StartseitePredigtreihe "Jesus Christus"

Dr. Georg May, em. Pro­fes­sor für Kir­chen­recht, Kirch­li­che Rechts­ge­schichte und Staats­kir­chen­recht, ist seit fast 60 Jah­ren Pries­ter.

Beson­ders in sei­nen unzäh­li­gen Pre­dig­ten hat Georg May den katho­li­schen Glau­ben ver­kün­det und erläu­tert. Kom­pro­miß­los in der Ver­kün­di­gung der rei­nen Lehre und doch leicht ver­ständ­lich fes­selt er seine Leser, die er in der Treue zum Glau­ben und in der Liebe zur Lehre der Kir­che zu fes­ti­gen ver­steht.

Hier können sie täglich eine neue Predigt lesen. Die erste Serie beinhaltet 14 Themen und steht unter dem Haupttitel "Jesus Christus"



Die Behaup­tung von den „Brü­dern„ Jesu


Im Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. Amen.

Geliebte im Herrn!

In einer katho­li­schen Zeit­schrift, die ich vor mir habe, steht der Leser­brief einer Per­son aus Darm­stadt. In die­sem Leser­brief heißt es: „In der Fas­ten­zeit besuchte ich Vor­träge von Herrn Fran­zis­kus Eisen­bach. Auf die Frage eines Teil­neh­mers: 'Stimmt es, daß Jesus Brü­der hatte?' ant­wor­tete er: 'Ja, sie waren alle älter als Maria, Maria war die zweite Frau von Josef.' Nun war mir end­lich klar, warum der hei­lige Josef immer so viel älter als Maria abge­bil­det wurde, und ich freute mich, end­lich die rich­tige Ant­wort zu hören. Nun schrei­ben Sie wie­der von einem acht­zehn­jäh­ri­gen jun­gen Mann. Was soll man nun glau­ben?“

Die katho­li­sche Kir­che war von Anfang an davon über­zeugt, daß Jesus nicht nur der erst­ge­bo­rene, son­dern auch der ein­zig­ge­bo­rene Sohn der Jung­frau Maria war. Sie hat diese Über­zeu­gung sogar in einen Glau­bens­satz gefaßt. Es ist der Glau­bens­satz von der immer­wäh­ren­den Jung­frau­schaft Mari­ens. Maria war nicht nur Jung­frau, bevor sie Jesus gebar, son­dern auch, nach­dem sie ihn gebo­ren hatte. Die­ser Glau­bens­satz ist nun seit gerau­mer Zeit Angriffs­ob­jekt von fal­schen Leh­rern.

Zur Unter­stüt­zung ihrer Ansicht grei­fen sie auf die Rede­weise in der Hei­li­gen Schrift zurück von den „Brü­dern“ Jesu. Tat­säch­lich ist in der Hei­li­gen Schrift an sie­ben Stel­len von Brü­dern Jesu die Rede. Im Mar­ku­sevan­ge­lium, im Johan­nes­evan­ge­lium, in der Apos­tel­ge­schichte, im Gala­ther­brief und im 1. Korin­ther­brief. Die zwei­fel­los wich­tigste Stelle steht im Mar­ku­sevan­ge­lium, wo die Menge über Jesus in Erstau­nen gerät und fragt: „Sol­che Wun­der gesche­hen durch seine Hände! Ist das nicht der Zim­mer­mann, der Sohn Marias, ein Bru­der des Jako­bus, Joses, Judas und Simon?“

Hier, so scheint es, ist die Rede von vier Brü­dern: Jako­bus, Joses, Simon und Judas. Ist diese Stelle und sind die ande­ren Stel­len tat­säch­lich beweis­kräf­tig für die Behaup­tung, Maria habe noch andere Kin­der gehabt oder jeden­falls, wie Fran­zis­kus Eisen­bach meint, Josef habe aus einer ers­ten Ehe Kin­der mit­ge­bracht?

Um mit der letz­ten Mei­nung zu begin­nen: Diese Ansicht stammt aus einer apo­kry­phen Schrift, näm­lich dem Prot-Evan­ge­lium Jakobi. Apo­kryph ist eine Schrift, die unecht ist, die nicht in das Ver­zeich­nis der hei­li­gen Schrif­ten von der Kir­che auf­ge­nom­men ist. In die­ser unech­ten Schrift wird die Ansicht ver­tre­ten, Josef sei zwei­mal ver­hei­ra­tet gewe­sen. In ers­ter Ehe habe er vier Kin­der gehabt, und dann sei er mit Maria ver­mählt wor­den. Das ist die soge­nannte Stief­brü­der­hy­po­these. Danach wären die vier soge­nann­ten Brü­der Stief­brü­der Jesu, weil sie Josef zum Vater haben. Diese Ansicht ist in der ortho­do­xen Kir­che ver­brei­tet, aber unhalt­bar. Sie stimmt nicht mit den bei­den jeweils ers­ten Kapi­teln im Matt­häus- und im Luka­sevan­ge­lium über­ein. Nir­gends ist darin ein Hin­weis zu fin­den, daß Josef schon ein­mal ver­hei­ra­tet gewe­sen sei. Das ist ein Phan­ta­sie­pro­dukt ohne jede Grund­lage im Evan­ge­lium. Mit die­ser Stief­brü­der­hy­po­these brau­chen wir uns nicht zu befas­sen.

Um so erns­ter ist die andere Behaup­tung, die soge­nann­ten Brü­der Jesu seien voll­bür­tige Geschwis­ter Jesu, seien also Kin­der Mari­ens. Gegen diese Behaup­tung las­sen sich vier schwer­wie­gende Gründe anfüh­ren, näm­lich ers­tens: Maria pil­gerte bekannt­lich mit Jesus, ihrem Sohne, nach Jeru­sa­lem. Sie nahm an der Oster­wall­fahrt teil mit dem zwölf­jäh­ri­gen Jesus­kind. Jeder­mann wird sich fra­gen: Wie kann eine Mut­ter vie­ler Kin­der ihre klei­ne­ren Kin­der zurück­las­sen, sich auf eine lange Reise bege­ben und die Betreu­ung die­ser Kin­der ver­nach­läs­si­gen? Wenn neben dem erst­ge­bo­re­nen Jesus noch klei­nere Brü­der und Schwes­tern – von Schwes­tern ist ja auch bei Mar­kus die Rede – vor­han­den gewe­sen wären, wie kann Maria so sorg­los sein, diese Kin­der sich selbst oder einer frem­den Per­son zu über­las­sen?

Der zweite Grund gegen diese Behaup­tung liegt darin, daß im Ori­ent der Erst­ge­bo­rene eine beson­dere Herr­scher­stel­lung hat über seine ande­ren Geschwis­ter. „Sei ihr Herr­scher! Du sollst über die Kin­der dei­ner Mut­ter herr­schen!“ So heißt es vom Erst­ge­bo­re­nen. Jesus war der Erst­ge­bo­rene, also hätte er diese Herr­scher­stel­lung inne­ge­habt. Nun ist aber im Evan­ge­lium nach Mar­kus die Rede, wie die soge­nann­ten Brü­der Jesu ihn bevor­mun­den wol­len. Ein­mal, als er vor lau­ter Andrang des Volkes nicht essen konnte, da gin­gen sie hin, um sich sei­ner zu bemäch­ti­gen, denn sie sag­ten: „Er ist außer sich.“ Sie woll­ten also über ihren soge­nann­ten Bru­der eine Macht aus­üben. Das ist im alten Ori­ent ganz undenk­bar, weil es zum Herr­scher­recht des Ältes­ten im Wider­spruch steht.

Der dritte Grund liegt darin, daß an kei­ner Stelle des Neuen Tes­ta­men­tes jemals die Rede ist von Söh­nen oder Töch­tern Mari­ens, son­dern es heißt immer nur von Jesus, er sei der Sohn Mari­ens oder er sei der Sohn Josefs, aber nie­mals wird gesagt: Das sind die Kin­der Mari­ens oder das sind die Kin­der Josefs. Immer ist nur von dem einen und ein­zi­gen Kind die Rede, näm­lich von Jesus von Naza­reth.

Der vierte Grund ist vom Ende unse­res Hei­lan­des am Kreuze her­ge­nom­men. Am Kreuze über­gab der ster­bende Herr seine Mut­ter dem Johan­nes, dem Lieb­lings­jün­ger, also einem Frem­den. Jeder­mann wird sagen: Wenn Brü­der vor­han­den waren, wenn Maria andere Kin­der hatte, warum hat der Herr seine Mut­ter dann nicht den Geschwis­tern über­ge­ben? Sie wären doch die Erst­ver­ant­wort­li­chen und die Haupt­ver­ant­wort­li­chen für das Schick­sal der Mut­ter. Nein, er über­gab sie einem Frem­den, dem Johan­nes, offen­sicht­lich, weil keine Brü­der vor­han­den waren.

Das sind vier Gründe, meine lie­ben Freunde, gegen die Behaup­tung, Maria habe noch andere Kin­der außer Jesus gehabt. Nun wer­den aber zur Unter­stüt­zung die­ser fal­schen These noch man­che andere Behaup­tun­gen ins Feld geführt. Zunächst ein­mal die, daß eben tat­säch­lich dasteht: „Brü­der.“ An sie­ben Stel­len ist von Brü­dern Jesu die Rede. Dazu ist zu bemer­ken, daß die ara­mä­i­sche Spra­che, und das ist die Spra­che, die Jesus gespro­chen hat, kein Wort für andere Bezeich­nun­gen der Ver­wandt­schaft hat. Also zum Bei­spiel fehlt ein Wort für das, was wir Cou­sin oder Cou­sine nen­nen, Vet­ter oder Base. Diese Per­so­nen wer­den in der ara­mä­i­schen Spra­che, auch in der hebräi­schen, mit Bru­der bzw. Schwes­ter bezeich­net. Ein Bei­spiel aus dem Alten Tes­ta­ment: Abra­ham hatte einen Bru­der namens Aram. Die­ser hatte einen Sohn namens Lot. Lot war also der Neffe von Abra­ham. Aber Abra­ham sagte zu Lot: „Wir sind doch Brü­der,“ obwohl er doch sein Onkel war. Oder an einer ande­ren Stelle (1 Chron 23) ist von Eleazar und Kis die Rede, zwei Brü­dern. Der Eleazar hatte nur Töch­ter, der Kis hatte Söhne. Nun hei­ra­te­ten die Töch­ter des einen die Söhne des ande­ren, und das wird im Alten Tes­ta­ment berich­tet mir den Wor­ten: „Sie hei­ra­te­ten ihre Schwes­tern,“ obwohl es gar nicht die Schwes­tern waren, son­dern ihre Cou­si­nen. Also das Wort „Bru­der“ und „Schwes­ter“ wird im Alten und auch, wie wir sehen, im Neuen Tes­ta­ment für Ver­wandt­schafts­be­zeich­nun­gen ande­rer Art ver­wen­det.

Man weist dann hin, daß es im Evan­ge­lium heißt: „Josef erkannte Maria nicht, bis sie ihren erst­ge­bo­re­nen Sohn gebar.“ „Erkannte“ ist ein Aus­druck für den Voll­zug der Ehe. Daran, so sagt man, ist zu sehen, daß er sie nach­her doch erkannt, die Ehe mit ihr voll­zo­gen hat. „Bis sie ihren erst­ge­bo­re­nen Sohn gebar.“ Meine lie­ben Freunde, die­ses Argu­ment schlägt nicht durch. Wenn ich von einem Mar­ty­rer sage: „Er hielt dem Herrn die Treue bis zum Tode,“ dann ist natür­lich nicht gesagt, daß er nach dem Tode von die­ser Treue abge­fal­len ist. Es wird nur das gesagt, was bis dahin geschah, nicht jenes, was sich nach­her ereig­nete. Und so ist es auch bei Jesus und Maria. „Sie gebar ihren erst­ge­bo­re­nen Sohn“ (Luk 1,7) und: „Er erkannte sie nicht, bis sie ihren erst­ge­bo­re­nen Sohn gebar.“ (Mt 1,25). Es soll damit aus­ge­sagt wer­den: Maria hat die Weis­sa­gung aus dem Pro­phe­ten Isaias erfüllt, sie hat als unbe­fleckte Jung­frau Jesus gebo­ren. Über die Zeit danach ist nichts aus­ge­sagt.

Dann weist man dar­auf hin, daß es heißt: „Sie gebar ihren erst­ge­bo­re­nen Sohn.“ Sind dann viel­leicht noch andere Söhne zu erwar­ten? Nein, im Ori­ent heißt jeder erste Sohn, auch wenn keine Kin­der mehr kom­men, der Erst­ge­bo­rene. Wir haben eine Grab­in­schrift gefun­den, in der von einer Frau, die nur ein Kind gehabt hat, gesagt wird: Sie gebar ihren erst­ge­bo­re­nen Sohn. Der Erst­ge­bo­rene hatte näm­lich bestimmte Rechte, und, ganz gleich­gül­tig, ob er Geschwis­ter hatte oder nicht, diese Rechte stan­den ihm zu, und des­we­gen heißt jeder zuerst ins Leben tre­tende Sohn, ohne Rück­sicht auf wei­tere Geschwis­ter, der Erst­ge­bo­rene.

Es gibt aber auch noch andere Beweise dafür, daß es sich bei den soge­nann­ten Brü­dern Jesu um Vet­tern han­delt. „Am Kreuze,“ berich­tet der Evan­ge­list Mar­kus, „stan­den Maria Magda­lena, Maria, die Mut­ter des Jako­bus und des Joses, und Salome.“ Drei Frauen, Maria Magda­lena, die Mut­ter des Jako­bus und des Joses, und Salome. Die Mut­ter des Jako­bus und des Joses! Wer ist denn das? Sie hat auch Maria gehei­ßen, natür­lich ist damit nicht die Mut­ter des Herrn gemeint, denn sonst hätte der Evan­ge­list gesagt: „Seine Mut­ter“ oder „die Mut­ter Jesu,“ denn es han­delt sich um das Ster­ben des Hei­lan­des, nicht um das Ster­ben des Jako­bus oder des Joses. Nein,es soll diese Maria als eine andere Maria von der Mut­ter Jesu unter­schie­den wer­den. Und jetzt ach­ten Sie bitte auf die bei­den Namen Jako­bus und Joses! Das sind die­sel­ben Namen, die im 6. Kapi­tel bei Mar­kus vor­kom­men und dort als Brü­der Jesu bezeich­net wer­den, die­sel­ben Namen und die­selbe Rei­hen­folge. Offen­bar sind sie iden­tisch mit­ein­an­der. Die soge­nann­ten „Brü­der“ von Mar­kus 6 und diese bei­den, die in Mar­kus 15 zur Kenn­zeich­nung der ande­ren Maria ver­wandt wer­den, sind die­sel­ben Per­so­nen, sind also keine Kin­der Mari­ens, son­dern der ande­ren Maria, der Maria des Jako­bus, der Maria des Joses. Der Name Joses kommt nur ein ein­zi­ges Mal im gan­zen Neuen Tes­ta­ment vor, nicht Josef, son­dern Joses, und des­we­gen ist er so bedeut­sam.

Ähn­lich ist es mit den bei­den ande­ren, mit Simon und Judas. Da haben wir einen Zeu­gen aus dem 2. Jahr­hun­dert, einen Kir­chen­schrift­stel­ler. Er berich­tet, wer in Jeru­sa­lem Bischof wurde. Der erste Bischof war Jako­bus, der soge­nannte Bru­der des Herrn. Nach Jako­bus Simon, und von die­sem Simon sagt der genannte Kir­chen­schrift­stel­ler: „Er war ein zwei­ter Vet­ter des Herrn.“ Also der Simon ist nicht ein Bru­der, son­dern ein Vet­ter des Herrn gewe­sen. Und wenn er ein zwei­ter Vet­ter war, dann muß es auch einen ers­ten geben, eben den Jako­bus. Auf diese Weise, durch die­ses Zeug­nis wird bewie­sen, daß Jako­bus und Joses nicht Kin­der Mari­ens, son­dern der ande­ren Maria waren, wird aber auch bewie­sen, daß Simon und Judas Kin­der des Klo­pas waren. Klo­pas war ein Bru­der des Josef. Und wegen die­ser Bezie­hung hat man den Simon zum zwei­ten Bischof von Jeru­sa­lem gemacht.

Meine lie­ben Freunde, warum unter­breite ich Ihnen diese Über­le­gun­gen? Aus dem guten Grunde, daß ich Ihnen hel­fen möchte, die Unsi­cher­heit zu über­win­den, die von fal­schen Auf­stel­lun­gen soge­nann­ter Theo­lo­gen her­vor­geht.

Die Jung­fräu­lich­keit Mari­ens vor, in und nach der Geburt ist ein Glau­bens­satz. Die Geschichte erhebt gegen die­sen Glau­bens­satz kei­nen Ein­spruch.

Amen.

Mit freundlicher Genehmigung „Professor Georg May - Die Behaup­tung von den „Brü­dern„ Jesu www.Glaubenswahrheit.org“

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