ver­mitt­ler gewor­den, denn er mußte schwere Lei­den erdul­den wegen der Wider­spens­tig­keit des Volkes. Es blieb ihm schließ­lich sogar der Ein­gang ins gelobte Land ver­sagt; er durfte es nur schauen. Auf dem Berge Nebo durfte er einen Blick in das ver­hei­ßene Land wer­fen, aber hin­ein­ge­hen durfte er nicht. Das war sein stell­ver­tre­ten­des Lei­den.

Neben der Gestalt, der his­to­ri­schen Gestalt des Moses gibt es im Alten Tes­ta­ment noch ein Bild für einen Mitt­ler, näm­lich den Got­tes­knecht. In dem pro­phe­ti­schen Buch des Iasaias wird uns die­ser Got­tes­knecht geschil­dert. Er ist ein Licht für die Men­schen. Er soll ihnen den Wil­len Got­tes kün­den und die Bot­schaft Got­tes ver­mit­teln. Aber er stößt auf Wider­stand. Äußere Kämpfe muß er beste­hen, und innere Zwei­fel wogen in ihm. Er wird mit Miß­trauen betrach­tet und schwe­ren Lei­den unter­wor­fen. Aber gerade dadurch, daß er schuld­los lei­det, wird er der Mitt­ler zwi­schen den Men­schen und Gott. Das ist ein Vor­ent­wurf für das, was Jesus sein sollte. Was das Bild des Got­tes­knech­tes im pro­phe­ti­schen Buch des Isaias ankün­digt, das ist ver­wirk­licht wor­den in Jesus Chris­tus. Er ist der Mitt­ler, den Gott vor­aus­be­stimmt und in der Zeit zu den Men­schen gesandt hat. Er stellt sein Mitt­ler­tum unter den Aus­drü­cken dar, daß er der Men­schen­sohn sei, daß er der Got­tes­sohn sei und daß er der Got­tes­knecht sei. Als Men­schen- und Got­te­s­ohn ver­fügt er über Macht und Herr­lich­keit; als Got­tes­knecht ist er dem Lei­den und dem Tode aus­ge­lie­fert. „Der Men­schen­sohn ist nicht gekom­men, sich bedie­nen zu las­sen, son­dern zu die­nen und sein Leben hin­zu­ge­ben als Löse­geld für die vie­len.“ Jesus hat sich also selbst als den Mitt­ler ver­stan­den, auch wenn er das Wort Mitt­ler nicht gebraucht hat. Die Sache ist bei ihm vor­han­den.

Seine Jün­ger haben sein Mitt­ler­tum dann ent­fal­tet, an ers­ter Stelle der Apos­tel Pau­lus. Er stellt Jesus Chris­tus als den Mitt­ler des Neuen Bun­des dar. Es gibt zwei Stel­len in Pau­lus­brie­fen, wo das Wort Mitt­ler auch tat­säch­lich vor­kommt, näm­lich im ers­ten Timo­theus­brief heißt es: „Es ist ja nur ein Gott, ein Mitt­ler zwi­schen Gott und den Men­schen, der Mensch Chris­tus Jesus, der sich selbst als Löse­geld für alle dahin­ge­ge­ben hat.“ Und im Hebrä­er­brief heißt es: „Nun hat er (näm­lich Chris­tus) einen um so erha­be­ne­ren Pries­ter­dienst erlangt, als er Mitt­ler eines bes­se­ren Bun­des ist, der auf bes­se­ren Ver­hei­ßun­gen grün­det.“ Chris­tus ist Mitt­ler, weil er Got­tes Würde und die mensch­li­che Natur ver­bun­den hat. Er konnte ver­mit­teln, weil er zugleich Gott und Mensch war, weil sich eine mensch­li­che Natur mit der gött­li­chen Per­son ver­ei­nigt hatte. Darum konnte er ver­mit­teln. Der hei­lige Augus­ti­nus drückt das ein­mal so aus: „Die Gott­heit ohne Mensch­heit ist nicht Mitt­le­rin; die Mensch­heit ohne Gott­heit ist nicht Mitt­le­rin, son­dern Mitt­le­rin zwi­schen der Gott­heit allein und der Mensch­heit allein ist die mensch­li­che Gott­heit und die gött­li­che Mensch­heit Christi.“ Die mensch­li­che Gott­heit und die gött­li­che Mensch­heit Christi.

Die­ser Mitt­ler Jesus Chris­tus hat ein neues Leben in die Welt gebracht, und die­ses Leben ist für alle Men­schen maß­geb­lich, denn er ist der neue Stamm­va­ter. Es gab schon ein­mal einen Stamm­va­ter, er hieß Adam, aber das war ein Stamm­va­ter zum Unheil. Jetzt gibt es einen neuen Stamm­va­ter, und das ist ein Stamm­va­ter zum Heil, er heißt Jesus Chris­tus. An die­sem Stamm­va­ter gewinnt man Anteil nicht durch Zeu­gung wie an dem alten Stamm­va­ter Adam, son­dern durch Neu­schaf­fung im Gesche­hen der Taufe und im Glau­ben. Durch Glaube und Taufe gewinnt man Anteil an die­sem neuen Stamm­va­ter. Das ist die Bot­schaft des Apos­tels Pau­lus über das Mitt­ler­tum Jesu.

Auch Johan­nes spricht von die­sem Mitt­ler­tum. Für ihn ist Jesus der Weg. Das heißt: Wer zu Gott kom­men will, muß eben die­sen Weg beschrei­ten. Für Johan­nes ist Jesus die Tür. Das heißt: Wer ein­ge­hen will zu Gott, muß diese Tür durch­schrei­ten. Das sind Bil­der für das Mitt­ler­tum Jesu. Er erfüllt sein Mitt­ler­tum in sei­ner Für­bitte und in sei­nem stell­ver­tre­ten­den Lei­den und Ster­ben. „Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe.“ Er gibt es für die Schafe, weil er der Mitt­ler ist, weil er dadurch, daß er sei­nen Tod stirbt, als Süh­ne­tod stirbt für die vie­len, für die er sein Leben dahin­gibt.

Man kann ver­su­chen, sich das Geheim­nis des Mitt­ler­tums Christi in drei Schrit­ten klar zu machen. Der erste Schritt ist der fol­gende: Chris­tus ist das Haupt der gan­zen Schöp­fung. Als Haupt ist er mit der gan­zen Schöp­fung ver­bun­den. Diese Ver­bin­dung voll­zieht er als Mensch kraft sei­ner mensch­li­chen Natur. Indem die gött­li­che Per­son des Logos die mensch­li­che Natur annahm, hat er sich mit der gesam­ten Mensch­heit, ja mit der gesam­ten Schöp­fung – von der ja diese Natur ein Teil ist –, ver­bun­den. Der erste Schritt besagt also: Chris­tus ist das Haupt der Schöp­fung und hat durch die Annahme der mensch­li­chen Natur sich mit der gesam­ten Schöp­fung ver­bun­den. Der zweite Schritt lau­tet: Dadurch, daß Chris­tus gekom­men ist, dadurch, daß er in die Welt ein­ge­tre­ten ist, hat er die gesamte Schöp­fung gehei­ligt. Die Schöp­fung konnte nicht unbe­rührt blei­ben, wenn der Got­tes­sohn ein Stück von ihr annahm und in die Schöp­fung ein­trat. Dadurch ist die Schöp­fung geweiht, kon­se­kriert, gehei­ligt wor­den. Bald wird es wie­der soweit sein, näm­lich in der Vigil von Weih­nach­ten. Da lesen wir im Mar­ty­ro­lo­gium: „Jesus Chris­tus, der ewige Gott und der Sohn des ewi­gen Vaters, hat durch seine gna­den­volle Ankunft die Welt gehei­ligt.“ Schon durch die Ankunft des Mitt­lers ist die Welt anders gewor­den, ob sie es wis­sen will oder nicht, ob sie es anneh­men mag oder nicht. Die Welt ist anders gewor­den durch das Kom­men Jesu Christi. Das ist die zweite Stufe unse­rer Über­le­gun­gen: Die Ankunft Jesu hat die Welt im Gehei­men ver­wan­delt. Es sind in sie Keime ein­ge­setzt wor­den, Lebens­keime, die nie mehr ster­ben und die sich eins­tens ent­fal­ten wer­den. Die Welt ist anders gewor­den. Und der dritte Schritt: Dadurch, daß Jesus in die Welt ein­ge­tre­ten ist, ist die Hei­li­gung nicht voll­endet. Sie hat begon­nen. Durch sein Erschei­nen ist die Con­secra­tio der Welt anfang­haft durch­ge­führt wor­den, aber sie bedarf noch der Voll­endung. Und so mußte Jesus auch noch durch sein gan­zes Leben die Hei­li­gung der Welt wei­ter­füh­ren. In sei­ner Erschei­nung als Mensch lag die Bereit­schaft, das ganze mensch­li­che Leben auf sich zu neh­men, um dadurch das Welt­chaos auf­zu­ar­bei­ten. Er mußte ein red­li­ches mensch­li­ches Leben füh­ren, aber durch jede Ein­zel­heit die­ses Lebens hat er die Hei­li­gung bewirkt. Ob Jesus geht oder steht, ob er ißt oder schläft, ob er redet oder schweigt, immer ist sein gan­zes Tun Hei­li­gung der Welt; in all die­sen Vor­gän­gen voll­zieht sich das Geheim­nis unse­res Hei­les.

Gewiß gibt es unter dem, was Jesus getan und gelit­ten hat, Höhe­punkte. Der Gip­fel sei­nes Lebens und Lei­dens ist zwei­fel­los sein Kreu­zes­tod, ist sein Auf­er­ste­hung, ist seine Him­mel­fahrt. Aber noch ein­mal: Man kann diese drei Gescheh­nisse nicht her­aus­lö­sen aus dem gan­zen Leben Jesu; die Ganz­heit die­ses Lebens besitzt erlö­se­ri­sche Kraft. Jesus hat uns durch sein Kom­men, aber auch durch sein Wir­ken, durch sein Leben und Lei­den, durch sein Pre­di­gen und durch seine Hei­lun­gen das Heil ver­schafft.

Jetzt wis­sen wir also, was es bedeu­tet, wenn wir sagen: Jesus ist unser Mitt­ler beim Vater. Er hat die Mitt­ler­schaft begon­nen mit sei­ner Men­schwer­dung, er hat sie durch­ge­führt in sei­nem Leben, und er setzt sie fort in der himm­li­schen Herr­lich­keit. Er tritt immer­fort für uns ein beim Vater im Him­mel. Er zeigt ihm seine Wun­den, und auf diese Weise ist und bleibt er unser Mitt­ler beim Vater. Jetzt wis­sen wir, wie wir uns zu die­sem Mitt­ler stel­len müs­sen. Wir müs­sen ihm sagen: Jesus, du bist der Weg. Laß mich die­sen Weg gehen! Jesus, du bist die Brü­cke. Laß mich diese Brü­cke über­schrei­ten! Jesus, du bist die Tür zum Vater. Öffne mir diese Tür und laß mich ein in das Glück und in die Freude des himm­li­schen Vaters.

Amen.

Mit freundlicher Genehmigung „Professor Georg May "Über Chris­tus als den Mitt­ler des Heils" www.Glaubenswahrheit.org

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