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Die Heilsbedeutung Mariens

Wer Christ sein will, kann es nicht aus Gewohnheit sein, er braucht dazu Mut und Entschiedenheit.

Die Heilsbedeutung Mariens

Gott hat Maria zu einem ein­zig­ar­ti­gen Dienst beru­fen. Sie sollte dem Erlö­ser den Weg in die Welt bah­nen. Maria wurde zu die­sem Zweck aus­ge­son­dert aus der gan­zen Mensch­heit; eine Auf­gabe wie sie hat kein zwei­ter Mensch zu erfül­len gehabt. Die Kir­che ist gewiß die Kir­che der Pro­phe­ten und der Apos­tel, aber in gewis­ser Hin­sicht über­ragt Mari­ens Dienst den der Pro­phe­ten und der Apos­tel, denn sie war es, in die Gott das Geheim­nis sei­ner Erlö­sung, den Logos, gelegt hat, auf daß er, Mensch gewor­den, die Mensch­heit und die ganze Welt von den Sün­den erlöse.

Die ein­zig­ar­tige Beru­fung Mari­ens bedingt auch ihre ein­zig­ar­tige Gestalt. Weil sie eine sol­che Auf­gabe hatte, des­we­gen wurde sie auch in beson­de­rer Weise für diese Auf­gabe aus­ge­rüs­tet. Sie ist von ihrer Auf­gabe völ­lig bean­sprucht. Die Mut­ter­schaft ist ja immer eine unge­heure Bean­spru­chung für eine Frau. Die Tat­sa­che, daß sie Mut­ter wird, prägt sie für das ganze Leben. Aber in Maria ist die Mut­ter­schaft noch gestei­gert dadurch, daß ihr Kind der Sohn Got­tes war.

Ein neuer Mensch wird geboren

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Die Lehre von der Got­tes­mut­ter Maria

In der Hei­li­gen Schrift wird Maria an kei­ner Stelle als Mut­ter­got­tes bezeich­net. Die Hei­lige Schrift spricht von Maria ledig­lich als der Mut­ter Jesu; sie nennt sie „seine Mut­ter“ oder „die Mut­ter“. Die Bezeich­nung Mut­ter­got­tes ist also nicht aus der Hei­li­gen Schrift ent­nom­men, son­dern stammt aus der kirch­li­chen Tra­di­tion. Aber es läßt sich zei­gen, daß die kirch­li­che Tra­di­tion keine fremde Namens­ge­bung betrie­ben hat, als sie Maria Mut­ter­got­tes nannte, son­dern daß sie das aus­ge­fal­tet hat, was in der Schrift ange­legt ist. Die Schrift berich­tet näm­lich, daß der gött­li­che Logos aus der Gott vor­be­hal­te­nen Wirk­lich­keit in die mensch­li­che Welt über­ge­tre­ten ist, daß er sich zu der gött­li­chen Natur, die er besaß, eine mensch­li­che Natur ange­eig­net hat und daß die­ser Über­schritt von der gött­li­chen in die Men­schen­welt durch und aus Maria geschah. Der gött­li­che Logos ist eine gött­li­che Per­son. Aber diese gött­li­che Per­son besitzt zwei Natu­ren, zwei Erkennt­nis-, zwei Wil­lens­kräfte, näm­lich eine gött­li­che Natur und eine mensch­li­che Natur. Der Logos ist tätig durch ein gött­li­ches und ein mensch­li­ches Medium. Er trägt zwei Natu­ren.

Weil nun der Logos auch das per­so­nale Selbst der mensch­li­chen Natur ist, die aus Maria gebo­ren wurde, des­we­gen kann und muß man sagen: Maria hat den Logos gebo­ren, nicht inso­fern er Trä­ger der gött­li­chen Natur ist, son­dern inso­fern er Besit­zer der mensch­li­chen Natur ist. In die­sem Sinne ist Maria wahr­haft Got­tes­ge­bä­re­rin. Sie hat den Logos, die zweite Per­son in Gott, gebo­ren, wel­che im Besitz einer mensch­li­chen Natur ist, die aus Maria stammt. Es ist also keine Ver­frem­dung des bib­li­schen Zeug­nis­ses, wenn die Kir­che seit dem Kon­zil von Ephe­sus im Jahre 431 all­ge­mein und immer Maria Got­tes­ge­bä­re­rin nennt. Es ist das viel­mehr eine zwin­gende Fol­ge­rung aus den bib­li­schen Anga­ben. Wenn wir auf die ein­zel­nen Texte schauen, die uns von Maria als der Mut­ter­got­tes Zeug­nis geben, so müs­sen wir ein­set­zen beim wohl ältes­ten Zeug­nis, näm­lich jenem des Apos­tels Pau­lus im Gala­ter­brief. Da heißt es: „Als die Fülle der Zeit gekom­men war, sandte Gott sei­nen Sohn, der vom Weibe gebo­ren und dem Gesetz unter­wor­fen war.“ Das scheint ein schlich­tes Sätz­lein zu sein und ist doch von himm­li­schen Daten erfüllt. „Als die Fülle der Zeit kam.“ Es gibt also offen­bar einen Punkt im Fluß der Zeit, auf den die vor­her­ge­hen­den Zei­ten hin­ge­drängt haben. Das ist die Fülle der Zeit. Und in die­ser Fülle der Zeit ist Gott aus sei­ner Unsicht­bar­keit her­aus­ge­tre­ten. „Da sandte Gott sei­nen Sohn.“ Er kann ihn natür­lich nur sen­den, wenn er schon bei ihm war. Hier ist also das Geheim­nis der Tri­ni­tät ver­bor­gen. „Da sandte Gott sei­nen Sohn.“ Aber wie sandte er ihn? Nicht in einem inner­li­chen Vor­gang, nicht in einer Idee, nicht in einem geis­ti­gen Berüh­ren. Er sandte ihn „gebo­ren – ich sage es so, wie es in der Über­set­zung heißt – gebo­ren aus dem Weibe“. Es wird damit die geschicht­li­che Exis­tenz des Got­tes­soh­nes aus­ge­sagt. Der Über­schritt aus der Gott vor­be­hal­te­nen Welt in die Men­schen­welt geschah durch die Geburt aus einer Frau. Pau­lus nennt den Namen der Frau nicht. Er brauchte ihn nicht zu nen­nen, denn er war in der Gemeinde all­be­kannt. Aber er will gerade durch die Knapp­heit der For­mu­lie­rung – wie hin­ge­mei­ßelt! – dem Leser und spä­te­ren Hörer die Erkennt­nis ver­mit­teln: Die geschicht­li­che Exis­tenz des Got­tes­soh­nes ist an eine Frau geknüpft. Und des­we­gen gehört diese Frau in die Offen­ba­rung und in den Glau­ben hin­ein. Man kann nicht von Jesus spre­chen, ohne von der zu reden, die ihn im Leibe getra­gen und gebo­ren hat.

Noch deut­li­cher spricht Pau­lus im Römer­brief. „Pau­lus, Knecht Christi Jesu, beru­fen zum Apos­tel, aus­er­wählt für das Evan­ge­lium Got­tes, das Gott schon längst ver­hei­ßen hat durch seine Pro­phe­ten in den hei­li­gen Schrif­ten, von sei­nem Sohne, der dem Flei­sche nach aus dem Geschlechte Davids stammte, dem Hei­li­gen Geiste nach als Got­tes­sohn macht­voll erwie­sen wurde durch seine Auf­er­ste­hung von den Toten, von Chris­tus Jesus, unse­rem Herrn.“ Hier erklärt Pau­lus, aus wel­cher geschicht­li­chen Gene­ra­tion der Sohn Got­tes kommt. Jesus stammt aus dem Geschlechte Davids. Er ist ein Abkömm­ling des jüdi­schen Königs­ge­schlech­tes. Der, der im Gala­ter­brief als vom Weibe gebo­ren gekenn­zeich­net wurde, gehört auf die Seite des davi­di­schen Geschlech­tes.

Wäh­rend sei­ner irdi­schen Lebens­zeit war seine Gött­lich­keit ver­bor­gen. Aber sie ist offen­bar gewor­den in der Auf­er­ste­hung von den Toten. Da ist Chris­tus dem Hei­li­gen Geiste nach als Sohn Got­tes macht­voll erwie­sen wor­den. Da ist er nicht zum Sohne Got­tes gemacht wor­den, son­dern da ist er als Sohn Got­tes geof­fen­bart wor­den. Was immer in ihm war, das kam zur Erschei­nung durch die Auf­er­ste­hung von den Toten. Sie ist seine Erhö­hung aus der Ernied­ri­gung, in die er her­ab­ge­stie­gen war. Und auf die­ses Ereig­nis drän­gen die Weis­sa­gun­gen der Pro­phe­ten hin. „Ver­hei­ßen durch seine Pro­phe­ten in den hei­li­gen Schrif­ten von sei­nem Sohne.“ Alle Pro­phe­ten spre­chen von Jesus, aber nur der ver­steht sie, der sie im Glau­ben liest. Alle pro­phe­ti­schen Andeu­tun­gen wei­sen auf Jesus hin. In Jesus sind sie erfüllt. Und weil der Mes­sias durch eine Frau gebo­ren wer­den sollte, des­we­gen haben die Pro­phe­ten auch von der Frau gespro­chen. „Siehe, die Jung­frau wird emp­fan­gen und einen Sohn gebä­ren, und sein Name wird sein Ema­nuel.“

In rei­chem Maße reden die Kind­heits­ge­schich­ten bei Matt­häus und Lukas vom Got­tes­sohne und sei­ner Mut­ter. Wir haben an den ver­gan­ge­nen Sonn­ta­gen begon­nen, die Kind­heits­ge­schich­ten aus der fal­schen Behaup­tung, es handle sich um Legen­den, her­aus­zu­rei­ßen und sie als Geschichte zu erwei­sen. Bei den Kind­heits­ge­schich­ten sind drei Dinge vor allem wich­tig, ein­mal: Sie machen Zeit- und Orts­an­ga­ben. Es han­delt sich bei dem Erschei­nen des Mes­sias nicht um ein inner­li­ches Gescheh­nis, ein blo­ßes Begeb­nis in der Seele; nein, es han­delt sich um eine bestimmte Fak­ti­zi­tät zur Zeit des Kai­sers Augus­tus, als Pon­tius Pila­tus Pro­ku­ra­tor, Land­pfle­ger von Judäa war. In die­sen Zeit­rah­men ist die Geburt Jesu von Naza­reth ein­ge­spannt. Es ist also nicht wie im Mär­chen, wo es heißt: Es war ein­mal, denn das heißt natür­lich: Es war kein­mal; son­dern es ist ein Damals und ein Dort, was bezeugt, daß es sich hier um geschicht­li­che Vor­gänge han­delt.

Das zweite, was aus den Kind­heits­ge­schich­ten zu ent­neh­men ist, ist die Armut der Per­so­nen und die Ein­fach­heit des Vor­gan­ges. Es han­delt sich bei der Mes­si­as­mut­ter um eine arme Frau, die unter­wegs ist und die ihre schwere Stunde auf die­sem Gange erlebt. Es han­delt sich um ein armes Kind, das der müt­ter­li­chen Sorge bedarf und des­we­gen in selbst­ver­ständ­li­cher Natür­lich­keit in Win­deln gewi­ckelt und in eine Krippe gelegt wird. Nichts von den mytho­lo­gi­schen Göt­ter­ge­bur­ten, in denen von Glanz und von Herr­lich­keit die Rede ist, mit denen die Göt­ter gebo­ren wer­den. Nein, hier muß man das Den­ken umwan­deln, um zu begrei­fen, was für unge­heure Vor­gänge sich hier abge­spielt haben. Eine arme Fami­lie und eine ein­fa­che Geburt, so ist das Kom­men des Mes­sias in diese Welt.

Und schließ­lich das dritte. Diese Vor­gänge wer­den ein­ge­fügt in die Heils­ge­schichte. Es han­delt sich hier­bei um die Erfül­lung von Ankün­di­gun­gen des Alten Tes­ta­men­tes. Gott war sei­nem Volke immer in irgend­ei­ner Weise gegen­wär­tig, so in der Bun­des­lade, durch die Pro­phe­ten. Aber die Gegen­wart, die jetzt ein­ge­setzt hat, ist der Gip­fel aller Anwe­sen­hei­ten Got­tes. Jetzt hat sich eine Begeg­nung Got­tes mit der Mensch­heit ereig­net, die alle frü­he­ren Kon­takte Got­tes mit den Men­schen über­scheint. „Der, der hier gebo­ren wird, ist der Hei­lige. Er wird groß sein und Sohn des Höchs­ten, Sohn Got­tes genannt wer­den. Gott wird ihm den Thron sei­nes Vaters David geben. Er wird Herr­schaft haben, und sei­ner Herr­schaft wird kein Ende sein.“ Das ist die Erfül­lung der Ver­hei­ßun­gen, die seit grauer Vor­zeit an das aus­er­wählte Volk ergan­gen sind.

Es stellt sich nun die Frage – eine schwie­rige Frage, meine lie­ben Freunde –, wie Maria selbst die Emp­fäng­nis und die Geburt ihres Kin­des und sein ver­bor­ge­nes Leben bei ihr ver­stan­den hat. Hat sie von Anfang an gewußt, daß ihr Sohn, den sie im Leib getra­gen und gebo­ren hat, der wesen­hafte Got­tes­sohn ist, oder hat sie zunächst die Ver­hei­ßun­gen des Alten Bun­des in dem Sinne ver­stan­den, wie sie das ganze Volk ver­stand, näm­lich daß der Mes­sias zwar ein erwähl­ter, ein aus­ge­zeich­ne­ter, ein gehei­lig­ter und von Gott gesand­ter Mensch sein wird, aber eben nur ein Mensch? Die Beant­wor­tung die­ser Frage muß dabei anset­zen, was Maria selbst von ihrem Sohne sagt. Aus ihrem Magni­fi­kat – „Hoch­prei­set meine Seele den Herrn“ – ergibt sich zunächst ein­mal mit Sicher­heit, daß sie von sei­nem Lei­den, von sei­ner Ver­wer­fung durch das eigene Volk nichts geahnt hat. Maria hat nicht von Anfang an gewußt, daß die­ser Mes­sias von sei­nem Volke abge­lehnt wer­den wird und daß er einen blu­ti­gen Kreu­zes­tod ster­ben muß. Denn das Magni­fi­kat ist erfüllt von Freude und Jubel und Dank­bar­keit. Es zeigt sich darin der Glaube des gan­zen jüdi­schen Volkes, daß die mes­sia­ni­sche Zeit eine Zeit des Glü­ckes, des Frie­dens und des Hei­les ist. Wenn wir sodann die Aus­drü­cke anschauen, die in den Kind­heits­ge­schich­ten vom Engel an Maria gerich­tet wer­den, dann tref­fen wir die Worte: „Er wird groß sein“, „er wird hei­lig sein“, die­ser Sohn, den sie gebä­ren soll, er wird „der Sohn des Höchs­ten“, er wird „der Sohn Got­tes“ genannt wer­den. Diese Aus­drü­cke bedeu­ten in der gan­zen alt­test­am­tent­li­chen Fröm­mig­keit bis hin zum Erschei­nen Jesu eine Erwäh­lung eines Men­schen zum Herold und Macht­trä­ger Got­tes. Sie bedeu­ten aber nicht, daß der Mes­sias der meta­phy­si­sche Got­tes­sohn ist. Sie besa­gen nicht, daß der Mes­sias die zweite Per­son in der Gott­heit ist. Und wir müs­sen anneh­men, daß Maria diese Worte auch so ver­stan­den hat, daß sie zwar den Mes­sias gebä­ren soll, den Ema­nuel, den Gott-mit-uns, aber daß ihr zunächst ver­hüllt war, daß die­ses ihr Kind der wesen­hafte Sohn des Vaters im Him­mel ist.

Der ohne Zwei­fel immer im rech­ten Glau­ben leh­rende Theo­loge Romano Guar­dini ist der Ansicht, daß es gar nicht mög­lich gewe­sen wäre, daß Maria von Anfang an um die wesen­hafte Got­tes­sohn­schaft ihres Soh­nes gewußt hätte. Das Leben wäre uner­träg­lich gewe­sen, meint er. Es wäre über ihre Kraft gegan­gen, in ihrem Kinde von Anfang an den meta­phy­si­schen Got­tes­sohn zu sehen. Auch Maria hat also eine Glau­bens­ge­schichte erlebt. Sie wurde in das Geheim­nis ihres Soh­nes all­mäh­lich ein­ge­führt. Die Hei­lige Schrift berich­tet ja mehr­mals, daß auch Maria ihren Sohn nicht ver­stand. Sie mußte also hin­ein­wach­sen in das Geheim­nis Got­tes und ihres Soh­nes. Aber sie ist hin­ein­ge­wach­sen, und es gibt eine Stunde, und man kann sie ange­ben, wo sie erkannt hat, was es um ihren Sohn ist. Diese Stunde ist die Her­ab­kunft des Hei­li­gen Geis­tes. Da waren 120 im Ober­ge­mach in Jeru­sa­lem ver­sam­melt, und über diese 120 kam im Stur­mes­brau­sen und mit Feu­er­zun­gen der Hei­lige Geist. Und er tat das, was Jesus von ihm vor­aus­ge­sagt hatte, näm­lich daß er die Sei­nen in alle Wahr­heit ein­füh­ren würde. Da hat sich auch für Maria der Schleier geho­ben. Sie war immer bereit, alles zu tun, was ihr Sohn, was Gott von ihr ver­langte, aber jetzt wurde ihr geschenkt, was sie bis­her noch nicht beses­sen hatte, näm­lich die Erkennt­nis des Wesens ihres Soh­nes. Seit dem Pfingst­fest wußte Maria, daß ihr Kind, das sie gehegt und gepflegt hatte, der wesen­hafte Sohn Got­tes ist. Seit dem Pfingst­fest wußte Maria, daß sein Leben nicht nur ein mes­sia­ni­sches, son­dern ein Leben des Got­tes­soh­nes auf Erden ist. Seit dem Pfingst­fest wußte sie, daß das Schick­sal ihres Soh­nes die Erlö­sung der Mensch­heit bedeu­tet.

Amen.
Mit freundlicher Genehmigung „Professor Georg May www.Glaubenswahrheit.org“
 
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