"

„Seht das Lamm Got­tes!"

Jesus, das Lamm Got­tes

Jesus, das Lamm Got­tes - Die meis­ten von Ihnen wer­den das ergrei­fende Bild des Matt­hias Grü­ne­wald ken­nen, in dem dar­ge­stellt ist, wie der Täu­fer Johan­nes ein Lamm auf sei­nem Arm trägt und mit dem Fin­ger auf das Kreuz ver­weist. Die­ses Bild erin­nert an jene Szene, die uns im 1. Kapi­tel des Johan­nes­evan­ge­li­ums geschil­dert wird: Johan­nes der Täu­fer weilte am Jor­dan. Da kam Jesus vor­bei. Johan­nes deu­tete auf Jesus und sagte zu sei­nen Jün­gern: „Seht das Lamm Got­tes, das hin­weg­schafft die Sünde der Welt!“

Die­ses Wort des Täu­fers hat die Kir­che nicht mehr ver­ges­sen. Sie hat es in ihre fei­er­lichste Lit­ur­gie, näm­lich in die der Messe, auf­ge­nom­men. Und so spre­chen wir noch heute, 2000 Jahre nach die­sem Begeb­nis, drei­mal in der hei­li­gen Messe vom Lamm Got­tes, das hin­weg­nimmt die Sün­den der Welt. Schon im Glo­ria rufen wir zum Hei­land: „Herr und Gott, Lamm Got­tes, Sohn des Vaters. Du nimmst hin­weg die Sün­den der Welt, erbarme dich unser!“

Aber nicht genug damit. Nach dem Vate­run­ser rufen wir drei­mal zu dem Lamme Got­tes, das jetzt geschlach­tet auf dem Altare liegt: „Lamm Got­tes, das du hin­weg­nimmst die Sün­den der Welt, erbarme dich unser!“ Und der drei­ma­lige Ruf deu­tet eben die Dring­lich­keit an. „Erbarme dich unser! Erbarme dich unser!“ Und schließ­lich, wenn der Pries­ter den Gläu­bi­gen den Leib des Herrn, das geop­ferte Lamm, dar­bie­tet, da sagt er: „Seht das Lamm Got­tes! Seht, das hin­weg­nimmt die Sün­den der Welt!“ Und das Volk fällt auf die Knie und gesteht seine Unwür­dig­keit ein, die­ses Lamm in sich auf­zu­neh­men.

Diese ergrei­fen­den Rufe in der Lit­ur­gie der hei­li­gen Messe, meine lie­ben Freunde, ver­lan­gen von uns eine Erklä­rung. Wir haben heute einen neuen Namen, einen neuen Titel Jesu zu betrach­ten, näm­lich „Lamm Got­tes“. An vie­len ver­gan­ge­nen Sonn­ta­gen haben wir andere Hoheits­ti­tel Jesu uns vor Augen geführt: Herr, Hirt, Offen­ba­rer. Heute fra­gen wir: Was bedeu­tet es, wenn wir zu Jesus sagen: „Du Lamm Got­tes, erbarme dich unser! Du Lamm Got­tes, ver­schone uns! Du Lamm Got­tes, erhöre uns!“? Was bedeu­tet das?

Selbst­ver­ständ­lich ist hier in bild­li­cher Weise von Jesus die Rede. Aber wie sol­len wir von ihm reden, wenn wir ohne Bil­der reden wür­den? Wir müß­ten schwei­gen. So spre­chen wir also von ihm als dem Lamm. Warum gerade von einem Lamm? Warum wird er nicht mit einem ande­ren Tiere ver­gli­chen? Es gibt auch Ver­glei­che mit ande­ren Tie­ren. In der Apo­ka­lypse wird er der Löwe genannt, der Löwe aus dem Stamme Juda. Aber vor­zugs­weise heißt er das Lamm. Warum gerade das Lamm? Das Lamm ist ein jun­ges Tier aus dem Kreise der Schafe, unter Umstän­den auch aus dem Kreise der Zie­gen, aber vor­zugs­weise aus dem Kreise der Schafe, also ein jun­ges Schäf­lein.

Warum wird Jesus als ein jun­ges Schaf ange­spro­chen? Aus drei Grün­den. Ers­tens, das Schaf ist ein Bild der Unschuld. Es ist harm­los, es ist von Sünde und von Ver­feh­lung frei. Es gilt als Sinn­bild für eine schuld­lose, für eine unschul­dige Per­sön­lich­keit. Und des­we­gen sagt zum Bei­spiel der Hei­land zu sei­nen Jün­gern: „Ich sende euch wie Schafe mit­ten unter Wölfe.“ Denn Wölfe sind von ganz ande­rer Art. Sie zer­rei­ßen die Schafe. Aber ein Schaf ist eben harm­los, gut­mü­tig, ist schuld­los, und des­we­gen eig­net es sich so gut, auf Jesus ange­wen­det zu wer­den. Er ist der Unschul­dige, er ist der Schuld­lose.

Der zweite Grund ist darin gele­gen, daß das Schaf wil­lig der Füh­rung sei­nes Hir­ten folgt. Der Hirt führt es auf die Weide, und das Schaf geht dahin, wohin es der Hirt weist. Die­ser wil­lige Gehor­sam ist es also, der das Schaf eben­falls geeig­net macht, ein Sinn­bild für Jesus, den Gehor­sa­men gegen den Wil­len des himm­li­schen Vaters bis zum Tode am Kreuze, zu wer­den.

Der dritte Grund liegt darin, daß das Schaf das bevor­zugte Opfer­tier ist. Schafe waren vor allen ande­ren Tie­ren im Alten Bunde die Opfer­tiere. Am Mor­gen und am Abend wurde das Opfer im Tem­pel dar­ge­bracht, immer Schafe; und so ist das Schaf als Opfer­tier beson­ders geeig­net, für den ver­wandt zu wer­den, der der Opfe­rer und der Geop­ferte sein sollte, Jesus Chris­tus.

Das sind die drei Gründe, warum das Schaf so pas­send ist, ein Bild für unse­ren Erlö­ser zu sein; weil es ein Sinn­bild des Unschul­di­gen ist, weil es ein Sinn­bild des wil­li­gen Gehor­sams ist und weil es ein Sinn­bild des Opfers und des Geop­fer­ten ist.

„Lamm Got­tes“ heißt es. Ein Lamm, das Gott sich bestellt hat. Des­we­gen Lamm Got­tes. Ein Lamm, das Gott sich aus­er­wählt hat, das Gott sich für die­sen Dienst aus­er­wählt hat, den die­ses Lamm, unser Jesus, leis­ten sollte. Des­we­gen Lamm Got­tes.

Und jetzt kommt die eigent­li­che Aus­sage: „Das hin­weg­nimmt, das hin­weg­trägt die Sünde der Welt.“ Die Sünde heißt es, in der Ein­zahl. Ja, gibt es nur eine Sünde? Nein, nein, das ist natür­lich ein Kol­lek­ti­v­no­men, d.h. hier wird in der Ein­zahl gespro­chen und die Gesamt­heit gemeint. Das ist ein Sprach­ge­brauch, der auch sonst üblich ist. Man spricht von der Bos­heit der Men­schen und meint damit die vie­len bösen Taten der Men­schen. Und so ist auch hier die „Sünde“ ein Aus­druck, um die gesamte Schuld, um alle Sün­den der Men­schen, die je began­gen wur­den, zu bezeich­nen. Und von die­ser Schuld wird nun gesagt: Sie trägt das Lamm Got­tes hin­weg. Sie schafft es hin­weg. Es besei­tigt sie, und das bedeu­tet, es leis­tet Sühne für sie.

Was ist denn Sühne, meine lie­ben Freunde? Sühne ist Genug­tu­ung und Wie­der­gut­ma­chung für began­gene Sün­den. Genug­tu­ung und Wie­der­gut­ma­chung. Die Sünde ver­langt Genug­tu­ung! Es muß für die Sünde genug­ge­tan, unter Umstän­den genug­ge­lit­ten wer­den, und es muß die Sünde wie­der gut­ge­macht wer­den. Und das geschieht eben durch das Gegen­teil der Sünde. Ist die Sünde Abwen­dung von Gott, dann muß die Genug­tu­ung durch Hin­wen­dung zu Gott gesche­hen. Ist die Sünde Haß gegen Gott, so muß eine unge­heuere Lie­bes­flamme aus dem Her­zen des­sen her­vor­bre­chen, der die Genug­tu­ung und Wie­der­gut­ma­chung leis­ten soll. Das ist eben das Werk unse­res Hei­lan­des, daß er die Sühne leis­tet, aber nicht für sich. Wenn der Sün­der die Sühne per­sön­lich leis­tet, dann ist er selbst der Süh­ner. Aber hier leis­tet ein ande­rer die Sühne für die Men­schen, und des­we­gen spre­chen wir von stell­ver­tre­ten­der Sühne oder stell­ver­tre­ten­der Genug­tu­ung. Er tritt an die Stelle derer, die eigent­lich die Sühne leis­ten müß­ten, die sie aber nicht zu leis­ten ver­mö­gen, weil ihre Untat viel schlim­mer ist, als was sie an Gutem aus ihrem Her­zen her­vor­brin­gen kön­nen. Sie sind unfä­hig, das zer­ris­sene Band zwi­schen Gott und den Men­schen wie­der zu knüp­fen. Sie sind unfä­hig. Und des­we­gen mußte der Süh­ner kom­men, der sel­ber Gott war. Um die­ses Band wie­der zu knüp­fen, mußte er die stell­ver­tre­tende Sühne leis­ten.

Jetzt wis­sen wir also, meine lie­ben Freunde, was es heißt, wenn wir beten: „Lamm Got­tes, du nimmst hin­weg die Sün­den der Welt!“ Jesus leis­tet als das unschul­dige Opfer­lamm für uns, d.h. zu unse­ren Guns­ten und an unse­rer Stelle, die Sühne für die Schuld, für die Sün­den der gan­zen Mensch­heit.

Da kann man fra­gen: Wie kam denn Johan­nes der Täu­fer zu die­ser Anrede? Woher hat er denn diese Wen­dung „Lamm Got­tes“? Nun, das ist nicht schwer zu erra­ten, meine lie­ben Freunde. Im Alten Tes­ta­ment gibt es einen Pro­phe­ten, der als der Evan­ge­list unter den Pro­phe­ten gilt, näm­lich den Pro­phe­ten Isaias. Und die­ser Pro­phet Isaias hat im 53. Kapi­tel sei­nes pro­phe­ti­schen Buches einen Got­tes­knecht geschil­dert, der genau das tut, was von Jesus aus­ge­sagt wird. Von die­sem Got­tes­knecht heißt es näm­lich bei Isaias: „Der Herr aber legte die Sün­den­schuld von uns allen auf ihn.“ Er legte die Sün­den­schuld von uns allen auf ihn. „Er trug die Sün­den der vie­len.“ Ja, das ist ja genau das, was Jesus getan hat. Er trug die Sün­den­schuld von vie­len. Und von die­sem Got­tes­knecht wird nun auch noch aus­drück­lich gesagt – und das begrün­det das Bild -: „Wie ein Lamm, das zur Schlach­tung geführt wird, wie ein Schaf, das vor sei­nen Sche­rern ver­stummt, tat er den Mund nicht auf.“ Also die Gleich­set­zung von dem süh­nen­den Got­tes­knecht mit einem Lamm ist schon im Alten Tes­ta­ment ange­legt. Schon beim Pro­phe­ten Isaias wird die­ser Got­tes­knecht, der für andere lei­det und sühnt, mit einem Lamm ver­gli­chen. „Wie ein Lamm, das zur Schlach­tung geführt wird, wie ein Schaf, das vor sei­nen Sche­rern ver­stummt, tat er sei­nen Mund nicht auf.“ Ja, genau das hat unser Herr und Hei­land Jesus Chris­tus getan. Er hat geschwie­gen vor Pila­tus, er hat sich nicht ver­tei­digt, er hat mit sich gesche­hen las­sen, was die Übel­tä­ter mit ihm tun woll­ten, denn er wußte, er trug die Sün­den­schuld von allen hin­weg, und dazu mußte er lei­den.

Das ist die erste Wur­zel des Aus­dru­ckes „Du Lamm Got­tes“. Es gibt aber noch eine zweite. Als die Israe­li­ten in Ägyp­ten waren, da soll­ten die Ägyp­ter, die sie ja bedräng­ten, sie nach Got­tes Wil­len aus dem Lande zie­hen las­sen. Aber sie woll­ten sie nicht zie­hen las­sen. Sie waren ihnen nütz­lich. Die Juden waren immer schon tüch­tig und wur­den gebraucht. Sie soll­ten also wei­ter im Skla­ven­hause Ägyp­ten wei­len. Da griff Gott ein mit den Pla­gen. Ein Schlag nach dem ande­ren fiel auf die Ägyp­ter. Der Nil färbte sich rot mit Blut, und Hagel kam über die Tiere und zer­schlug ihnen die Schafe und die Rin­der auf der Weide. Neun Pla­gen! Als aber auch diese nicht hal­fen, da kün­digte Gott eine zehnte an, näm­lich er wollte alle Erst­ge­burt der Ägyp­ter schla­gen. Von Men­schen und Tie­ren sollte alle Erst­ge­burt in einer Nacht ster­ben. Damit aber die Israe­li­ten nicht auch von die­sem Straf­ge­richt erfaßt wür­den, wurde ihnen auf­ge­tra­gen, an die­sem Tage ein Lamm zu schlach­ten, das Blut zu neh­men und an die Pfos­ten der Türe und an die Tür­schwelle zu strei­chen, damit, wenn in der Nacht der Würg­engel das Land durch­zog, die Israe­li­ten ver­schont blie­ben. Und so geschah es. In einer Nacht wurde die gesamte Erst­ge­burt der Ägyp­ter geschla­gen, die Israe­li­ten aber blie­ben ver­schont. Sie wur­den geret­tet durch die Kraft die­ses Opfer­blu­tes, das sie an ihre Türen gestri­chen hat­ten.

Das ist wie­der ein Vor­bild für unse­ren Hei­land. Die­ses Pascha­l­amm, das die Israe­li­ten dann in der Erin­ne­rung an diese Ret­tung jedes Jahr am 14. Nisan, an einem bestimm­ten Tage also zu Ostern, geschlach­tet, geges­sen und geop­fert haben.

Die­ses Opfer­lamm fin­det seine Erfül­lung in Jesus Chris­tus. Denn, das haben schon die Kir­chen­vä­ter immer gesagt: Nicht das Blut eines Tie­res hatte die Kraft, die Israe­li­ten zu ver­scho­nen, son­dern weil es ein Sinn­bild für das andere Blut war, das ein­mal ver­gos­sen wer­den sollte, näm­lich das Blut des unbe­fleck­ten Lam­mes Jesus Chris­tus. Das Tier­blut hatte keine Kraft, aber weil das Tier­blut eben ein Hin­weis war auf das kraft­volle, auf das mäch­tig rufende Blut Christi, des­we­gen war es geeig­net, die Erst­ge­burt der Israe­li­ten zu ver­scho­nen in die­sem all­ge­mei­nen Gemet­zel.

Und so haben die Chris­ten den Aus­druck „Oster­lamm“ auf Jesus Chris­tus ange­wen­det. Schon beim Apos­tel Pau­lus kommt er vor. Im 1. Korin­ther­brief sagt er: „Unser Oster­lamm Jesus Chris­tus ist geop­fert wor­den.“ Also wir opfern nicht mehr bloß ein Lamm, ein Tier aus einer Herde, was ja auch einer guten Absicht ent­sprang, nein, wir haben ein ganz ande­res, ein viel bes­se­res Oster­lamm, näm­lich Chris­tus, den Unschul­di­gen, Chris­tus, den Schuld­lo­sen, der die Sün­den auf seine Schul­tern gela­den und hin­weg­ge­tra­gen hat.

Und so ist es auch im Munde von Johan­nes dem Täu­fer zu ver­ste­hen: „Seht, das Lamm Got­tes, das hin­weg­trägt die Sün­den der Welt!“ Die­ser Ver­gleich kommt im Johan­nes­evan­ge­lium noch ein­mal vor. Der Evan­ge­list Johan­nes schil­dert, wie Jesus am 14. Nisan, also genau an dem Tage, an dem im Tem­pel in Jeru­sa­lem die Oster­läm­mer geschlach­tet wur­den, aufs Kreu­zes­holz stieg. Jetzt ist also das Vor­bild erfüllt. Jetzt ist die Ver­hei­ßung zu ihrem Ende gekom­men. Jetzt ist alles voll­endet, was da ange­kün­digt wurde, näm­lich mit dem Opfer, das auf Gol­go­tha durch das unbe­fleckte Lamm Jesus dar­ge­bracht wurde.

Und des­we­gen sagt der Evan­ge­list Johan­nes: Das Wort der Schrift: „Ihr sollt an ihm kein Bein zer­bre­chen!“ ist erfüllt wor­den, als Jesus am Kreuze hing und ihm nicht die Gebeine zer­schmet­tert wur­den wie den bei­den Ver­bre­chern neben ihm, son­dern er nur einen Stich mit der Lanze in seine Seite bekam. Das ist die Erfül­lung, sagt er, des Wor­tes, das im Alten Tes­ta­ment steht, und wo ver­langt wurde: Ihr sollt an ihm – näm­lich an dem Lamm – kein Bein zer­bre­chen. Das geht nicht bloß auf das Tier, das geht auch auf Jesus, so sagt Johan­nes, der Evan­ge­list. In Jesus sind diese Ver­hei­ßung und die­ses Gebot erfüllt wor­den.

Jetzt wis­sen wir also, meine lie­ben Freunde, was es heißt, wenn wir sagen: „O du Lamm Got­tes, unschul­dig am Stamm des Kreu­zes geschlach­tet. All­zeit erfun­den gedul­dig, wie­wohl du warest ver­ach­tet. All' Sünd' hast du getra­gen, sonst müß­ten wir ver­za­gen. Erbarme dich unser, o du unser Got­tes­lamm!“

Amen.